Gropiusstadt

"Hier hat jede Generation Platz"

Besonders begeistert ist Ingeborg Junge-Reyer (SPD) von den neuen Bänken. 80 schicke Sitzgelegenheiten aus massivem Kambalaholz wurden in der Gropiusstadt seit dem Frühjahr neu aufgestellt.

An Spielplätzen, vor den Häuserblocks, am Wegesrand. "Da können dann die alten Leute, die sonst vom Fenster aus runterrufen und sich über die spielenden Kinder beschweren, stattdessen dazukommen und sich in eine ruhige Ecke setzen. Hier ist für jede Generation Platz!" sagt die Senatorin für Stadtentwicklung und schaut sich zufrieden im Harry-Liedtke-Pfad um.

Junge-Reyer ist auf Kieztour in der Gropiusstadt unterwegs. Gemeinsam mit Degewo-Vorstand Frank Bielka schaut sie sich an, wie das landeseigene Wohnungsunternehmen bis 2013 am südlichen Stadtrand 65 Millionen Euro verbauen möchte. Seit vergangenem Herbst werden die Grünanlagen nach Originalplänen aus den späten 60er-Jahren auf Vordermann gebracht, zwei Einkaufszentren umgebaut und Wohnungen energetisch saniert. Wenn alles in drei Jahren fertig ist, sind damit aber erst ein Drittel der insgesamt 3600 Wohnungen der Degewo in der Gropiusstadt modernisiert worden. "Weitere Schritte müssen folgen, das ist ganz klar", sagt Bielka. Die Senatorin nickt.

Mieten steigen leicht an

Abschlagen wird Junge-Reyer ihrem Parteifreund und ehemaligen Stadtentwicklungs-Staatssekretär, der seit 2003 das Unternehmen leitet, dieses Vorhaben eher nicht. Die Degewo ist auf Erfolgskurs. Weniger Leerstand, weniger Schulden und laut Bielka auch "rosige Aussichten". In drei Jahren rechne er in Berlin mit Wohnungsknappheit, sagte er kürzlich. 211 Millionen Euro nimmt die Degewo - und damit das Land - berlinweit in die Hand, um Wohnungen zu sanieren. Und gerade die Gropiusstadt habe Potenzial, sagt Bielka, schließlich wird in der Nähe gerade der Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) gebaut. "Wir rechnen da mit steigender Nachfrage, weil die BBI-Mitarbeiter hier auf halbem Wege zwischen Arbeitsplatz und Innenstadt im Grünen wohnen können", sagt Bielka, als er der Senatorin einen der frisch sanierten Wohnblöcke am Feuchtwangerweg zeigt. Die Mieten steigen durch die Sanierung von 4,24 auf fünf Euro pro Quadratmeter.

Am Käthe-Dorsch-Ring muss sich Junge-Reyer die Außen-Möblierung und die Grünanlagen anschauen. "Es bleibt grün, aber alles wird lichter gemacht, es gibt keine dunklen 'Angst-Räume' hinter Büschen mehr", erklärt Irina Herz, Leiterin des Kundenzentrums der Degewo in der Gropiusstadt. Die Holzbänke überall seien schon etwas teurer gewesen, aber deshalb würden sie von den Anwohnern auch pfleglicher behandelt, sagt Herz

"Hier geht es um die soziale Gestaltung einer ganzen Nachbarschaft, weit über das Wohnen hinaus", sagt Junge-Reyer. Mehrfach betont sie, wie "politisch bedeutend" es sei, hier Einfluss nehmen zu können. "Dafür ist es wichtig, dass Wohnungsgesellschaften weiterhin beim Land bleiben", möchte die Sozialdemokratin mitteilen, deren Partei gerade fieberhaft an einem Konzept zur Rekommunalisierung arbeitet, um möglichst noch mehr Bereiche wie Wasser- und Energieversorgung in die öffentliche Hand zurückzuholen. Der Rundgang, den Junge-Reyer an diesem Vormittag macht, wird seit Mai auch für jedermann als Führung durch "Geschichte und Zukunft" der Gropiusstadt angeboten. Bei dieser Führung wird man auf dem Spielplatz jedoch nicht eine Sozialpädagogin aus dem "Kiezladen Groopies" mit Spielekiste antreffen, die - ganz zufällig - von der Arbeit mit den Kindern erzählt. Und auch die gerade sanierte Wohnung der Tißlers im Feuchtwangerweg wird dann wohl verschlossen bleiben. Dort zeigen Sabine und Jörg Tißler mit ihren Töchtern Jamie-Lee und Joyce der Senatorin ihr neues Bad und die Aussicht aus den neuen Fenstern. "Ein super Lebensgefühl ist das jetzt hier", sagt Tißler, der seit seinem zwölften Lebensjahr in der Gropiusstadt zu Hause ist. "Jeder kennt hier jeden."

Eher könnte man bei einer Kieztour ohne Senatorin Anwohner wie Zelina Atas (38) treffen, die erzählt, dass man sich gegen Abend nicht mehr auf den großen Spielplatz trauen kann, weil da "große Gruppen Erwachsener rumhängen, pöbeln und oft auch saufen". Ab dem späten Nachmittag würde hier die Stimmung umschlagen, sagt Atas. Die junge Frau schiebt ihren Zwillingskinderwagen zu ihrem Wohnblock am Joachim-Gottschalk-Weg. Ihr kleiner Sohn schreit dabei wie am Spieß. Da tritt im ersten Stock ein alter Mann auf den Balkon. "Ruhe hier, ihr Arschlöcher!", brüllt er Zelina Atas an. Im nächsten Jahr werden auch die 26 Stockwerke am Joachim-Gottschalk-Weg saniert. Mit neuen Bänken für bessere Generationenverständigung.

"Wir rechnen hier mit steigender Nachfrage durch die neuen Mitarbeiter am BBI"

Frank Bielka, Vorstandschef Degewo