Schon früh zu lernen, wie es bei Handwerkern zugeht, sei später hilfreich gewesen, räumt er heute ein. Der Vater war Schlosser und hatte eine eigene Firma, die Mutter kam aus einer Bäckerfamilie. Der Sohn wollte keine (kleinen) Brötchen backen. Er wurde Architekt - hat somit letztlich doch wieder auf dem Bau zu tun - und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Architektur und Kunst; mit großem Erfolg. In der internationalen Szene gilt Mayer H. als Trendsetter. Zahlreiche Auszeichnungen dekorieren sein Werk. Allen voran der renommierte Mies-van-der-Rohe-Nachwuchspreis für sein erstes Gebäude, ein hochmodernes Stadthaus im baden-württembergischen Ostfildern, das unter anderem computergesteuerten Regen integriert. Modelle von Mayer H.s Bauten und Objekte sind Teile renommierter Sammlungen wie der Museen of Modern Art in New York oder in San Francisco. Calvin Klein engagierte Mayer H. jüngst für die Installation seiner Modeshow auf der Fashion Week. Jetzt baut Mayer H. in Berlin.

In Imagefragen ist er pingelig

Der heimliche Star der Szene wirkt unkompliziert bei unserer ersten Begegnung in seinem Büro an der Bleibtreustraße. Dort wirbeln 18 junge Mitarbeiter, wir gehen einen Stock höher in Mayer H.s Wohnung. Der Architekt verschwindet kurz, tauscht schnell sein rosafarbenes T-Shirt gegen ein Hemd und legt ein blaues Jackett zur Seite. Fürs Foto, wie er sagt. Das müsse von ihm freigegeben werden, betont der sonst zurückhaltend freundliche Dreitagebartträger plötzlich recht bestimmt - schnell zeigt er uns noch seine Schokoladenseite, die linke. Wenn es ums Image geht, ist er pingelig.

"Beruflich bin ich neugierig und manchmal etwas ungeduldig, aber belastbar", sagt Mayer H. über sich selbst. Der Mann entwirft Bettwäsche oder Möbel als Objekte, er designt Produkte, arbeitet als Künstler, wobei er Datensicherungsmuster nutzt. Datensicherungsmuster? Die kennen Sie aus dem Inneren von Briefumschlägen. Vor allem aber realisiert er außergewöhnliche Gebäude, die nicht nur für Stararchitekt Peter Eisenman Inbegriff innovativer Architektur aus Deutschland sind. Dass der Wahlberliner aus Stuttgart bislang noch kein einziges Gebäude in der Hauptstadt realisiert hat, begründet er mit der "jahrelang relativ strikten Baupolitik hier". Mayer H. meint den Einfluss des früheren Senatsbaudirektors Hans Stimmann auf die bisherige Gestaltung der Stadt. "Steinfassaden mit Rasterelementen - damit hat sich's", bringt der Bau-Künstler seine Sicht der lange vorherrschenden Gestaltungsmaxime auf den Punkt. Dass es in der historischen Mitte anders geht, will der Architekt jetzt mit seinem ersten Neubau für die Euroboden GmbH in Berlin zeigen.

"JOH 3" ist der Name des Apartmenthauses, das bis Ende 2011 neben der denkmalgeschützten Kalkscheune an der Johannisstraße 3 in Mitte eine Baulücke schließt. Wobei das angrenzende Nachbargebäude die Möglichkeiten der äußeren Form beschränkt. Mayer H., dessen Bauten sonst weitaus kurviger oder skulpturaler erscheinen, setzt dafür mit einer außergewöhnlichen Fassade ein Zeichen. Der siebengeschossige Glasbau erhält eine Hülle aus Aluminiumlamellen, die von außen blickdicht sind, von innen aber Ausblick gewähren. Absolut freie Sicht ermöglichen abgerundete Aussparungen in der Haus-Bekleidung aus Aluminium.

Auch in den 25 Wohnungen geht es innovativ "rund". "Das Haus spielt mit allen Formen, so gibt es in den Wohnbereichen abgerundete Vertiefungen, Wohnkuhlen, die sich wiederum in den darunter liegenden Wohnungen in der Decke ausdrücken", erläutert Mayer H. sein Konzept. Die Raumhöhen variieren von 3,20 bis zu 5,80 Metern in den Galeriebereichen. "Jeder Grundriss ist individuell, keine Wohnung gleicht der anderen", ergänzt der kreative Planer. Auf die Frage, warum er in Zeiten nachhaltigen Bauens das energieaufwändig produzierte Material Aluminium nutzt, verweist Mayer H. in der ihm eigenen ruhigen Art auf die "hundertprozentige Wiederverwertbarkeit von Aluminium" - für den Planer ein Plus.

Der Formenluxus von Fassade und Innenausbau hat allerdings seinen Preis: die kleine 52-Quadratmeter-Wohnung kostet bereits 250 000 Euro, das mit 314 Quadratmeter große Penthouse sogar 2,5 Millionen Euro.

Der Name des Neubaus "JOH 3" steht übrigens für die abgekürzte Adresse der Luxusimmobilie: Johannisstraße 3. Mayer mag offenbar Abkürzungen. So nennt er sich seit Anfang der 90er-Jahre J. Mayer H. Warum? Das habe sich aus einer Laune heraus entwickelt. "Damals hatte ein gleichnamiger Künstler auf der documenta großen Erfolg, Diese Verwechslung war schmeichelhaft, aber ich wollte nicht mit ihm verwechselt werden", begründet er den Wandel von Jürgen Hermann Mayer in J. Mayer H., und lächelt. Die künstliche Kurzform habe sich derweil als Marke etabliert. Auch nicht schlecht: Aus einer Laune wurde ein Branding. Offenbar hatte der Absolvent der Stuttgarter Universität und Stipendiat der renommierten Architektenschmiede Cooper Union in New York sowie der Elite-Universität in Princeton schon am Anfang seiner Karriere ein gesundes Selbstbewusstsein. So, wie er auch schon früh wusste, was er wollte - im künstlerischen Bereich begehbarer Skulpturen zu arbeiten. "Dafür schien mir das Studium der Architektur am sinnvollsten", sagt er. Das Oeuvre des 44-Jährigen kann sich sehen lassen. Es gibt sogar schon einen dicken Bildband - "J. Mayer H." ist der Titel des 237 Seiten dicken Buches, das eine Auswahl seiner Arbeiten präsentiert: von der Bettwäsche mit temperaturempfindlicher Farbe, die durch (Körper-)Wärme verschwindet (und natürlich nur Kunstobjekt ist), über den wirklich unbeschreiblichen fließenden Erweiterungsbau einer Privatvilla bei Ludwigsburg bis hin zu einem seiner aktuellen Projekte, dem "Metropol Parasol". So nennt der umtriebige Architekt seine fantasievolle Neugestaltung der Plaza de la Encarnación im spanischen Sevilla .Mayer H.s Ideen für den aktuellen Audi Urban Future Award fehlen in dem Buch. Wie sich das automatisierte Fahren ferngesteuerter Autos auf die Stadt der Zukunft auswirkt, präsentiert der Allrounder im August in Venedig. Eins ist klar: Mayer H.s Angst vor Verwechslungen war unbegründet. Seine Arbeiten sind das Gegenteil: unverwechselbar.