Mit Sonia Rossi sprach Redakteurin Uta Keseling.
Berliner Morgenpost: Frau Rossi, wie ist Ihr Leben nach dem Roman, "Fucking Berlin", weitergegangen?
Sonia Rossi: Das Buch endete ja damit, dass ich meinen Mann verließ. Ich war damals 25 und war mit meinem kleinen Sohn allein. So wurde mein zweites Buch die Geschichte einer Mutter, die nach einer Scheidung versucht, das Leben neu zu ordnen und sich selbst wieder zu finden.
Berliner Morgenpost: Was hat Sie motiviert, diesen zweiten Teil zu schreiben?
Sonia Rossi: Viele Leser wollten wissen, was weiter geschah. Und ich sah, dass es viele andere junge Frauen gab, denen es ähnlich erging wie mir. Ich traf sie in meinem Freundeskreis und in einer Gruppe alleinerziehender Mütter.
Berliner Morgenpost: Sie sind bei der Suche nach einem Partner strategisch vorgegangen und haben es im Internet versucht. Warum?
Sonia Rossi: In den Foren oder Chats der Partnerbörsen trifft man die gleichen Leute wie in der S-Bahn oder auf der Straße. Nur dass man sich im richtigen Leben nicht traut, sie anzusprechen. Es gibt hier wie da ein breites Spektrum von Leuten. Natürlich sind auch viele dabei, die nicht passen.
Berliner Morgenpost: Kann das Internet reale Kontakte ersetzen?
Sonia Rossi: Nein. Inzwischen weiß ich, dass auch so altmodische Orte wie Tanzschulen wunderbar sind, um Leute kennen zu lernen. Seit ein paar Monaten lerne ich Salsa. Ich habe viele Freundinnen, die das Internet absolut ablehnen. Sie gehen lieber raus, melden sich im Fitnessstudio an oder versuchen über Bekannte, jemanden zu finden. Und zu viel Netz ist auch nicht gut. Ich habe mich auch mal ein paar Wochen total ausgeklinkt, um nicht ständig "online" zu sein. Aber ich hatte eben wenig Zeit zum Ausgehen. Außerdem habe ich zum Internet eine hohe Affinität, schon allein wegen meines Berufes.
Berliner Morgenpost: Mit dem Rotlichtmilieu haben Sie abgeschlossen?
Sonia Rossi: Ja. Und auch die Kontakte zu den Frauen im Puff werden weniger, leider. Denn seit meinem Diplom in Mathematik habe ich einen Vollzeitjob. Ich mache Programmierarbeiten in einem IT-Büro. Und mein kleiner Sohn ist erst dreieinhalb...
Berliner Morgenpost: Erleben Sie die Männerwelt im Job nun von einer anderen Seite?
Sonia Rossi: Ja, Frauen sind in dem Bereich selten, für meine Kollegen ist es wohl auch ungewöhnlich. Aber sie wissen nichts von meiner Vergangenheit. Ich möchte am Arbeitsplatz wegen meiner fachlichen Kompetenzen wahrgenommen werden, nicht als die Frau, die das Buch "Fucking Berlin" geschrieben hat.
Berliner Morgenpost: Sie sind mit 18 aus Italien nach Deutschland gekommen. Für viele Deutsche ist Italien das Land der "Amore", der Liebe.
Sonia Rossi: Das ist ein Klischee. Es ist dort sicher leichter, Kontakte zu knüpfen, die Menschen sind aufgeschlossener. Ich kenne aber in Italien auch viele Leute mit einem sehr unglücklichen Liebesleben. Mein Vater hat meine Mutter verlassen. Er hat die Entscheidung getroffen, sie hätte das nicht getan. Es war damals noch nicht so einfach, darüber zu sprechen. Für die Jüngeren ist es sicher leichter, aber die Italiener sind nicht so locker wie die Deutschen.
Berliner Morgenpost: War das ein Grund für Sie, nach Berlin zu ziehen?
Sonia Rossi: Ja. Ich habe das Abenteuer gesucht. Ich wollte das Beklemmende der Kleinstadt-Atmosphäre loswerden, den Tratsch. Als Teenager hatte ich mich hässlich und dick gefunden und war schüchtern. Hier war es mir egal, wie ich aussah. Heute ziehe ich zwar nicht mehr durch die Clubs, aber ich bin immer wieder überrascht, wie viele Möglichkeiten es hier gibt. All die Kulturveranstaltungen, Sport, Restaurants, Orte, wo man sich treffen kann. Ich liebe Berlin immer noch.
