Absturz einer Tupolew bei Berlin - eine Katastrophe und viele Lügen

Der 12. Dezember 1986 ist ein trüber Tag in Berlin. In der Nacht, berichtet die Berliner Morgenpost, ist ein 22-Jähriger über die Mauer von Mitte nach Kreuzberg geklettert und per Anhalter ins neue Leben gefahren.

Der 12. Dezember 1986 ist ein trüber Tag in Berlin. In der Nacht, berichtet die Berliner Morgenpost, ist ein 22-Jähriger über die Mauer von Mitte nach Kreuzberg geklettert und per Anhalter ins neue Leben gefahren. Zwei Tage später werden zwei betrunkene DDR-Bürger in einem orangefarbenen BMW mehrere DDR-Schranken durchbrechen, Richtung Osten, "es sollte eine Spritztour nach Hause werden", berichtet die Berliner Morgenpost. Weitere Nachrichten: Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen fordert die DDR auf, ihren Schießbefehl aufzuheben. Andernfalls könne man nicht über die gemeinsame 750-Jahr-Feier der geteilten Stadt reden. Der Wetterbericht kündigt Nebel an.

In Berlin herrscht eine ungemütliche Atmosphäre. Eine, in der möglicherweise auch ein Flugzeug verschwinden kann. Einfach so.

Der 12. Dezember 1986 ist auch in Schwerin ein düsterer Tag. 27 Elternpaare der Klasse 10 a der Ernst-Schneller-Oberschule vertreiben sich die Zeit bis zum Abend mit Fernsehen, Radiohören, mit Bügeln oder anderen Hausarbeiten. Um 21.06 Uhr soll der D-Zug 536 aus Berlin mit ihren Söhnen und Töchtern endlich ankommen. Bereits nachmittags muss die Klasse mit einer Maschine aus Minsk in Berlin-Schönefeld gelandet sein. Die Flugreise in die Sowjetrepublik, heute Weißrussland, ist die Belohnung für eine erfolgreiche Schulkarriere.

Um halb acht beginnt die DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera". Sechs Minuten langweilt die Sprecherin ihre Zuhörer mit einem Nachruf auf den verblichenen Genossen Paul Verner. Die zweite Meldung ist so kurz, dass manche sie überhören, etwa eine halbe Minute: Flugzeugabsturz bei Berlin. Keine Flugnummer, keine Bilder. Dennoch verbreitet sich die Meldung wie ein Lauffeuer in der Stadt.

Angehörige im Ungewissen

Auch Ruth Wurm ist zu Hause. Sie erwartet ihren Mann Horst Wurm zurück, der mit ihrer Tochter Sabine Kellermann nach Minsk geflogen ist - die 32-Jährige ist die Klassenlehrerin der 10 a. Er ist als zusätzliche Begleitperson mitgeflogen, eine zweite Lehrerin war ausgefallen. Ruth Wurm trifft einen Nachbarn im Hausflur, einen Lehrer, der ihre Tochter kennt. "Das ZDF sagt, es war eine Maschine aus Minsk. Doch nicht etwa die von Sabine?" Ruth Wurm läuft zur Polizei. "Was gucken Sie auch Westfernsehen!", ist die grobe Antwort auf ihre besorgte Frage.

"Als am Bahnhof der Zug einfuhr", erinnert sich Ruth Wurm, "stieg kein einziger Mensch aus, den wir kannten." Einige Eltern brechen in Tränen aus, andere werfen sich schreiend auf den Boden. Doch niemand ist da, um ihr Unglück aufzufangen. Schließlich stehen sie allein da. "Wir gingen dann schweigend nach Hause", erinnert sich Ruth Wurm, die heute 79 Jahre alt ist. Sie lebt allein, eine Dame mit silberweißem Haar und sehr gerader Haltung.

Ruth Wurm gehört zu den Menschen, in deren Leben jedes Ereignis, jede Begegnung noch etwas anderes mitzuteilen scheinen als das Offensichtliche. Vielleicht bewahrt sie deshalb ihre Erinnerungen auf wie das Rohmaterial zu einem Buch. Sie schlägt ein Fotoalbum auf: eine Gruppe älterer Damen auf Reisen, fröhlich. Bilder einer Freundschaft, die Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen überdauert hat. Die Gesichter der Freundinnen tragen die Züge derer, denen das Leid von gestern heute Anlass ist, den Moment auszukosten. Ruth Wurm hat die russische Gefangenschaft überlebt und als früh verwaistes Flüchtlingsmädchen in Schwerin zwei jüngere Brüder groß gezogen. Hat sich von der Küchenhilfe zur Schulsekretärin hochgearbeitet. Und sich nicht den Mund verbieten lassen.

