Von wegen coole Rocker mit bösem Blick, schwarzer Kleidung und aggressiven Tattoos, die obendrein ihr wahres Gesicht immer hinter einem Helm verbergen. Die Motorradfahrer, die sich jedes Wochenende an der Avus bei der sogenannten Spinnerbrücke treffen, sind eher die freundlichsten Verkehrsteilnehmer Berlins überhaupt. Sie prosten Unbekannten mit Kaffeetassen zu, duzen praktisch jeden und hängen ihre 500 Euro teuren Helme voller Vertrauen an die Lenker. Auch Menschen ohne Motorrad wird ein "Schöner Sonntag!" gewünscht.
Für insgesamt fast 1,1 Millionen Motorradfahrer in Berlin hat gerade wieder die Saison begonnen. Das bedeutet: Wenn die beiden Faktoren "Freizeit" und "Schönes Wetter" zusammentreffen, schwingen sie sich auf ihre Maschinen, die Fans der "motorisierten Zweiräder". So heißen sie in der Beamtensprache. An der Spinnerbrücke nennt man sie: die Cruiser, Chopper, oder Motocrosser, die Tourer, Scooter oder Supersportler. Allen gemein ist, dass sie sich gern den "Wind um die Nase wehen lassen". Das sagen fast alle, auf die Frage, warum sie gern Motorrad fahren.
Tolles Gemeinschaftsgefühl
Aber es ist natürlich viel mehr als das. "Ich habe meinen Freund hier auf der Spinnerbrücke kennengelernt", sagt Jasmin. Die 25-jährige Reinickendorferin fährt mit ihrer Suzuki 650s oft zur Raststätte. Hier trifft sie Freunde und neue Motorradfans. "Es ist einfach ein tolles Gemeinschaftsgefühl hier." Die Motorradfahrer halten vielmehr zusammen, das merke man besonders, wenn man eine Panne habe. "Andere Biker halten viel eher mal an und helfen", sagt Jasmin. "Bei Autofahrern ist das anders, die haben dafür nur den ADAC."
Doch der berühmte Automobilclub ist sich sicher, nicht nur für die Vier-Rad-Fahrer da zu sein. Jedes Jahr veranstaltet der ADAC zum Beispiel Fahrtrainings für Motorradfahrer. "Gerade zu Beginn der Saison fahren viele sehr unsicher", sagt Barbara Dubil, Motorrad-Expertin beim Automobilclub. Dabei werde das Fahren im Damensitz und in der Hocke geübt - das steigere das Fahrgefühl in der normalen Sitzhaltung im Sattel. "Viele Fahrer beginnen erst mit höherem Alter das Motorradfahren und sind deshalb noch sehr unsicher."
Einer von ihnen ist Helmut Loch. Der 54-Jährige hatte vor einigen Jahren seiner Frau von seinem Plan erzählt, einen Motorrad-Führerschein zu machen. "Da hatte sie Angst um mich und hat es mir gleich verboten." Daraufhin eröffnete der Charlottenburger ihr, dass er einen Flugschein machen werde. Bei der Erinnerung an ihren Gesichtsausdruck muss er heute noch lachen. "Da hat sie mir dann doch das Motorrad erlaubt." Er musste ihr versprechen, sich nicht zu gefährden. Doch selbst diese Vorsicht drückt Helmut Loch in einem schnippischen Satz aus: "Ich bin zu alt, um Organspender zu sein."
Die Fakten hinter solcher Sorge sind ernst. Zwar sind Motorräder nur in einen Bruchteil der Unfälle verwickelt - nur rund zwei Prozent - aber sind sie viel ungeschützter als Menschen in Autos. Zudem ist die Zahl der Unfälle die von Motorradfahrern verursacht wurden im vergangenen Jahr drastisch gestiegen: von 1761 Unfällen im Jahr 2006 auf 2617 im Jahr 2008. Das entspricht rund 50 Prozent. Zudem ist die Gesamtzahl aller Motorrad-Unfälle mit 4628 auf einem Höchststand seit über zehn Jahren.
Einen Grund für diese Entwicklung sieht die Polizei vor allem im gestiegenen Verkehrsaufkommen in diesem Jahr. "Zumindest sorgte die gute Witterung dafür", sagt Sprecher Markus van Stegen, "dass im ganzen Jahr besonders viele Motorräder auf den Straßen unterwegs waren." Insgesamt aber fahren Berlins Motorradfahrer sehr zurückhaltend und sicher - und achten zudem zunehmend auf sichere Kleidung. "Das ist aber eher ein subjektives Gefühl", sagt van Stegen. In der Statistik schlage es sich nur insofern nieder, dass die Zahl der Leichtverletzten gestiegen und die der Schwerverletzten und Toten gesunken sei. "Außerdem sind die meisten Berliner Motorradfahrer nicht mehr in dem Alter, wo sie unbedingt ihren jugendlichen Bewegungsdrang ausleben müssen."
