Der 35-jährige Sascha L. leidet unter multipler Sklerose. Er fühlte sich unsicher und beschloss, den Heimweg anzutreten. In der Luisenstraße, unmittelbar vor der Marschallbrücke, sah er dann plötzlich, wie ein Mann zu einer Frau eilte und ihr einen Gegenstand "in den Bauch rammte". Anschließend lief der Mann auf Sascha L. zu, holte aus, traf ihn an der linken Beckenseite und lief weiter. Sascha L. betastete die Stelle und betrachtete ungläubig seine blutbeschmierte Hand.

L. erfuhr erst Stunden später, dass er Opfer eines Jugendlichen geworden war, dessen Tat wohl für immer in einem Atemzug mit der Eröffnung des Hauptbahnhofs genannt werden wird. Die Polizei hatte an diesem Tag eine halbe Stunde vor Mitternacht den ersten Notruf aus dem Regierungsviertel erhalten. Ein Passant, lautete die Information, sei in der Nähe des Hauptbahnhofs auf den Boden gestürzt und blute aus einer Wunde am Rücken. Sekunden später meldete sich ein weiterer Anrufer und berichtete, dass seine Freundin plötzlich zusammen gebrochen sei und sich mit Schmerzen auf dem Boden windet, keine 100 Meter vom ersten Opfer entfernt. Es folgten weitere Notrufe. Und es wurde deutlich: Inmitten von rund 500 000 Besuchern, die sich zur Eröffnung des Hauptbahnhofs versammelt haben, treibt ein Amokläufer sein Unwesen.

Die Tat, wurde später ermittelt, währte 16 Minuten. In dieser Zeit hatte der damals 16 Jahre alte Mike P. wahllos auf Passanten eingestochen und mindestens 37 Menschen mit seinem Klappmesser teilweise schwer verletzt. Für acht dieser unvermittelt getroffenen Opfer bestand nach Stichwunden in der Nierengegend, im Bauch, in der Lunge und im Rücken akute Lebensgefahr.

Die Angst vor Aids

Als Mike P. bei einem dieser Angriffe sein Messer verlor, soll er noch mindestens sechs Passanten mit Schlägen und Tritten attackiert und dabei auch verletzt haben. Unter ihnen eine Frau, die an einer Straßenbahnhaltestelle durch einen Faustschlag am Auge getroffen wurde. Wenig später konnte der Jugendliche überwältigt werden. Er hatte mehr als zwei Promille Alkohol im Blut.

Sascha L. bekam an jenem 26. Mai Unterstützung von jungen Leuten, von denen er im Nachhinein vermutete, dass es sich um Medizinstudenten handelte. Er lag auf dem Boden, verlor sehr viel Blut. Eine der jungen Frauen leistete Erste Hilfe. Kurz darauf kam ein Rettungswagen und brachte Sascha L. ins nahe gelegene Krankenhaus der Bundesswehr. Dort erlebte der junge Mann den zweiten Schock: "Ich lag im Bett", erinnert er sich, "sah Nachrichten und erfuhr, dass der Amokläufer auch auf einen Passanten eingestochen hatte, der HIV-positiv war. Und dass nun die Gefahr bestehe, dass sich andere Opfer durch das blutige Messer infiziert haben könnten."

Diese niederschmetternde Erkenntnis teilte Sascha L. mit einer Reihe von Opfern. Einige hatten sich sogar nur dieser Meldung wegen bei der Polizei gemeldet. So wie die 69 Jahre alte Christa K. aus Köpenick. Die pensionierte Lehrerin hatte einen Stich in den Rücken bekommen, "die Sache anfangs aber gar nicht ernst genommen", wie sie sagt. Dass es "vielleicht ein Messerstich und doch nicht nur ein versehentlicher Stoß" gewesen sei, habe sie ohnehin erst zu Hause "anhand der merkwürdigen Wunde" festgestellt. Aufgerüttelt, erinnert sie sich, sei sie dann erst am nächsten Morgen geworden, als sie eine Meldung im Radio hörte, in der von dem Messerstecher berichtet wurde. Sie meldete sich telefonisch bei der Polizei. Dort hieß es, sie müsse sich unverzüglich in fachärztliche Behandlung begeben. Christa K. musste 30 Tage lang Medikamente einnehmen, litt unter den Nebenwirkungen und der Angst vor dem tödlichen Infekt. Sechs Monate später konnte sie aufatmen: "Da stand definitiv fest, dass ich nicht mit HIV infiziert worden war." Und auch andere, sagt sie, seien ja glücklicherweise nicht angesteckt worden.

