Jugend

Applaus für mehr Selbstwert

Erst die Pflicht und dann die Kür. Weil sein Vater von ihm verlangte, etwas Ordentliches zu lernen, wurde Torsten Hebel zunächst Tischler. Doch seine künstlerischen Ambitionen drängten schnell hervor.

In Los Angeles ließ er sich zum Schauspieler ausbilden. Zurück in Deutschland, spürte er in einem Theologiestudium noch den Grundfragen des Lebens nach. Seine handwerklichen Fertigkeiten, kombiniert mit Kenntnissen in Philosophie- und Glaubensfragen, gepaart mit der großen Lust, mit Menschen zu kommunizieren, prädestinieren den 44 Jahre alten Wahlberliner für ein besonderes Jugendprojekt, das er heute in Lichtenberg startet.

Das Ziel ist die Aufführung einer Theaterproduktion mit Musik und Tanz, an der 130 Kinder beteiligt sind. In kleinen Arbeitsgruppen werden die Teilnehmer das Stück selbst entwickeln, bevor regelmäßig geprobt wird. Aber nicht nur Nachwuchs-Schauspieler werden gebraucht. Ebenso wichtig ist der Kulissenbau, die musikalische und tänzerische Choreografie, sogar ein Film soll gedreht werden. Und das Wichtigste: Der Weg bis zur Premiere soll nicht steinern sein, sondern Spaß machen. Drei Durchläufe soll es geben, sodass fast 400 junge Menschen die Chance haben, beim Musical mitzumachen.

"Ein Mensch, der einmal Applaus bekommen hat, kann anders, besser, mit sich und dem Leben umgehen", weiß Torsten Hebel, der verheiratet ist, eine zweijährige Tochter hat und seit fast neun Jahren in Prenzlauer Berg wohnt. Seine Devise: Jeder Mensch hat Stärken, und die gilt es zu fördern. Für das Jugendprojekt hat die Aktion Mensch bereits eine Unterstützung von rund 220 000 Euro zugesagt.

Für sein Projekt hat Hebel sich zwei Plattenbauten in Lichtenberg ausgeguckt. In den Häusern am Weißenseer Weg wohnen etwa 1300 Menschen - viele davon sind arbeitslos. Rund ein Drittel der Bewohner sind Kinder und Jugendliche, sagt Hebel. Er hofft, dass möglichst viele Kinder mitmachen. Sie hätten wenige Gelegenheiten, ihre Stärken zu entfalten. Im Gegenteil: Viele Familien seien verschuldet und zögen sich immer mehr aus dem öffentlichen Leben zurück.

Vorbeikommen und mitmachen

In dem Projekt sollen die Kinder und Jugendlichen acht Monate lang die Gelegenheit erhalten, sich musikalisch, tänzerisch und schauspielerisch ausbilden zu lassen. Auch einen Technik-Workshop wird es geben. Sie werden in Kleingruppen trainieren, angeleitet von engagierten Tänzern, Schauspielern, Musikern und Pädagogen. Das große Zirkuszelt im Garten des Büros von "blu:boks Berlin" auf dem Gelände an der Möllendorffstraße 66-67 ist bereits aufgestellt. Hier wird ab heute geprobt, hier finden die Casting-Shows statt, in denen herausgefunden wird, was die Teilnehmer drauf haben und was sie gelernt haben. Das Motto lautet: Vorbeikommen und mitmachen.

Hebel hat die "blu:boks Berlin" (in Lautschrift geschrieben, auf Deutsch: blauer Kasten) extra für das sozial-kulturelle Projekt gegründet. Die "Blue-Box-Technik" ist ein Verfahren in der Videotechnik, das es ermöglicht, Gegenstände oder Personen nachträglich vor einen Hintergrund zu platzieren, der entweder eine reale Filmaufnahme oder eine Computergrafik enthalten kann. Genau das will Hebel mit seinem Projekt erreichen: "Das Problem der jungen Generation ist mangelnder Selbstwert. Wir wollen die jungen Menschen stärken und ihnen einen neuen Hintergrund für ihr Leben geben!"

Träger des Jugendprojekts ist das Blaue Kreuz in Deutschland e.V., das Suchtkranken helfen und mit diesem Kinder- und Jugendprojekt auch präventiv tätig sein will. Grundsatz von "blu:boks": Wir suchen die Gaben und Talente, entwickeln sie, und die gemeinsame Arbeit soll allen Spaß machen.

Dass Hebel bereits ein Jugendzentrum in Düsseldorf leitete und in Toronto gelernt hat, wie man Filme produziert, kommt ihm zugute. Wegen seiner Auftritte mit einem eigenen Solo-Comedy-Programm kennt er viele Menschen - ein Vorteil beim Sammeln von Spenden. Insgesamt muss Hebel rund 400 000 Euro Kosten für das auf drei Jahre angelegte Jugendprojekt durch Spenden und Zuschüsse abdecken.