Wohnungsbau

Drastische Mieterhöhungen zwingen Familien zum Auszug

In nur vier Monaten die zweite Mieterhöhung. Das erleben derzeit einige Mieter der Wohnanlage am Fanny-Hensel-Weg in Kreuzberg. "Ich dachte solche Willkür gibt es nur in Ländern der Dritten Welt", sagt Naim Ashour.

Der 43-jährige Familienvater soll demnach ab 1. Mai 9,62 Euro pro Quadratmeter zahlen. Erst im März hatte er von seinem Vermieter die Aufforderung erhalten, statt bis dahin 5,33 Euro nun 7,34 Euro zu bezahlen. "Das ist kaum zu schaffen, zumal ich jeden Cent benötige um den Schritt in die Selbstständigkeit zu schaffen", sagt der Vater von fünf Kindern.

Die neuerliche Mietforderung kann Ashour kaum begleichen, das Sozialamt wird die Mehrkosten aber auch nicht übernehmen. Eine ausweglose Situation für die arabischstämmige Familie. Nach Auffassung des Mietersprechers der Wohnanlage, Sebastian Jung, betreibe der Vermieter eine gezielte Verdrängung von arabisch- und türkischstämmigen Familien aus dem Kiez. "Denn bislang wurde nur diesen Familien die Mieterhöhung schriftlich zugestellt", sagt Jung.

Diese Vorwürfe weist der Eigentümer zurück. "In den Häusern leben nun einmal mehr als 90 Prozent Ausländer. Zudem hat auch Herr Jung von mir mündlich die Ankündigung einer Mieterhöhung erhalten", sagt Hausverwalter Frank Fitzke. Der Grund für die Mietsteigerung sei ein rein wirtschaftlicher. Fünfraumwohnungen sind derzeit besonders gefragt und gut zu vermieten. "Dass wir jedoch bei unseren Entscheidungen über eine notwendige Mieterhöhung durchaus auch soziale Aspekte berücksichtigen, belegt die Tatsache, dass bislang von keiner Mietpartei der mögliche Mietsatz von 13 Euro verlangt wurde", sagt Fitzke.

Die 150 Wohnungen am Fanny-Hensel-Weg und an der Schöneberger Straße wurden 1989 zur Internationalen Bauausstellung (IBA) als sozialer Wohnungsbau errichtet. Auf Beschluss des Abgeordnetenhauses wurde vor wenigen Wochen die sogenannte Anschlussfinanzierung gestrichen. Durch sie hatten einerseits die Eigentümer der Wohnungen die Sicherheit, dass die öffentliche Hand die Differenz zwischen dem für den Wohnungsbau berechneten Kostensatz und der tatsächlich von den Mietern gezahlten Sozialmiete ausgeglichen wird. Das Land zahlte monatlich pro Quadratmeter Wohnfläche mehr als sieben Euro Zuschuss an die Hauseigentümer. Für die Mieter bestand zugleich die Gewissheit, dass ihre Mieten über einen längeren Zeitraum niedrig blieben. Mit dem Wegfall dieser Subvention sind die Mieten in der Wohnanlage am Fanny-Hensel-Weg in kürzester Zeit um mehr als 30 Prozent, von 5,33 Euro auf 7,34 Euro gestiegen. Und jetzt hat der Eigentümer der Wohnanlage, die Elfte Emc Asset Management GmbH & Co. KG, für einige Familien erneut die Miete angehoben. Ein Ende der Spirale ist nicht abzusehen. "Als Mieter einstiger Sozialwohnungen haben wir offenkundig weniger Rechte als der normale Mieter", sagt Mietersprecher Sebastian Jung. Denn während in einem normalen Mietverhältnis die Miete vom Eigentümer innerhalb von drei Jahren nur um maximal 20 Prozent erhöht werden darf und es hierzu der Einwilligung des Mieters bedarf, gelten diese Regeln im Fall der Wohnsiedlung am Fanny-Hensel-Weg nicht.

Den Mietern bleibt der Auszug. Doch wohin? Die vom Senat eigens benannten Wohnungsgesellschaften bieten Wohnungen in Wedding und Falkensee. Weit weg vom anvertrauten Kiez. Schlimm vor allem für die Kinder, die dann in ein neues soziales Umfeld geworfen werden. Doch wer nicht kündigt, dem droht vielleicht schon in zwei Monaten die nächste Mieterhöhung.