Am 27. Februar dieses Jahres begann vor einer Moabiter Jugendkammer unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gegen den inzwischen 17 Jahre alten Mike P. Ihm wurde von der Staatsanwaltschaft 37-facher versuchter Mord und mehrfache gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Inzwischen war bekannt geworden, dass der "Amokläufer vom Hauptbahnhof" im Bezirk Neukölln wohnte, nach der Scheidung seiner Eltern beim Vater lebte, die Hauptschule ohne Abschluss verlassen musste, gern mal alkoholische Getränke zu sich nahm und dann gelegentlich auch aggressiv werden konnte. Ein junger Mann, der keine Vorstrafen hatte und bisher auch sonst nicht wegen schwerer Gewalttaten aufgefallen war.

"Er kann sich an nichts erinnern", sagte sein Verteidiger Herbert Hedrich am ersten Verhandlungstag während einer Prozesspause. "Es geht ihm dreckig. Er weiß, dass er einige Jahre hinter Gittern zu erwarten hat." Anwalt Roland Weber, dessen Kanzlei für Sascha L. und zwei weitere Opfer des Amoklaufes vor Gericht die Nebenklage vertrat, beschrieb Mike P. als "äußerlich ganz normalen Teenager". Der jugendliche Angeklagte verfolge den Prozess "sehr konzentriert". Es sei jedoch abzuwarten, ob er sich tatsächlich an nichts mehr erinnern könne oder ob er die Vorfälle "einfach nur verdrängen" wolle. Offen, sagte Weber, blieben auch "die Beweggründe für diese unbegreifliche Tat".

Daran sollte sich trotz intensiver Verhandlung auch wenig ändern. Das Motiv, resümierte die Vorsitzende Richterin Gabriele Eschenhagen am 23. März bei ihrer Urteilsbegründung, habe auch nach der Vernehmung von mehr als 60 Zeugen nicht konkret geklärt werden können. Die Kammer gehe davon aus, dass Mike P. in einer Art Machtrausch gehandelt habe. Der Jugendliche sei ein Schulversager, er sei zweimal sitzen geblieben und von der Hauptschule geworfen worden. Resultat sei ein mangelndes Selbstwertgefühl, das der zur Tatzeit stark angetrunkene Mike P. vermutlich zu kompensieren versuchte.

Das Urteil lautete: sieben Jahre Jugendstrafe. Die Jugendkammer ging dabei aber nicht mehr von versuchtem Mord, sondern von versuchtem Totschlag aus. Über diesen Punkt, erklärte Richterin Eschenhagen, habe die Kammer intensiv diskutiert und sei schließlich dem Gutachten des Sachverständigen Hans-Ludwig Kröber gefolgt. Der Chef des Instituts für forensische Psychiatrie der Charité war davon ausgegangen, dass Mike P. wegen des zuvor reichlich genossenen Alkohols subjektiv nicht in der Lage gewesen sei, heimtückisch zu handeln und die Arglosigkeit der feiernden Menschen bewusst und zielgerichtet auszunutzen. Mike P. habe nicht töten wollen, sagte Eschenhagen, ihm sei aber der mögliche Tod von Menschen gleichgültig gewesen.

Mike P. nahm dieses Urteil sofort an. Er will die Zeit in der Jugendstrafanstalt nutzen, um den Hauptschulabschluss nachzuholen und eine Lehre zu absolvieren. Und er will auch die Schadensersatz- und Schmerzensgeldforderungen der Opfer tilgen.

Eröffnung für immer mit der Tat verbunden

Deren Erinnerungen sind verschieden. Sascha L. hat die Messerattacke inzwischen verwunden. Andere, wie Edeltraud S. aus dem Schwarzwald, leiden noch immer an den Folgen. Die damals 50-Jährige war am 26. Mai mit ihrem Mann anlässlich ihres runden Geburtstages nach Berlin gekommen. Sie hatte von Mike P. einen Stich in die Leber erhalten und hatte acht Tage im Krankenhaus verbringen müssen. Die Erinnerung an die Eröffnung des Hauptbahnhofs, sagt sie, "wird für mich Zeit meines Lebens auch die Erinnerung an diesen brutalen Angriff bleiben".