Die Weimarer Republik war nicht arm an finsteren Zeiten. Doch der Jubilar, dessen 80. Geburtstag am Montag in Berlin gefeiert wird, kam in einer kurzen, glückliche Ära zur Welt: im Frühjahr 1925. Die Umsturzstimmung nach Kriegsende war vorbei, überwunden endlich auch die strangulierende Inflation, die den Preis der gemeinen Schrippe auf mehrere Milliarden Reichsmark trieb, das Ausland linderte die Kriegsschuld. Schwarzer Freitag und Massenarbeitslosigkeit dräuten noch nicht, die Straßenschlachten zwischen rechts und links sollten erst Jahre später eskalieren.

Nur allzu deutlich erhellte sich da der Nachthimmel über Berlin. Weil Swing, Charleston und Jazz die Nacht zum Tage machten; aber vor allem, weil immer mehr Lichtbänder die Hausfassaden hinauf und hinunter verlegt wurden: Bunte Leuchtreklame veränderten das Stadtbild. Ebenso die Scheinwerfer der Kraftwagen, knapp 50 000 waren damals schon in der Viermillionenmetropole gemeldet.

Die Wirtschaft brummte, viele tausend Fabriken und Dienstleister boten ihre Arbeit feil; und fünf Jahre zuvor, 1920, war auch noch aus Berlin und sieben umliegenden, selbständigen Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken "Groß-Berlin" geworden. Noch war die Fließbandproduktion nicht richtig ins Rollen gekommen, standen die großen Konzentrationsprozesse erst bevor. Die Wirtschaft fand vor allem in Hinterhöfen, Remisen und kleinen Anwesen statt.

Die Branchen der Stadt versanken in der großen Unübersichtlichkeit, als 1924 Max Riesebrodt, Vizepräsident des Weltreklameverbandes, von einer Reise nach New York zurückgekehrt war - mit einer genialen Idee, die er von dort mitgebracht hatte: das Branchentelefonbuch.

1925 im Mai erschien die erste Ausgabe, damals schon mit 1160 Seiten ein wahrhaftiger Wälzer. Auf dem Titel ist zwar vermerkt: "5. Auflage". Doch all die Jahre zuvor hatte es nur dünne Heftchen gegeben, weil die früheren Herausgeber sich noch selbst aufwendig ein paar Adressen zusammengesucht hatten. Erst Max Riesebrodt kam an die kompletten Angaben der Post heran, die seinerzeit das Telefon der Stadt betrieb. Und weil die Post damals noch ein "Amt" war, war dies eben das erste "Amtliche Branchenfernsprechbuch".

Schon damals gab nicht die Post selbst die "Gelben Seiten" heraus, noch werden sie heute von der Telekom verlegt. Die Bücher für Berlin produziert die Branchen-Fernsprechbuch GmbH. Und das sind heute Hartmut Engel - eingeheirateter Erbe - und Susanne Engel-Förster, die Urenkelin von Max Riesebrodt. Die vierte Generation eines Familienbetriebs, der die komplette Wirtschaft der Stadt in all ihren Facetten katalogisiert. In guten wie in schlechten Zeiten. Mit rund 100 Mitarbeitern.

Man merkt es ihnen an, wenn sie erzählen in ihrem Sitz im vierten Stock eines Bürohauses an der Bundesallee, daß sie sich ihres Beobachterpostens über die Branchen Berlins bewußt sind. Hartmut Engel und seine Vorfahren haben die Angaben der Post stets nicht nur in Druckerschwärze für ihr Branchen-Fernsprechbuch (BFB) Buch verwandelt, sondern hielten immer wieder Kontakt zu großen und kleinen Unternehmen. Sei es, um sie zu Werbeanzeigen im Buch zu überreden, um die Zuordnung zu den Branchen zu überprüfen, zu schauen, ob sie überhaupt noch existieren. Riesebrodts wie Engels mußten und müssen täglich die Amtsblätter studieren, wer aus dem Buch zu streichen ist.

Familie Engel weiß mithin, wovon sie spricht, wenn sie von der Metamorphose Berlins von Deutschlands größtem Industriestandort über die politische Insel mit ihrer subventionierten Wirtschaft während des kalten Kriegs hin zur Dienstleistungsstadt in Schwierigkeiten erzählt.