Die Aktenordner mit ihren Erinnerungen füllen die Regale ihres kleinen Arbeitszimmers. An den Wänden hängen Farbfotos. Zwei Bilder in Schwarz-Weiß zeigen ihren Mann Horst und ihre Tochter Sabine mit deren zwei kleinen Söhnen im Arm. Sie waren sechs und acht Jahre alt, als ihre Mutter starb. "Für mich sind sie bis heute meine Jungs", sagt Ruth Wurm. Sie war 57, als sie ihre beiden Enkel bei sich aufnahm, so, wie sie gut 40 Jahre zuvor ihre Brüder aufgenommen hatte.

Neben den Sterbeurkunden hat Ruth Wurm Kondolenzkarten abgeheftet. 126 Stück, alle nebeneinander, die Absender gut lesbar, vom Minister bis zum Bischof. "Das hat mir viel Kraft gegeben", sagt sie. Kraft, um mit der Trauer fertig zu werden. Und damit, wie die DDR mit dem 72-fachen Tod umging, der zwar tragisch, vor allem aber politisch unbequem war. Flug Aeroflot 892 aus Minsk nach Berlin war ein sowjetischer Flug. Zweifel am Großen Bruder sind in der DDR nicht angebracht.

Trauerhelfer haben Berichte anzufertigen

Eine ehemalige Lehrerin der Ernst-Schneller-Schule erinnert sich: "Nach den ZDF-Nachrichten habe ich Bekannte angerufen, die in der Schulleitung arbeiteten und beim Oberbürgermeister. Doch ich wurde brüsk abgewiesen. Ich solle mich ruhig verhalten, sagten sie." Sie telefonierte trotzdem weiter. Beim dritten Anruf hatte sie "das bewusste Knacken" in der Leitung. "Und dann stand so ein Auto vor der Tür, na ja, wie es eben so war." Später erfährt sie, dass die Schulzahnärztin bereits am frühen Abend die Order bekommen hat, samt ihren ärztlichen Unterlagen der betreffenden Schulklasse nach Berlin zu reisen.

Am Abend holt Ruth Wurm die Enkel zu sich, die immer noch auf die Mutter warten. Als es mitten in der Nacht klingelt, ahnt sie längst, welche Nachricht man ihr überbringen wird. Der Mann, der die Unglücksbotschaft bringt, ist kein Pastor, kein Psychologe und auch kein Polizist. Sondern Parteimitglied.

Im Rathaus hat sich ab 21 Uhr unter Leitung des Oberbürgermeisters eine Arbeitsgruppe formiert. Schulrat, Stadträte, Mitarbeiter des Tiefbauamtes werden herbeizitiert, alles verdiente Genossen, sollen die Hiobsbotschaften überbringen und bei den Formalitäten helfen. Erste Dienstanweisung an die Betreuer: Keine Information an andere. Über alles haben sie Berichte anzufertigen. Die Betreuerliste "wird gegen Quittung an MfS" weitergeleitet, das Ministerium für Staatssicherheit, vermerkt penibel ein handschriftliches Protokoll. Es ist, wie viele andere Akten der Zeit, heute im Stadtarchiv von Schwerin einsehbar.

Viele Schüler kannten sich seit Kinderzeiten

Die Liste der Angehörigen gibt nüchtern Auskunft über das Ausmaß der Tragödie. Die Hälfte der Familien wohnt in der gleichen Straße. Ihre Kinder sind Sandkastenfreunde, haben zehn Jahre gemeinsam die polytechnische Oberschule besucht. "Es waren außergewöhnlich gute Schüler", erinnert sich eine damalige Lehrerin der 10 a. "Wenn sie einmal an einer Sache dran waren, dann blieben sie dabei."

