Neugestaltung

Kritik an Plan für Marx-Engels-Forum

Die Pläne zur Neugestaltung des Marx-Engels-Forums zwischen dem Nikolaiviertel und der Karl-Liebknecht-Straße sind ein "riesiges Luftschloss".

Das jedenfalls sagt Mittes stellvertretender Bürgermeister und Bezirksstadtrat für Wirtschaft sowie Immobilien, Joachim Zeller (CDU), und lässt Fakten sprechen: "Die Vorstellungen des Regierenden Bürgermeisters Wowereit für die Bebauung des historischen Stadtkerns sind unrealistisch. Die Grundstücke gehören bei einer Bebauung nicht mehr dem Land." Alte Restitutionsansprüche von Alteigentümern in dreistelliger Millionenhöhe würden aufleben, wenn aus der Grünfläche wieder Bauland wird. Mehr als 50 Grundstückseigentümer im angedachten Bereich - darunter die Deutsche Post sowie 18 jüdische, von den Nazis enteignete Besitzer - hätten bei einer Neubebauung Anspruch auf Entschädigung. Falls sich das Projekt bis rund um den Fernsehturm ausdehnen würde, wären mehr als 125 Grundstücke betroffen.

Bebauung nicht zulässig

Fest steht, dass das derzeitige Planungsrecht für das Marx-Engels-Forum und das angrenzende Areal bis hinter den Fernsehturm eine Bebauung nicht zulässt. Joachim Zeller: "Nach der Vereinigung wurde das ganze Gelände zur Grünfläche, teilweise schon zu DDR-Zeiten." Teilweise wurden Anfang der 90er-Jahre Vermögensverluste von Alteigentümern entsprechend - nach Grünflächenpreis - vergütet. "Bei fast allen geschah das unter Vorbehalt und mit der Klausel, dass bei Umwandlung der Grundstücke in Bauland neu verhandelt würde."

Als völlig abwegig und "blauäugig" bezeichnet Stadtrat Zeller die Prognose von Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD), der die Bebauung des historischen Stadtkerns als "besonders lukrativ für das Land" bezeichnete. "Er scheint zu verkennen, dass das Areal nicht in einem Stück an einen Investor veräußert werden kann. Bei der Kleinteiligkeit der Grundstücke wird es mit Sicherheit endlose Verhandlungen geben", so Zeller.

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass allein die Jewish Claims Conference (JCC) ein "konsequenter und unbequemer" Gegenpart sei. "Bei der Vielzahl der zwischen 1933 und 1945 widerrechtlich enteigneten Grundstücke mit jüdischem Hintergrund innerhalb des heutigen Marx-Engels-Forums, dürfte es harte Verhandlungen geben", so Zeller. Die JCC vertritt seit ihrer Gründung 1951 Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und Holocaust-Überlebender. Die Organisation hat ihren Sitz in New York und unterhält in Frankfurt/M., Wien und Tel Aviv Repräsentanzen.

Neben den Restitutionsansprüchen jüdischer Alteigentümer oder deren Nachfolger dürfte auch die Deutsche Post auf einem angemessenen Ausgleich bestehen. Schließlich stand auf dem größten Grundstück des Marx-Engels-Forum das große zentrale Postamt C 2. Im alten Berlin erhielten die Postämter stets ihre Bezeichnungen nach den Himmelsrichtungen. Das "C" stand für "Central". Da zu DDR-Zeiten das westliche Berlin (dort gab es Nummerierungen nach Bezirken, so "9" für Charlottenburg) kein Postamt mit einem "C" hatte, setzte sich die DDR mit dem Buchstaben ab.

Dass Restitutionsansprüche die Terminplanungen des Senats immer wieder beeinflussen, zeigte jüngst das Beispiel Schinkelplatz. Dort gab es kürzlich grünes Licht vom Land für die Bebauung des Innenstadtareals nördlich und östlich der Friedrichwerderschen Kirche. In dem Quartier sollen Gebäude entstehen, die für Verwaltung, Handel, Dienstleistungen, Kultur und Gastronomie, aber auch für Wohnungen genutzt werden. Allerdings stagnieren Planung und Fortführung derzeit.

Irina Dähne, die Sprecherin des Liegenschaftsfonds Berlin, sagte der Berliner Morgenpost, dass es derzeit keinen konkreten Terminplan für die Bebauung des Schinkelplatzes gebe. Für Grundstücke des Areals wurden Restitutionsansprüche geltend gemacht. Wann es dort weitergeht, ist offen. Nach Auskunft des Liegenschaftsfonds-Chefs Holger Lippmann hofft man auf eine Klärung bis Ende dieses Jahres.

Übrigens sollte die blaue Humboldt-Box ursprünglich gegenüber dem Dom, an der Uferpromenade des Marx-Engels-Forums an der Spree, errichtet werden. Das scheiterte, weil man einen Bebauungsplan für die temporäre Kunsthalle hätte aufstellen müssen. "Sofort hätten sich in diesem Fall die Alteigentümer gemeldet", so Zeller. So wurde der Plan verworfen und die Box gegenüber dem Lustgarten auf dem Schlossareal errichtet.

Grundsätzlich wolle sich Zeller den neuen Ideen nicht verschließen, zumal das Marx-Engels-Forum durch den Bau der U-Bahn-Linie 5 auf Jahre zur Baustelle werde. "Die Zeit sollte genutzt werden, um eine politische Entscheidung zu treffen. Dabei sollte man sich im Klaren sein, dass unter den bestehenden Verhältnissen auf die Schnelle nichts passieren kann."

Das Marx-Engels-Forum ist Bestandteil des ehemaligen Marienviertels von Alt-Berlin. Auf dem Areal zwischen Fernsehturm, Schloßplatz und Rotem Rathaus steht heute nur noch die Marienkirche als Relikt der Vergangenheit. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte man hier noch 140 Grundstücke, auf denen sich Wohn-, Büro-, Geschäfts- und Warenhäuser, Postamt und Markthalle in traditioneller Mischung befanden. Nach Enteignungen zur NS-Zeit folgten weitere Anfang der 50er-Jahre unter DDR-Regie, zahlreiche Gebäude wurden abgerissen. Nach dem Umdenken der Stadtplaner wurde von 1981 bis 1987 (zur 750-Jahr-Feier Berlins) das angrenzende Nikolaiviertel gebaut, die Nikolaikirche restauriert. Der damalige Architekt Günter Stahn wollte mit dem Viertel den "Bezug zum Ursprünglichen" herstellen.

Während der Bauzeit entstand 1983 zwischen Spree und Spandauer Straße das Marx-Engels-Forum. Von 1971 bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Freifläche (nach Abriss von Stadthäusern) den Namen "Park an der Spree". Offiziell wurde die heutige Denkmalanlage am 4. April 1986 eröffnet. Wenn die Bauarbeiten der U 5 beginnen, muss ein neuer Platz für Marx und Engels gefunden werden.

Die Grundstückspreise auf diesem Filetstück dürften beträchtlich sein. Zum Vergleich: Am Pariser Platz liegen sie bei 36 000 Euro pro Quadratmeter, an der Friedrichstraße bei 17 000 Euro. "Wie es am Marx-Engels-Forum sein wird, richtet sich nach dem aufgestellten Bebauungsplan", so ein Immobilienexperte. Je höher gebaut werden darf, desto höher die Grundstückspreise.