Daß der Geburtstag jetzt überhaupt gefeiert werden kann, ist eher ein Glücksfall. Jahrzehntelang war nirgendwo ein Exemplar der ersten Ausgabe aufzutreiben, datierte man seine Herausgabe auf das Jahr 1924. Bis Rüdiger Hasewinkel, BFB-Pressesprecher, im vergangenen Herbst in der Staatsbibliothek in die tieferen Kellerregionen vorstieß und einen Band fand. Die Staatsbibliothek gestattet den Einblick nur in Anwesenheit eines eigenen Mitarbeiters, der auch bei der feierlichen Pressekonferenz am Montag ein Auge auf das Kleinod hat. Ist doch der wirtschaftsgeschichtliche Wert des Buches unersetzbar.

Aber auch der populäre Bildungs- wie Unterhaltungswert ist nicht zu unterschätzen für den Leser, der sich - mit etwas Geduld und hartnäckiger Neugier freilich - auf Entdeckungsreise durch die 1160 Seiten begibt. Die Rubrik "Heu und Stroh", die man heute im BFB vergeblich sucht, weist durchaus viele einschlägige Handlungen in der Innenstadt aus, erzählt einiges über den Verkehr und die Milchwirtschaft damals inmitten der Reichshauptstadt. An die 200 Pferdehandlungen boten Rösser an. Daß es damals Eisenbeton-Schiffbau gab, bestätigt uns, daß in Berlin nichts unmöglich war. Fast unendlich die Liste der Automobilfabriken in der Stadt, die jeden Oldtimerfan entzücken dürfte. Immerhin hatte die Stadt schon 16 Flugzeughersteller und -händler. Die Metzgereien strotzten noch vor Vielfalt: 1200 Einträge gab es damals, heute ganze 170. "Von Automobilfederschutzgamaschen" ist die Rede, Drahtseilbahnen, Füllfederhalterreparaturen, Pantoffeln, Sauerkohl, Fischbein oder Nußentkernungsanstalten bis zu Spazierstöcken, getrennt nach Horn, Metall und Silber - ausgestorbene Berufe en masse. Und mit diversen Querverweisen: "Hadern siehe Lumpen".

Andere Branchen sind durchaus noch am Leben, wenn auch nicht mehr im BFB in der Form präsent wie damals. Unter "Kunstmaler" finden wir in der Ausgabe 1925 auch illustre Prominenz: "Liebermann, Max, Pariser Platz Nr. 7, Zentrum 1568", "Corinth, Lovis, Klopstockstr. Nr. 48, Moabit 8434" oder "Ury, Lesser, Nollendorfstr. Nr. 1, Kurfürst 7282" - sie alle boten im Branchenbuch ihre Dienste an.

80 Jahre und mehrere wirtschaftliche sowie politische Zäsuren - da finden sich in der aktuellen Ausgabe nicht mehr viele Unternehmen von damals wieder: Louis Lohde Brunnenbau etwa, der Juwelier Lorenz, Bechstein-Pianofortefabrik, Hugo-Rossmann-Apparatebau und Saladruck - sie alle warben damals schon mit etwas größeren Anzeigen im Buch. Natürlich waren auch die Späth'schen Baumschulen präsent, der älteste noch existierende Gewerbebetrieb der Stadt, der - im Ostteil der Stadt - sämtliche Umbrüche der Geschichte mitmachen mußte.

Das Telefonieren war zwar nicht mehr neu in Berlin, es funktionierte bereits seit 1881, doch der Massenbetrieb nahm erst weit später Fahrt auf. Und so fühlten sich die BFB-Herausgeber berufen, ihre Leser in den richtigen Umgang mit dem Gerät einzuweisen: "Es ist wichtig, daß man sich einer klaren und deutlichen Aussprache befleißigt."

Alles lief noch über Vermittlungsämter. Und da kam es schließlich besonders auf die korrekte Angabe der Nummern an. In der Tabelle "Zahlen-Aussprache" lesen wir, daß es nicht fünf hieße, sondern "fünnef" und nicht einfach vier, sondern "fieär". Und "zwoh", natürlich. Irgendwie fand man die Anweisungen wohl selbst etwas bizarr, fühlte sich in Erklärungsnot: "Man lasse sich in seinem Urteil über diese Sprechweisen nicht leiten von dem zunächst ungewohnten und merkwürdigen Klang der Wortgebilde, sondern nur von ihrer erprobten tatsächlichen Zweckdienlichkeit."