Ein Jahr lang haben die 15- bis 17-Jährigen die Reise vorbereitet. In Minsk gibt es ein straffes Programm. Sie sprechen mit gleichaltrigen Sowjetbürgern Russisch, schütteln schüchtern Polit-Oberen die Hand. Sie besichtigen die im sozialistischen Stil wieder aufgebaute Stadt und besuchen Betriebe, in denen einige eine Ausbildung machen sollen. Es ist eine Art fliegendes Klassenzimmer des Sozialismus. Die Stimmung sei "bombig" gewesen, berichtet der 16-jährige Axel Baumann, einer der Überlebenden, später im Krankenhaus. Am letzten Abend hätten sie ordentlich gefeiert. Noch im Anflug auf Schönefeld witzeln sie, ob der Pilot wohl auf der Autobahn landen wolle, die neben dem Flughafen verläuft.

Die Witzeleien der Schüler sind der letzte Versuch, die Angst zu besiegen, die sie alle schon Stunden zuvor erfasst hat. Eigentlich hätte der Flug Aeroflot 892 schon um 12.36 Uhr in Schönefeld enden sollen. Doch um 12.53 Uhr ist die Tupolew im Nebel über Berlin abgedreht nach Prag. Zwei andere Maschinen machten es ebenso.

Im Transitraum in Prag beknien die Schüler Sabine Kellermann, mit dem Zug nach Berlin weiterzufahren. Sabine Kellermann versucht, in Berlin telefonisch eine Erlaubnis dafür zu bekommen. Vergeblich. Um 15.30 Uhr hebt die Maschine wieder ab.

Kurz vor Berlin bemerken die Schüler, dass sie tief und immer tiefer fliegt, über beleuchtete Landebahnen und Straßen. Die TU-134 gleitet über ein Waldstück bei Bohnsdorf. Manche Überlebende erinnern sich später an einen Knall, andere an die Ankündigung einer Notlandung.

Beim Aufprall zerbricht das Flugzeug

Die Tupolew kracht um 17.03 Uhr in die Bohnsdorfer Kiefern. Dann passiert erst einmal - nichts.

"Es war unglaublich dunkel im Wald, voller Qualm, erinnert sich Klaus Speiler, damals Gruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr Miersdorf, die der 51-Jährige bis heute leitet. In seiner Zuständigkeit liegt nach wie vor der Flughafen Schönefeld. Er gehörte zu den ersten offiziellen Helfern vor Ort. "Wir kamen nicht vorwärts, überall lagen abgerissene Baumwipfel, absurde Weihnachtsbäume, in denen Flugzeugsitze und Wrackteile hingen."

Es gibt heute nicht mehr viele Beteiligte dieser Katastrophe, die noch einmal schildern wollen oder können, wie es war, als die Baumwipfel die rechte Seite des Flugzeugs aufrissen. Wie es war, als die Flammen aus dem Heck schlugen, wie es beim Aufprall abbrach. In dem Wrack hingen die Passagiere gefangen, angeschnallt, in ihren Sitzen.

So oder so ähnlich muss es Axel Baumann erlebt haben. Er habe sich plötzlich im Wald wiedergefunden, erzählt er später Journalisten. Axel sieht an sich herunter, er trägt nur noch einen Stiefel. Dann hebt er den Blick: Über ihm hängen zwei Mitschülerinnen in den Gurten in der zerfetzten Kabine. Er hilft ihnen heraus. Sie fliehen ins Dunkel, während hinter ihnen die Treibstofftanks der TU-134 explodieren. Schließlich finden sie jene Autobahn, über die sie Minuten zuvor noch gescherzt haben.

Nirgends im Wald treffen die Verletzten auf Helfer, geschweige denn Krankenwagen, Polizei. Schließlich halten sie einen Robur-Kleinbus der NVA an. Die Soldaten fahren sie ins Krankenhaus Köpenick. Einer von ihnen erinnert sich zehn Jahre später in einer Dokumentation des ORB an das viele Blut in dem Auto, den verbrannten Geruch, die Schreie. Dem Mann kommen die Tränen, als er nach Worten sucht.

