Entscheidung

Berlins Mitte wächst am Alexanderplatz

Der Alexanderplatz, ohnehin seit bald zwei Jahrzehnten eine Dauerbaustelle, wird dies auch weiterhin bleiben. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung jedenfalls hat gestern ihre Pläne für die Umgestaltung eines 31 000 Quadratmeter großen Areals östlich des Alexanderplatzes vorgestellt. Demnach soll der Gebäudekomplex "Haus der Statistik" an der Otto-Braun-Straße Ecke Karl-Marx-Allee abgerissen werden und zu einer "identitätsstiftenden Adresse für Wohnen und Arbeiten" werden.

Die Pläne für den Wiederaufbau stammen von einem Berliner Planerbüro. In dem Gutachterverfahren, zu dem vier Architekturbüros eingeladen wurden, wurde der städteplanerische Entwurf des Büros "augustinundfrankarchitekten" als Sieger gekürt. Der Entwurf (Grafik, Punkt 4) sieht unterschiedlich gestaffelte Gebäudehöhen und die Schaffung neuer Grünflächen vor, die einen Übergang von der dichten Bebauung am Alexanderplatz zur offenen Siedlungsstruktur des bestehenden angrenzenden Wohngebietes bilden sollen.

Der von der Jury, in dem auch der Bezirk Mitte sowie die Grundstückseigentümerin, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben vertreten waren, einstimmig ausgewählte Entwurf sieht unterschiedliche Wohnungstypologien vor, darunter zahlreiche Maisonette-Wohnungen, die sich um grüne Innenhöfe gruppieren und an der Otto-Braun-Straße eine "klare, städtische Kante" bilden, heißt es im Begründungstext der Jury. Wie viele Menschen in dem neuen Viertel einmal Wohnen und arbeiten sollen, ist indes noch nicht entschieden: "Das Mischungsverhältnis soll sich an der Nachfrage orientieren", sagt Helmut Kästner, Projektleiter in der Senatsverwaltung für die Planungen am Alex. Bislang sind 58 000 Quadratmeter für Gewerbe und 46 000 Quadratmeter für Wohnen vorgesehen - somit könnten rund 4500 Wohnungen entstehen. Die Gebäude sollen zwischen 30 und 35 Meter hoch werden. Lediglich ein Haus wird höher: Das Gebäude, das gegenüber dem denkmalgeschützten Haus des Lehrers enststeht, soll sich an dessen Höhe von 54 Metern orientieren.

Wann das 1970 fertig gestellte Haus der Statistik abgerissen werden soll, ist dagegen noch völlig offen. "Das Haus steht nicht unter Denkmalschutz", betont Kästner. Der dreiteilige, 9- und 11-stöckige Plattenbau wurde für die Staatliche Verwaltung für Statistik der DDR und Abteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit in den oberen Stockwerken errichtet. Im Erdgeschoss boten Geschäfte Produkte aus der Sowjetunion an. Ein Kunstwerk von Fritz Kühn, das ist noch immer am Haupteingang montiert ist, zeigt auf einem Kupfer-Relief die Entwicklung des mathematischen und technischen Denkens. "Inwieweit dieses Relief in die künftige Bebauung integriert werden kann, wird sich zeigen", so Kästner.

Nach der Wiedervereinigung wurde das Gebäude als Berliner Außenstelle des Statistischen Bundesamtes und als Berliner Dienstsitz der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik genutzt. Mit dem Auszug der Stasi-Unterlagen-Behörde im vergangenen Jahr stand das Gebäude leer. "Das Gebäude entspricht nicht mehr den Anforderungen an ein modernes Bürogebäude", begründet Kästner den geplanten Abriss.

Neues Geschäftshaus auf C&A-Areal

Keinen Abriss dagegen erfordert das Bauvorhaben auf dem Areal an der Rathaus- Ecke Gontardstraße, auf dem einst das erste C&A-Kaufhaus in Deutschland stand. Die Redevco, der mit Heinz Brenninkmeijer ein Nachfahre der C&A-Gründer Clemens und Anton Brenninkmeijer vorsteht, plant ein 29 Meter hohes Gebäude gegenüber dem Cubix-Kino (Grafik, Punkt 1). Nach den Entwürfen des Architekturbüros Sauerbruch Hutton soll bis Ende 2012 ein neues Wohn- und Geschäftshaus entstehen. Auf vier Geschossen sind dabei Läden und Restaurants vorgesehen. In den oberen zwei Etagen soll es Platz für 24 Maisonette-Wohnungen geben.

Ein Bauzaun umgibt derweil das Gelände des im vergangenen Jahr abgerissenen ehemaligen DDR-Gesundheitsministeriums an der Grunerstraße hinter dem Kino Cubix (Grafik, Punkt 2). Die spanische Kette Best Hotels plant ein Vier-Sterne-Haus. "Eine Baugenehmigung für ein Hochhaus mit 54 Metern und einen Vorbau in Höhe von 30 Metern liegt vor", so Kästner. Eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden sollen. "Der Investor bemüht sich derzeit um die Finanzierung."

Bereits erfolgt ist dagegen der Baubeginn für gleich zwei Hotels an der Karl-Liebknecht-Straße (Grafik, Punkt 3) Dort hatte die Treuhand vor zwei Jahren das DDR-Ministerium für Schwerindustrie abreißen lassen. Neun Stockwerke hoch soll das Gebäude an der Karl-Liebknecht-Straße werden und Platz schaffen für ein Drei-Sterne-Haus der Ramadan-Kette mit 337 Zimmern und einem Zwei-Sterne-Plus-Haus mit 280 Zimmern. Geplante Eröffnung ist im Frühjahr 2011. Der Umbau eines großen Bürogebäudes auf dem gleichen Areal an der Karl-Liebknecht-Straße 31/33 ist bereits abgeschlossen: Hier hat die Berliner Außenstelle der Birthler-Behörde für Stasi-Unterlagen im vergangenen Jahr ihren neuen Dienstsitz bezogen.

Verkauft ist mittlerweile auch das 6500 Quadratmeter große Grundstück an der Alexanderstraße (Grafik, Punkt 5). Dort plant die Chez Voltaire GmbH eine Mischung aus Einzelhandel, Büro sowie ein Fitness-Center. "Die Bauvorbereitungen laufen", so Kästner.

Einen baulichen Höhepunkt will der Investor Porr Solutions an der Alexanderstraße gegenüber der Jannowitzbrücke setzen. Das Berliner Architekturbüro Kuehn Malvezzi, plant einen kompakten Block mit einem abgestuften, 65 Meter hohen Turm. Geplant sind ein Hotel mit rund 250 Zimmern und rund 5700 Quadratmeter Bürofläche. Der Baubeginn ist für 2010 vorgesehen, die Fertigstellung könnte dann Ende 2012 erfolgen.

Umfassende Neugestaltung

Die jetzt vorgestellten Neuplanungen für die Gegend östlich des Alexanderplatzes ergänzen nunmehr den Masterplan, den das Büro Kollhoff/Timmermann 1993 im Auftrag der Senatsverwaltung erstellt hatte. Nach diesem, immer noch geltenden Plan können rund um den Alexanderplatz zehn bis zu 150 Meter hohe Türme entstehen.

Die vier Gutachten zum Alexanderplatz sind ab sofort und bis zum 6. Februar 2010 in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Lichthof, Am Köllnischen Park 3 (Mitte) ausgestellt. Öffnungszeiten: Montags bis samstags 10 Uhr bis 18 Uhr.