Berliner Morgenpost: Wie ist Ihr Kontakt zu Ihrer Familie heute?
Sonia Rossi: Meine Eltern kennen inzwischen meine Vergangenheit. Sie haben nicht viel dazu gesagt, Italiener sind gut darin, unbequeme Wahrheiten zu verdrängen. Es ist ein schwieriges Thema, zumal Bordelle dort verboten sind. Ich glaube, mein Vater findet es gut, dass ich Bücher schreibe.
Berliner Morgenpost: Damals wollten Sie zeigen: Prostituierte sind Menschen mit ganz normalen Gefühlen und Beziehungsproblemen. Aber konnten Sie "ganz normal" einen Mann finden?
Sonia Rossi: Ich wollte davon nicht beeinflusst sein. Ich dachte, ich bin jetzt nicht mehr die Prostituierte auf "Freierfang". Aber natürlich schießt einem schon mal durch den Kopf, dass der eine oder andere bestimmt in einem Puff gewesen ist. Andererseits waren unter den Freiern auch nette, gut aussehende Männer. Und es ist nicht so, dass ich nicht mehr an die Liebe glaube. Das wäre schlimm.
Berliner Morgenpost: Wie haben die Männer reagiert?
Sonia Rossi: Die, denen ich es erzählt habe, waren nicht schockiert, eher neugierig. Aber ich habe mich auch nur offenbart, wenn ich das Gefühl hatte, dass es etwas Ernsteres war und ich den Mann wiedersehen würde.
Berliner Morgenpost: Wie schafft man es, offen über Liebe und Sex zu sprechen und zu schreiben?
Sonia Rossi: Die Freiheit, die ich in Berlin gefunden habe, zeigt sich auch darin, dass ich mich auf Deutsch viel besser ausdrücken kann als auf Italienisch. So schreibe ich auch meine Bücher auf Deutsch. Ich finde, man muss sich nicht schämen, über Sexualität zu schreiben, denn jeder hat ja eine. Es gibt dagegen bestimmte Dinge, die ich nicht schreiben würde...
Berliner Morgenpost: Wie die Fäkalthemen aus Charlottes Roches "Feuchtgebiete"?
Sonia Rossi: ...ja, obwohl ich das Buch auch ganz okay fand. Aber ich wollte keinen Ekel erregen. Liebe und Sex gehören zum Leben, also kann ich auch darüber schreiben.
Berliner Morgenpost: Kann man denn erkennen, was wirkliche Liebe ist?
Sonia Rossi: Ich glaube, das braucht eine Weile. Wirkliche Liebe erkennt man daran, wie einen jemanden unterstützt. Ob er auch für einen da ist, wenn es einem schlecht geht. Dann merkt man, dieser Mensch will nicht nur Spaß und Sex von mir. Ich finde, Liebe muss man im Alltag erleben, auch an Tagen, an denen man spät von der Arbeit kommt, zusammen Abendbrot isst, todmüde auf der Couch sitzt...
Berliner Morgenpost: Muss man für die Liebe manchmal etwas wagen?
Sonia Rossi: Vielleicht. Mit 13 habe ich einem Jungen von unserer Schule am Valentinstag einen kitschigen, parfümierten Liebesbrief geschrieben. Der Junge war zwei Jahre älter als ich. Ich glaube, er hat sich kaputtgelacht, aber er war trotzdem so lieb, sich persönlich zu bedanken. Das hat mich beeindruckt.
Berliner Morgenpost: Gibt es in Berlin romantische Orte? Mit Ihren Internet-Bekanntschaften haben Sie sich an Bahnhöfen verabredet.
Sonia Rossi: Ja, denn Bahnhöfe verursachen bei mir Sehnsucht nach Abenteuern. Und einen fremden Mann kennen zu lernen, ist ja auch eine Art Reise ins Unbekannte.
Berliner Morgenpost: Wie geht "Dating Berlin" aus?
Sonia Rossi: Gut! Obwohl ich fast nicht mehr dran geglaubt habe. Ich bin immer noch sehr verliebt...
"Dating Berlin - auf der Suche nach Mr Right", Ullstein, 8, 95 Euro