Niemand vermisst die Tupolew

Die Tupolew ist um 17.04 Uhr vom Radarschirm verschwunden. Im Tower Schönefeld nimmt man an, die Maschine sei gelandet. Erst um 17.15 Uhr bemerkt der Leiter der Flughafen-Rettungsstelle zufällig ein Feuer im Wald, als er daran vorbeifährt. Es dauert noch einmal 15 Minuten, bis das erste Rettungsfahrzeug kommt. Eine Regierungskommission, eilig eingesetzt unter der Leitung des Generaldirektors der DDR-Fluggesellschaft Interflug, Generalleutnant Klaus Henkes, wird später vollkommen ohne Ironie das "gute Funktionieren der Organisation" loben und "1100 Helfer im Einsatz" melden. Feuerwehrmann Speiler erinnert sich vor allem an "Unmengen Stasi-Leute, Polizei, Armee und nur sehr wenige Krankenwagen". Der Unglücksort wird schnell abgesperrt, Anwohner werden rüde aus dem Wald gewiesen. Das berichten diese später der Berliner Morgenpost.

Die Anwohner sind jedoch die ersten Helfer am Unglücksort. Sie sind es auch, die die Feuerwehr alarmieren. Die ersten Ärzte sind Freiwillige, die auf der Autobahn zufällig vorbeikommen. Währenddessen wird der Wald zur Kulisse für unvorstellbare Szenen. "Ich irrte wie in Trance durch das Dunkel", berichtet ein Überlebender den ORB-Reportern, "ich dachte, ich bin im russischen Kino. Erst als mich jemand ansprach, wusste ich, ich bin wieder in Deutschland, denn der Mann sprach astreines Sächsisch." Auch Klaus Speiler erinnert sich: "Im Wald kamen uns zwei schweigende Männer entgegen, wahrscheinlich waren es Überlebende." Dass er sie nicht ansprach, beschäftigt ihn bis heute. "Im Umgang mit traumatisierten Personen waren wir nicht geschult." Speiler hat bis heute drei große Flugzeugabstürze miterlebt, nimmt alle zwei Jahre an einer Übung für sogenannte Großschadenslagen teil. "In der DDR", sagt er bitter, "gab es dafür nicht mal ein Wort."

Das Waldstück an der B 179, in das die Tupolew stürzte, findet er auch heute noch sofort. Es ist da, wo die Bäume hellgrüner und kürzer sind als jene daneben. Die Narbe im Waldsaum ist unauffällig, aber vorhanden. "Die Bäume wurden damals weiträumig abgeholzt", erinnert sich Speiler, "man wollte jede Erinnerung tilgen."

Obst und Neid im Krankenhaus

Von den zwölf Opfern, die es lebend bis ins Krankenhaus Köpenick schaffen, erliegen zwei wenig später ihren Verletzungen. Die weniger schwer verletzten Patienten führen kurzfristig das Leben von Helden. Im Krankenhaus geben sich wichtige Persönlichkeiten die Klinke in die Hand. "Diese Schüler bekamen so viel Obst und Geschenke, dass bei den anderen Patienten der Neid ausbrach", erinnert sich eine der damaligen Krankenschwestern. Die Eltern und Lehrer in Schwerin holt die Wirklichkeit schneller wieder ein.

Die "Schweriner Volkszeitung", die am Tag nach dem Unglück noch nichts von der 10 a weiß, kennt am folgenden Tag bereits die Unglücksursache: "Pilotenfehler", sagen die Behörden. Die Nachricht wird auch in den Westen lanciert. Dort kommen Zweifel auf. US-Behörden brauchten in vergleichbaren Fällen für die Analyse mehrere Monate, heißt es. "Es bleibt nur die Folgerung, dass im Fall der TU-134 entweder Amateure am Werk waren oder dass aus sozialistischer Staatsdisziplin die Schuld dem Flugzeugführer angelastet werden musste", mutmaßt die Berliner Morgenpost.

1986 ist kein gutes Jahr für die sozialistischen Bruderstaaten, jedenfalls nicht, was den Zustand sowjetischer Technik betrifft. Nicht nur, dass am 26. April in Tschernobyl der Kernreaktor explodiert ist. In den zurückliegenden Monaten hat es gleich drei Flugzeugunglücke mit Tupolews vom Typ 134 gegeben: Im Oktober war in Südafrika eine TU-134 abgestürzt - 33 Tote. Eine zweite musste im selben Monat in der Sowjetunion notlanden, auch hier gab es Tote. 1985 war ausgerechnet in Minsk eine TU-134 nach dem Start abgestürzt. Nun lag eine vierte Maschine dieser Bauart im Wald bei Schönefeld.