Viele der Menschen auf der Spinnerbrücke kennen Geschichten von Menschen, die schlimme Unfälle hatten. "Wir haben schon viele von uns verloren", sagen sie dann. Auch Jasmin kennt Geschichten von Menschen, die schlimme Unfälle hatten. Die Familie der 25-Jährigen war zunächst gegen ihr Hobby. "Meine Mutter ist selbst sehr lange Motorrad gefahren", sagt sie, "und hat bei einem Unfall beinahe ihr Bein verloren." Seit die Mutter weiß, dass ihre Tochter jetzt auch eine Suzuki hat, sei ihr Verhältnis manchmal schwierig. "Sie macht sich Sorgen", sagt Jasmin. "Aber es ist eben wie eine Sucht."
Zumindest für Berlin trösten die aktuellen Zahlen: Die Hauptstadt ist das Schlusslicht bei Verkehrstoten - eine Zahl, die seit Jahren rückläufig sei, wie Polizeisprecher Markus van Stegen bestätigt. "Das liegt zum Teil an der großen Präventionsarbeit der Polizei, von denen selbst viele Motorrad in ihrer Freizeit fahren", sagt er, "aber auch schlicht an der Straßensituation in Berlin." So seien die meisten Straßen sehr klar in Spuren eingeteilt und die Fahrer müssten nur selten auf eine Gegenspur ausweichen, um zu überholen. "Auf Landstraßen ist es für Motorradfahrer ungleich gefährlicher."
Die dreckigen Zeiten sind vorbei
Die Expertin vom ADAC, Barbara Dubil, rät besonders jetzt im Frühling zur erhöhten Vorsicht für alle Verkehrsteilnehmer. "Auch die Autofahrer müssen sich erst daran gewöhnen, dass wieder Motor- und Fahrräder auf den Straßen sind", sagt sie und hofft, dass sich alle auf eine Grundregel besinnen: Man sollte in vielen Situation versuchen, einen Blickkontakt herzustellen - eben beim Fahren anderen in die Augen schauen.
Motorradfahrer untereinander schauen sich schon jetzt oft in die Augen. Wenn sie sich auf den Straßen treffen, heben sie zumindest leicht den Zeigefinger vom Griff. Wenn das Nummernschild jemanden aus der eigenen Heimat verrät, winken sie auch mal mit der ganzen Hand. Und auch den Urlaub verbringen sie häufig zusammen, gründen Clubs und Vereine. So wie die vier Männer vom Verein "Motorradfreunde". "Wir sind eher so etwas wie eine Interessengemeinschaft", sagt Vereinsleiter Peter Ihde. Der 58-jährige gebürtige Berliner und Honda-Fahrer organisiert von seiner Wohnung in Rudow aus seit über 20 Jahren Treffen und Reisen für die Mitglieder, die gleichzeitig seine Freunde sind. In den vergangenen Jahren sind sie nach Italien, Tschechien und Österreich gefahren. In diesem Sommer soll es nach Frankreich gehen.
"Organisierte Motorradreisen laufen sehr gut", sagt ADAC-Motorrad-Expertin Barbara Dubil. Zudem habe sich die Freundlichkeit der Motorradfahrer inzwischen europaweit herumgesprochen. Jetzt gibt es sogar Hotels, die direkt um diese Gruppe als Gäste werben. "Die Zeiten, wo sie in dreckigen, tropfenden Jeans in der Lobby standen, sind einfach vorbei", sagt Dubil weiter. "Motorradfahrer gelten zudem als zahlungskräftig, da ihr Hobby kein günstiges ist." Der ADAC empfiehlt Motorradreisenden trotzdem, lieber in kleinen Gruppen zu fahren. "Autofahrer fühlen sich sonst schnell eingeengt, wenn sie im Rückspiegel große Kolonnen entdecken." Barbara und Robert fahren lieber zu zweit regelmäßig ins Grüne. Die beiden haben sich beim Motorradtreffen kennengelernt - wo auch Jasmin ihren Freund traf. "Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ich mit Männern ohne Motorrad nichts anfangen an", sagt Barbara, die ihre Suzuki manchmal "Susi" nennt. "Wenn es am Wochenende schön ist", sagt Robert, "steigen wir jeder auf seine Maschine und fahren raus." Wer fährt vor? "Meistens Barbara", sagt Robert. "Und immer halten wir für eine Weile an der Spinnerbrücke."

