Musikalische Bildung

Künstler kämpfen für Musikunterricht

In den Schulen der Stadt soll wieder mehr Musik spielen. Um den stetigen Abbau der Unterrichtsstunden für die musikalische Erziehung zu stoppen, hat ein Zusammenschluss von Landesmusikrat, Philharmonikern, Konzerthaus, Akademie der Künste und Deutschem Kulturrat gestern die Kampagne "Ohne Musik keine Bildung" gestartet.

Alle, die sich für mehr Musik in Kitas, Schulen und Musikschulen einsetzen wollen, können sich daran beteiligen und ihr Stimme im Internet unter www.ohne-musik-keine-bildung.de abgeben.

Die Aktion soll genau ein Jahr laufen. Nach Ablauf dieser Frist will die Initiative mit den gesammelten Stimmen in der Hand in der Politik auf eine Verbesserung der Musikerziehung von Kindern und Jugendlichen drängen. Christian Höppner, Präsident des Landesmusikrates, machte gestern erneut auf die "brenzlige Situation in der musikalischen Bildung" aufmerksam. Allein 6500 Kinder stünden auf der Warteliste an den zwölf Musikschulen in Berlin, und auch an den Schulen werde kein kontinuierlicher Musikunterricht angeboten. "Jedem Kind und Jugendlichen soll der Zugang zur aktiven musikalischen Erfahrung ermöglicht werden", sagt Höppner. Wer Musik mache, lerne zuzuhören, werde neugierig und entdecke seine eigenen Potenziale.

Erst Anfang März hatten Berliner Star-Dirigenten und Opernintendanten - allen voran Sir Simon Rattle und Daniel Barenboim - in einem offenen Brief an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gegen den Abbau der Schulmusik protestiert. An den Realschulen gab es bislang 1,5 Stunden Musikunterricht pro Woche. Für Schüler der neuen Sekundarschulen ist nur noch eine einzige Stunde Musik verbindlich. Besonders erbost sind die Künstler darüber, dass in den Klassen 7 bis 9 gar kein Musikunterricht stattfinden muss, weil es dann ein Wahlfach ist und gegen das Fach Bildende Kunst ausgetauscht werden kann.

Der Protest habe einen ersten kleinen Erfolg gezeigt, sagte gestern Pamela Rosenberg, Intendantin der Berliner Philharmoniker. Immerhin habe sich der Bildungssenator auf Druck der Öffentlichkeit mit den Künstlern zu einem dreistündigen Gespräch getroffen. Allerdings sei nicht dabei herausgekommen, dass die Zahl der Pflichtstunden erhöht wird. Stattdessen habe Jürgen Zöllner auf die neuen fünf Poolstunden hingewiesen, die jede Schule entsprechend ihres Profils - also für den Musikunterricht, aber auch für Naturwissenschaften und Sprachen - einsetzen könne. Nach einem halben Jahr wolle sich der Bildungssenator ein Bild davon machen, wie die Poolstunden verwendet werden. Dieses Versprechen habe er gegeben. "Wenn keine Musik gemacht wird, will Jürgen Zöllner das Problem wieder selbst in die Hand nehmen", sagt Pamela Rosenberg. Das stimme sie ein bisschen optimistisch. Dennoch: Erklärtes Ziel sei, so Frau Rosenberg, wieder mehr Pflichtstunden im Fach Musik zu bekommen.

Sebastian Nordmann, Intendant des Konzerthauses Berlin und Mitinitiator der Kampagne, sieht wegen der Kürzung der Stunden noch ein anderes Problem. "Wenn der Musikunterricht vom Pflicht- zum Wahlfach wird, werden die Musiklehrer als Ansprechpartner für das Konzerthaus fehlen", sagt Nordmann. Darunter würde auch die Kontinuität der Projektarbeit leiden.

Aber nicht nur an den Schulen fehlt es an der musikalischen Förderung. Auch die zwölf Musikschulen in den Bezirken leiden unter der schlechten Ausstattung. Zehn Prozent der Musikschullehrer seien in Berlin fest angestellt, sagte Pamela Rosenberg. Im bundesweiten Durchschnitt liege die Festanstellung der Lehrer bei 60 Prozent. Auch die Gehälter seien niedriger als in anderen Bundesländern, was dazu führe, dass die Lehrer abwandern.

Das Problem ist bekannt: Die Musikschul- und Volkshochschullandschaft soll so schnell wie möglich reformiert werden. Dafür haben sich Vertreter aller Fraktionen im jüngsten Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses ausgesprochen. Grundlage für die Neuorganisation beider Bildungseinrichtungen ist der Abschlussbericht einer von Bildungssenator Jürgen Zöllner einberufenen Kommission.

Der Bericht sieht unter anderem Mindeststandarts bei der Personalausstattung, bei Angeboten und dem Versorgungsgrad vor. Ziel der Reform ist es, für alle Volkshochschulen und Musikschulen einheitliche Kriterien zu schaffen. Damit sollen alle bezirklichen Filialen vergleichbar werden. Landesmusikrats-Präsident Christian Höppner bezeichnete den Kommissionsbericht als einen "richtigen Schritt in die richtige Richtung".