Die Unglücksursache erläutert Kommissionsleiter Henkes zwei Wochen später dem Bürgermeister und Vertretern der Schule in Schwerin: Der Pilot habe den Flughafen zu tief angeflogen. Henkes spielt auf Bitten der Lehrer auch die Aufnahme des Voice-Rekorders vor. Eine Lehrerin erinnert sich: "Darauf war absolut nichts zu verstehen. Wir waren nicht sicher, ob es das Band aus dem Flugzeug war." Angehörige der Opfer sind zu der Vorführung nicht geladen. Sie machen sich ihren eigenen Reim darauf, warum das Unglück geschah. Die überlebenden Kinder haben etwas ganz anderes berichtet - von einem Knall und davon, dass das Flugpersonal eine Notlandung ankündigte und "alles versuchte, das Flugzeug auf eine Freifläche zu lenken", wie eine Schülerin im Krankenhaus der Schuldirektorin erzählt. Nichts davon findet sich auf dem Band. "Ich finde es gemein, dass der Pilot die Schuld bekommt", hat eine Schülerin noch gesagt.

Ruth Wurm sagt: "Ich glaube, der Pilot war einfach betrunken." Dies halten viele für die wahrscheinlichste aller Möglichkeiten, zumal in Schwerin. Hier sind Tausende russischer Soldaten stationiert. Das Verhältnis der Russen zum Wodka und die Lügen über ihre marode Technik sind Gegenstand unzähliger Witze. Diese wie auch die Mutmaßungen über die Unglücksursache der Tupolew werden natürlich nur hinter vorgehaltener Hand weitergereicht.

Kleidung auf Staatskosten schwarz gefärbt

Dafür, dass keine kritischen Fragen aufkommen, sorgt die staatliche Betreuung. Eine Lehrkraft der Schule meldet am 15. Dezember einen Anruf vom Springer-Verlag aus Hamburg: "Ich beendete sofort das Gespräch und ging sofort zur Parteisekretärin der Schule." Die Eltern werden angewiesen, nicht mit westlichen Medien zu sprechen. Die Betreuer haben die Betroffenen in die richtigen Bahnen zu lenken, bis hin zur staatlich zugelassenen Menge an Emotion: "Nicht zur Trauer anreizen, aber auch nicht pietätlos." Ziel sei es, "falsche Reaktionen auszuschließen".

Stattdessen sollen die praktischen Probleme der Planwirtschaft gelöst werden. Massenbeerdigungen sind im Sozialismus nicht vorgesehen. Die Familien dürfen sich außerhalb der Geschäftszeiten "im Kaufhaus Magnet mit Trauerkleidung versorgen". Als eine Mutter klagt, es gebe "selbst im Intershop keine schwarzen Strümpfe mehr", dürfen die Eltern Kleider auf Staatskosten schwarz färben lassen.

Die Laienhelfer müssen dennoch die pure, rohe Verzweiflung ertragen. Ein Elternpaar zertrümmert in seinem Unglück die eigene Wohnung. Ein anderes möchte so schnell wie möglich ein Mädchen adoptieren. Die dritten wollen nach Berlin fahren, um den Leichnam des Kindes selbst abzuholen. Die Betreuer schreiben all dies getreulich in ihre Berichte, erwähnen, wie dankbar alle für die Hilfe des Staates seien. Und dass eine Familie auf die alten russischen Flugzeuge geschimpft habe. Eine andere weigere sich, die Trauerfeier der "Organisation" zu überlassen, wünsche stattdessen eine kirchliche Begräbnisfeier. Dem Wunsch wird nicht entsprochen.

Soldaten sichern die Trauerfeier

Die offizielle Trauerfeier am Donnerstag, dem 18. Dezember 1986, ist die größte, die die DDR bis dahin erlebt hat. Fünf Tage haben die Arbeitsgruppen um den Oberbürgermeister den Ablauf lückenlos geplant. Sie haben Fragen abgebügelt nach einem gemeinsamen Gedenkstein für die Toten und nach einem gemeinsamen Grab. Haben festgelegt, wie viel und welche Verwandtschaft anreisen darf und wo sie übernachtet. Haben den Transport der Trauernden in Pkw organisiert und die Straßensperrungen dafür. Sie haben "die lückenlose Information" sichergestellt. Insgesamt seien 2500 Personen beteiligt gewesen und 550 Pkw, vermerkt der Oberbürgermeister stolz am selben Tage, "Stand 17 Uhr". Lobend erwähnt er die "in dunklen Anzügen eingekleideten und sich sehr diszipliniert verhaltenden Angehörigen der bewaffneten Organe".

