Gedenkveranstaltung

Die letzten Opfer der Gestapo in Berlin

Wer eine Leiche findet, ruft normalerweise die Polizei - wer acht Leichen findet, erst recht. Aber normal ist nichts Ende April 1945 in Berlin. Denn unablässig donnern sowjetische Kanonen ihre Granaten in die eingekesselte Innenstadt. Stunde für Stunde sterben in diesen Tagen Hunderte Menschen gewaltsam.

Bei den Kämpfen sind es Rotarmisten und deutsche Verteidiger, beim Bombardement vor allem Zivilisten, aber auch Zwangsarbeiter. Zudem nehmen sich viele Deutsche das Leben - darunter kleine und große Nazis ebenso wie vergewaltigte Frauen.

Trotzdem funktioniert die Routine, als in der Ruine des Restaurants auf dem Ulap-Gelände zwischen Spree und Stadtbahn am Morgen des 23. April 1945 acht Leichen entdeckt werden. Das nächste Polizeirevier schickt drei Beamte, die schnell feststellen, dass die mit Genickschüssen getöteten Männer "wahrscheinlich einem politischen Mord" zum Opfer gefallen seien. Also ein Fall für die Kripo, deren Chef Robert Schefe eine Mordkommission einsetzt und die Toten ins Leichenschauhaus der Charité bringen lässt. Doch die Ermittlungen enden schnell, als sich herausstellt, dass es um "eine Sache der Gestapo" geht.

Genau 65 Jahre später hat Johannes Tuchel, der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock, die Umstände dieses Leichenfundes und seine Vorgeschichte rekonstruiert. Es handelte sich bei den acht Männern um einige der allerletzten 18 Menschen, die Heinrich Himmlers Gestapo zum Opfer fielen - nach Millionen anderen Toten des SS-Apparates.

Hitler hatte nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 angekündigt, die Verschwörer "umbarmherzig auszurotten". Hunderte Regimegegner, darunter Verschwörer und Mitwisser des Attentats, aber auch daran unbeteiligte Regimegegner, wurden verhaftet, häufig gefoltert, in Dutzenden Fällen vom Volksgerichtshof verurteilt und hingerichtet. Doch so sehr diese Verfahren nur Schauprozesse waren, so sehr erwiesen sie sich als Bremse. Anfang April 1945, als die Niederlage der Wehrmacht und damit das Ende Hitler-Deutschlands unübersehbar bevorstand, saßen immer noch Dutzende Gefangene aus dem Kontext des 20. Juli in Haft.

Da Hitler ungern einen Schauprozess gegen die Verschwörer aus den Reihen seines eigenen militärischen Geheimdienstes, des "Amtes Ausland/Abwehr", inszenieren wollte, entschied er am 5. April 1945, alle verhafteten früheren Abwehr-Offiziere ohne Volksgerichtshof-Urteil ermorden zu lassen. So starben am 9. April im KZ Flossenbürg der ehemalige Abwehr-Chef Wilhelm Canaris, die Köpfe der Opposition im Geheimdienst Hans von Dohnanyi und Hans Oster sowie weitere Hitler-Gegner, darunter Dietrich Bonhoeffer. Aber auch danach saßen noch immer Häftlinge in Berliner Gefängnissen. Zu ihnen gehörte Karl Ludwig von und zu Guttenberg, ein konservativer Hitler-Gegner und Urgroßonkel des heutigen Verteidigungsministers.

Tuchel kann dank seiner Forschungen erklären, wie es zu den Morden in Moabit am 22./23. April 1945 kam. Den konkreten Befehl, die "Führerweisung" umzusetzen, gab Gestapo-Chef Heinrich Müller. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen, wollte anders als Himmler und sein direkter Vorgesetzter Ernst Kaltenbrunner nicht flüchten oder untertauchen. Vielmehr machte er sich unter sowjetischem Dauerfeuer daran, offene Rechnungen zu "begleichen".

Dabei half ihm der SS-Offizier Kurt Stawizki, einer der übelsten Massenmörder der Zeitgeschichte. 1941 bis 1943 wurden unter seiner Verantwortung mehr als eine halbe Million Juden umgebracht. Ein Jahr später zerschlug er den Hamburger Zweig der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Dann ermittelte Stawizki gegen die Verschwörer des 20. Juli und misshandelte sie teilweise. Und er war beteiligt an der Ermordung von Canaris in Flossenbürg.

Am 22. April 1945 abends tauchte Stawizki mit klaren Anweisungen im Zellengefängnis Lehrter Straße auf; wenige Stunden später exekutierte ein Kommando aus rund 30 SS-Leuten per Genickschuss 15 der letzten Insassen des Gefängnisses. Acht Leichen wurden am nächsten Morgen gefunden, die anderen sieben erst drei Wochen später. Das Mordkommando hatte es eilig, denn in derselben Nacht mussten noch weitere Gefangene erschossen werden - wahrscheinlich wieder unter Stawizkis Kommando.

In der nächsten Nacht traf dasselbe Schicksal auch Karl Ludwig von und zu Guttenberg sowie zwei Leidensgenossen; warum sie nicht schon mit den anderen getötet wurden, ist offen. Ihre Leichen wurden nie gefunden - vielleicht gehören sie zu den 64 überwiegend nicht identifizierten Toten, die Anfang Mai 1945 in einem Bombentrichter auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof verscharrt wurden. Johannes Tuchel jedenfalls hält das für denkbar. Nach 65 Jahren sind fast alle Rätsel um die letzten Gestapo-Opfer in Berlin damit geklärt.

Gedenkveranstaltung heute um 19 Uhr in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße.