Es ist mucksmäuschenstill, als Lehrerin Susanne Reichardt an diesem Donnerstagmorgen in der Klasse 1/2 d der Heinrich-Seidel-Grundschule in Gesundbrunnen mit dem Unterricht beginnt. Leise begrüßt die 41-Jährige ihre Schüler. Dann ist Timo an der Reihe. Er muss das Datum des Tages auf die Tafel schreiben und sagen, was für ein Wochentag ist. Dann muss er die vorangegangenen und die folgenden Wochentage benennen. Timo strengt sich an und macht alles richtig, auch wenn er lange überlegen muss.

Danach singen alle gemeinsam das Lied vom Hut mit den drei Ecken, wobei der Text mehr und mehr durch Zeichensprache ersetzt werden soll. Viele Kinder haben Schwierigkeiten, das Singen und die Bewegungen zu koordinieren.

Anschließend steht Deutsch auf dem Stundenplan. Die Kinder sollen von ihrer Familie erzählen. Zunächst muss sich jeder mit Namen und Vornamen vorstellen, dann die Namen seiner Eltern nennen. Etlichen Schülern fällt es schwer, im ganzen Satz zu antworten. Andere haben Probleme mit der Artikulation oder vergessen Artikel und Präpositionen. Lehrerin Susanne Reichardt bleibt ruhig und lobt, so oft sie kann. Immer wieder verbessert sie die Kinder, damit die richtigen Antworten sich einprägen. Einige wissen nicht, wie ihre Eltern mit Vornamen heißen, andere kennen die Nachnamen ihrer Väter nicht.

Integration ist kaum möglich

Die Heinrich-Seidel-Grundschule gehört zu jenen 68 Schulen des Bezirks Mitte, die kürzlich einen Brandbrief unterzeichneten, um auf die großen bildungspolitischen Schwierigkeiten im Bezirk aufmerksam zu machen. "Bei uns geht es nicht um tropfende Wasserhähne. Unsere Probleme liegen im soziokulturellen Bereich", sagt Schulleiterin Cornelia Flader. Bei einem Anteil von 90 Prozent Schülern nicht deutscher Herkunft sei Integration kaum mehr möglich. "Die Lehrer sind die einzigen Vorbilder, die den Schülern die deutsche Sprache und Kultur vermitteln können. Das ist nicht mehr zu schaffen."

Ein ständig größer werdender Teil der Kinder komme zudem mit völlig unzureichenden Fähigkeiten in die Schule. "Wir stellen eine große Sprachlosigkeit fest. Auch Zuhören und sich angemessen bewegen können die Kinder nicht mehr." Viele könnten nicht balancieren oder auf einem Bein stehen. Sie fielen sehr schnell hin, weil ihre Motorik nicht ausreichend geschult sei, so Flader. "Wir sind auf die Mitarbeit der Eltern angewiesen. Die aber findet oft nicht statt oder ist nur sehr aufwendig einzufordern."

Auch Lehrerin Susanne Reichardt bezeichnet die Situation als überaus anstrengend: "Die Kinder wollen lernen, das Problem sind die Eltern", sagt sie. Vielen müsste sie immer wieder erklären, dass die Kinder pünktlich und vor allem jeden Tag zur Schule kommen und auch alle ihre Sachen dabei haben müssten. Auch dass zu Hause mal Lesen oder Rechnen geübt werden müsse, sei ständiges Thema. "Sobald die Eltern sich gefordert fühlen, reagieren viele ungehalten." Dabei würden die Reaktionen der Mütter und Väter zunehmend impulsiver und fordernder. Eltern wiesen darauf hin, dass ihre Kinder in der Koranschule gute Leistungen zeigten und nicht verstünden, dass sie in der Schule mit Mathematik oder Deutsch Probleme hätten. "Wir fühlen uns oft ohnmächtig und wie im Kampf gegen Windmühlen", so die Lehrerin. Immer öfter müssten sie und ihre Kolleginnen das Jugendamt einschalten. "Das ist sehr aufwendig und führt oft zu noch größeren Auseinandersetzungen mit den Eltern."

Die 41-Jährige hat trotz allem Spaß an ihrem Beruf. "Das muss sein, sonst wird man ernsthaft krank", sagt sie und kennt viele Kollegen, die mit ihren Kräften am Ende sind und deshalb immer wieder lange ausfallen. Reichardt, die selbst zwei Grundschulkinder hat, ist oft bis nachmittags in der Schule. Zu Hause muss sie dann den nächsten Tag noch vorbereiten. "Viel Zeit geht außerdem für Kontakte zum Jugendamt oder zu den Schulpsychologen drauf", sagt die Lehrerin. Ungeachtet aller Schwierigkeiten sei es die größtenteils positive Entwicklung der Schüler, die sie täglich motiviere. "Viele sind sehr pflichtbewusst und bemüht, pünktlich zur Schule zu kommen und so viel wie möglich zu lernen. Das geht so weit, dass die Kinder versuchen, ihre Eltern zu beeinflussen, sich mehr um die Schule zu kümmern", sagt Reichardt.

Als ein anderes großes Problem bezeichnet die Grundschullehrerin die mangelhafte Sprachfähigkeit ihrer Schüler. Von den 24 Kindern in ihrer Klasse, in der jahrgangsübergreifend Schulanfänger und Zweitklässler unterrichtet werden, seien 23 nicht deutscher Herkunft. Vor allem die arabischen und libanesischen Kinder sprächen sehr schlecht Deutsch. Auch deren Eltern könnten sich oft nicht ausreichend verständlich machen.

Schulleiterin Flader plädiert deshalb dafür, dass der Anteil von Kindern nicht deutscher Herkunft an einer Schule 50 Prozent nicht überschreiten sollte. Sei dies gesetzlich nicht umsetzbar, müssten geringere Klassenfrequenzen in allen Klassen einen Ausgleich schaffen. Nur so sei eine individuelle Förderung eines jeden Schülers möglich, sagt sie.

Zwei Jahre in der Entwicklung zurück

Das Problem beginnt laut Flader allerdings bereits in der Kita. Dort hätten die Erzieher immer öfter mit Zweijährigen zu tun, die nicht gewöhnt sind, feste Nahrung aufzunehmen und nicht laufen können. "Diese Kinder kennen keine Spiele, meist sitzen sie teilnahmslos im Kinderwagen und müssen erst von Grund auf lernen, sich an Regeln und Rituale zu gewöhnen und aktiv in die Gruppe einzubringen." Die Erzieher bräuchten viel Zeit, die Kleinen an pädagogische Inhalte heranzuführen, sie für gemeinsames Spielen und Singen zu interessieren. "Vor der Einschulung sind diese Kinder in ihrer Entwicklung meist ein bis zwei Jahre hinter Gleichaltrigen zurück", sagt Flader. Das mache sich in der Schulanfangsphase hemmend bemerkbar.

"Umso bemerkenswerter ist es, welche Entwicklung die Kinder nach der Einschulung nehmen", betont die Schulleiterin und verweist auf die gute Arbeit ihrer Kollegen. Den äußerst engagierten Lehrkräften sei es zu verdanken, dass die Kinder trotz der schwierigen Umstände relativ schnell in der Schule Fuß fassen. "Diese Arbeit der Lehrer wird nicht genug gewürdigt", kritisiert Flader. In ihrem Brandbrief fordern die Schulleiter deshalb, das Wirken der Lehrer viel stärker öffentlich zu machen.

Hauptschule braucht Sozialarbeiter

Nur wenige Eltern melden ihre Kinder freiwillig an der Theodor-Plievier-Hauptschule in Wedding an. "Wir bekommen die Schüler zugewiesen, die an anderen Schulen nicht angenommen werden", sagt der kommissarische Schulleiter Ronald Fischer. Natürlich würden alle versuchen, zunächst an eine Realschule zu kommen. Demotiviert und frustriert seien die Schüler schon in der siebenten Klasse. "Unsere Hauptaufgabe ist es, die Kinder wieder aufzubauen", sagt Fischer. Eigentlich bräuchte fast jeder einzelne der 270 Schüler eine persönliche sozialpädagogische Betreuung. An der Schule gibt es aber nur eine Sozialpädagogin für alle.

Wenn der Unterricht beginnt, sitzen selten alle Kinder pünktlich auf ihren Plätzen. Viele kommen 20 Minuten später oder gleich zur zweiten Stunde. Und wer bis zur zweiten Stunde nicht da ist, kommt gar nicht. "Das Problem sind die Eltern", sagt Fischer. 93 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund, und 80 Prozent haben eine Befreiung für die Zuzahlung bei den Schulbüchern.

"Viele Kinder haben niemanden zu Hause, der sie weckt, ihnen Frühstück macht und sie losschickt", erzählt der Schulleiter. Viele Eltern seien aber auch einfach überfordert mit der Erziehung und können sich nicht durchsetzen.

Jetzt überlegt das Kollegium, den Unterricht mit einem gemeinsamen Frühstück zu beginnen. Dann haben alle etwas im Magen, und auch die Zuspätkommer sind da, wenn der Unterrichtsstoff durchgenommen wird. Die Hauptfächer werden immer in den ersten drei Stunden unterrichtet. Viel länger könnten sich die meisten Kinder nicht konzentrieren, sagt Fischer. Deshalb folge danach auch erst einmal eine 70-minütige Pause, in der die Lehrer Bewegungsangebote machen wie Tischtennis oder Basketball. Ein Mittagessen gebe es leider noch nicht, weil die vom Bezirk bereits im vergangenen Jahr bewilligten Mittel für einen notwendigen Umbau plötzlich wieder gestrichen worden seien. "Doch wir kämpfen weiter darum", sagt Fischer.

Am Nachmittag müsse man dann schon etwas Besonderes bieten, um die Schüler noch bei der Stange zu halten. Projekte oder Exkursionen stehen dann meist auf dem Programm. Besonders schwierig sei der Unterricht in den neunten Klassen. Hier sitzen bis zu 24 Schüler in einem Raum. Viel zu viel, meint Fischer. Denn jeder von ihnen habe seinen ganz speziellen Förderbedarf, bei den einen seien es Verhaltens-, bei den anderen Lernschwierigkeiten.

Nur etwa die Hälfte von ihnen schafft es bis zur zehnten Klasse, und fast niemand findet nach Schulabschluss eine betriebliche Ausbildung. Viele Schulabgänger würden auch nach dem Ende der Schulzeit immer wieder auf das Gelände zurückkommen. "Sie fühlen sich wohl hier", sagt Fischer. Einen großen Beitrag dazu leiste der Hausmeister. Die Schüler mögen ihn, weil sie wissen, dass er immer wieder Sponsoren auftreibt, um ihre Räume zu verschönern. Und so kommt es, dass es keinen Vandalismus gibt und kaum Schmierereien. Allerdings läuft der Vertrag des Hausmeisters im Februar ab, die Stelle soll eingespart werden. Auch deshalb hat Schulleiter Ronald Fischer den Brandbrief unterschrieben.

Mehr über die Probleme der Schulen und die Schwierigkeiten bei der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund unter www.morgenpost.de/berlin