Die Feier in der Halle am Fernsehturm beginnt um 13.30 Uhr. Die Halle ist ein Betonklotz aus den 70er-Jahren, heute treten hier die "Chippendales" mit erotischer Performance auf oder der Kabarettist Dieter Nuhr.

Am 18. Dezember 1986 sind die ersten drei Reihen für Polit-Prominenz reserviert. Dahinter sitzt das Schulkollegium, erst dann kommen die Familien. Dazwischen schauen jene Männer in dunklen Anzügen, die keiner kennt, unverwandt umher. Den Kirchenvertretern hat man am Morgen erläutert, dass ihrer Bitte um Teilnahme nicht entsprochen werden könne. In "keiner der betroffenen Familien bestand der Wunsch, eine kirchliche Beisetzung durchzuführen", behauptet der Abschlussbericht dreist. Ob denn wenigstens die Glocken zu Ehren der Toten läuten dürfen, will ein Geistlicher wissen. Nein. Damit werde "die Betroffenheit unserer Bürger der Stadt noch verstärkt". Stattdessen gilt auf dem Weihnachtsmarkt zwischen 13 und 16 Uhr ein Musikverbot.

Auch die Trauerrede des Oberbürgermeisters Helmut Oder ist schriftlich fixiert. Sein Beileid versichert er "im Namen der Partei der Arbeitklasse, der Organe des sozialistischen Staates und der in der Nationalen Front vereinten Parteien und Massenorganisationen des Bezirks und der Bezirksstadt sowie aller Bürger". Bürger sind allerdings kaum anwesend. Selbst die Eltern der verletzten Schüler sollten ursprünglich nicht teilnehmen. Ihnen wird erst Einlass gewährt, nachdem ein weiteres Kind verstorben ist. Zwölf Mitschüler müssen jedoch wieder gehen. "Außer diesen Jugendlichen wurde ein störungsfreier Ablauf gesichert", vermerkt der Bericht.

"Diese Beerdigung war eine Katastrophe", erinnert sich eine der Anwesenden. "Die Gesichter dieser unglücklichen Eltern erzählten mehr, als man mit Worten je hätte ausdrücken können. Sie waren in sechs Tagen um zehn Jahre gealtert." In der sechsten Reihe sitzt Ruth Wurm. Sie hat eine Wut im Bauch. Der Fahrer, der sie im Namen der Staatsmacht von zu Hause abgeholt hatte, "war ein Stasi-Mann", sagt sie, "ich erkannte ihn sofort, ich hatte ihn als Finanzrevisorin für Bildung zweimal erwischt, wie er Geld in die eigene Tasche wirtschaftete. Aber ihm ist nie etwas passiert."

Keine letzte Ruhe für Christen

Die bis heute wirksame Demütigung aber ist für Ruth Wurm die Sache mit den Gräbern. Gezielt sorgt man dafür, dass die Toten an weit auseinanderliegenden Stellen beerdigt werden. Das Grab von Horst Wurm und Sabine Kellermann liegt ganz hinten am Wald. Der Grabstein trägt ein Kreuz. "Direkt dahinter", sagt Ruth Wurm, "donnerten damals unentwegt russische Panzer vorbei." Sie hat verstanden, was die Stasi damit sagen wollte: Eine letzte Ruhe für Christenmenschen gab es in der DDR nicht. Erst als die Russen abzogen, kehrte am Grab von Horst Wurm Frieden ein.

Im April 1987 kommen weitere Informationen aus Akten der Untersuchungskommission ans Licht. Wenig überraschend: An der russischen Technik könne es nun wirklich nicht gelegen haben. Ebenso wenig habe man Alkohol im Blut der Piloten festgestellt. Die Kommission kommt vielmehr zu dem Ergebnis, der Pilot habe rechts und links verwechselt. Nachdem ihm zunächst mitgeteilt worden sei, er solle auf der linken Landebahn landen, und er dann die Zusatzinformation bekam, die rechte Landebahn werde zu Testzwecken beleuchtet, habe er "links" quittiert und den Landepunkt rechts angesetzt. Westliche Medien interpretieren das so: Der russische Pilot habe wohl nicht ausreichend Englisch gesprochen.

