In den 70er Jahren war es in New York die Top-Adresse für alle, die sehen und gesehen werden wollten: das legendäre "Studio 54" in West-Manhattan. Noch in diesem Jahr soll die Legende auferstehen - als Nachtclub in der deutschen Hauptstadt. Joseph Jackson, Oberhaupt des Jackson-Clans, ist nach Berlin gekommen, um sich mit Vertretern von "MGM Grand" eine Woche lang auf Location-Suche zu begeben. In Las Vegas gibt es bereits eine Diskothek "Studio 54" im Entertainment-Tempel "MGM Grand" Hotel. In Berlin soll erstmals eine Lizenz für ein "Studio 54" außerhalb Amerikas vergeben werden. Jackson engagiert sich als Mitglied des Vorstandes der Beteiligungsgesellschaft "Ricercar" an dem Mega-Deal.
"Die Zeit ist reif für ein Studio 54 in Berlin", sagte gestern auch Mike Milner, Chef des Nachtclubs in Las Vegas. Die Rechte für den Namen "Studio 54" habe man Anfang der 90er Jahre erworben. "Das MGM Grand hat das Phänomen des Studio 54 zurückgebracht", heißt es in einer Erklärung. "Noch einmal können Menschen aller Klassen, Rassen und Kulturen unter einem Dach gesellschaftlich verkehren."
Das originale Studio 54 in New York war ein Happening, ein dröhnender Zirkus, ein Schauplatz für Hedonisten und Voyeure, die nicht nur gesellschaftlich verkehrten - im Keller ging es zur Sache. Ihre Glanzzeit erlebte die "Mutter aller Nachtclubs" in den späten 70ern. In dem ehemaligen Fernsehstudio - eine Mischung aus Bühne und Fabrikhalle - tanzten Pop-Art-Künstler Andy Warhol, Leinwand-Diva Liz Taylor, Boxweltmeister Leon Spinks, Kunstsammler Mick Flick, die Designer Calvin Klein, Karl Lagerfeld und Paloma Picasso, Michael Jackson, Schriftsteller Truman Capote und die Showstars Grace Jones und Rod Stewart.
Bob Colacello, langjähriger Mitarbeiter von Warhol, sagte in einem Spiegel-Interview über das Studio 54: "Es wurde zum Symbol des Exzesses. Jeder tanzte mit jedem. Männer mit Männern, Mädchen mit oben nichts, Transvestiten auf Rollschuhen, Liza Minnelli mit Diana Ross und dazwischen der europäische Hochadel." Mitte der Siebziger, so Colacello, hatten sich die sexuelle Befreiung, die Emanzipation der Frau, das Aufbegehren der Homosexuellen durchgesetzt. "Es war die Reaktion auf dreieinhalb Jahrhunderte Puritanismus in diesem Land, eine Zeit, die mit der Verbreitung der Pille begonnen hatte und die mit Aids endete."
Schlaglichter einer Legende: Im April 1977 eröffneten Steve Rumbell und Ian Schrager das Studio 54. 1978 ritt Bianca Jagger auf einem weißen Pferd auf die Tanzfläche. Und noch eine Pferde-Geschichte erzählt man sich: Anläßlich einer Halloween-Party mieteten sich zwei Frauen ein Pferd und trabten damit nackt vor dem Eingang vor. Rubell kommentierte: "Das Pferd kann rein, ihr bleibt draußen." Ende 1979 war die Party dann ganz vorbei: Der Club wurde wegen Steuerhinterziehung und wohl auch wegen Drogenmißbrauchs geschlossen. Spätere Versuche, dem Studio am Originalschauplatz zu altem Glanz zu verhelfen, scheiterten. In Las Vegas, so die Abgesandten gestern, laufe das Geschäft im "MGM Studio 54" hingegen hervorragend. Berlin halten Jackson und Co. für "die Hauptstadt Europas". Deshalb soll das legendäre Studio 54 hier wieder auferstehen. Bleibt nur noch die Frage, wer nackt aufs Pferd darf.