Eine andere, sehr russische These aus der Nachwendezeit lautet, der Pilot sei abgelenkt gewesen: Zusätzlich zum achtköpfigen Personal flog ein weiterer Flugoffizier mit, ein "Instrukteur". Er sollte dem Piloten ein sogenanntes Lande-Minimum abnehmen, eine Prüfung bei geringen Sichtverhältnissen, eine Routine-Qualifikation. Ein Freund des Instrukteurs mutmaßt später, der 53-jährige Pilot Anatoli Boguljubow sei möglicherweise "in Ehrfurcht erstarrt" und habe so, statt durchzustarten, den steilen Sinkflug fortgesetzt - was zum Absturz führte. Er hatte mehr als zehn Jahre Erfahrung. Näheres wird man wohl nie erfahren. Die gesamte Crew kommt bei dem Unglück ums Leben, die Wrackteile werden im Sommer 1987 verschrottet, die vom Tower Schönefeld aufgenommenen Tonbänder gelöscht.

Der Bericht der Kommission ist heute im Bundesarchiv in Berlin einsehbar. Direkt nach dem Unglück, geht daraus hervor, haben die russischen Behörden zunächst versucht, sämtliches Beweismaterial zu beschlagnahmen und die Schuld dem deutschen Bodenpersonal zuzuschieben. Das konnte erfolgreich abgewehrt werden. Westliche Experten kritisieren, die Tupolew 134 A sei in den 70er-Jahren schon mit veralteter Elektronik auf den Markt gekommen.

In Schwerin werden nach der Beerdigung alle Beteiligten angehalten, zum Alltag zurückzukehren. Vielen wird das nie gelingen. Zwar bekommen die Eltern Entschädigungen - die Katastrophe wird auf den Wert eines Arbeitsunfalls heruntergerechnet. Wünsche werden erfüllt: Urlaubsplätze an der Ostsee, Freifahrtscheine der Reichsbahn, vorzeitige Auslieferung eines Trabant.

Zweifel und Gerüchte

Im Juni 1987 empfangen die verwunderten Eltern noch einmal Besuch von ihren Betreuern. Wieder schreiben diese darüber Berichte: Die Eltern seien "tief enttäuscht von der Staatsmacht". Viele hätten immer noch Zweifel an der Unglücksursache. In der Stadt seien "Gerüchte im Umlauf", die Eltern hätten riesige Entschädigungen erhalten. Die Eltern bitten die Betreuer, dem öffentlich entgegenzutreten. Vergeblich.

Besorgt registrieren die Betreuer dagegen "ständige Kontakte" unter den Eltern. Er habe den Eindruck, schreibt einer, "dass die Familien sich gegenseitig heiß machen". Dann listet er die Fragen der Eltern auf. Die letzte: "Waren unsere Kinder keinen Tag Staatstrauer wert?" Sie waren es nicht.

Doch ein Gedenken an die Toten vom 12. Dezember ist nicht erwünscht. Retter Axel Baumann wird zwar mit einer Medaille geehrt. "Aber die Übergabe fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt", erinnert sich eine Lehrerin. Später wollen die Lehrer der Ernst-Schneller-Oberschule mit einer Wandzeitung an das Unglück erinnern. "Man hat es uns verboten." Am Ende des Schuljahres bitten die sieben überlebenden Schüler der 10 a darum, wie alle anderen Klassen gemeinsam zur Abschlussprüfung geführt zu werden. An einem Sommertag 1987 nehmen die Lehrer der kleinsten Abschlussklasse, die es hier je gab, die Prüfungen ab. Danach verlieren sich die Wege.

Bis heute gibt es weder am Unglücksort noch am Flughafen oder in Schwerin einen Gedenkstein oder eine Tafel. Als sich der Unglückstag vergangenes Jahr zum 20. Mal jährte, ließ die Stadt Schwerin auf jedem Grab eine weiße Rose ablegen.

Zweimal letzte Worte

Ende Dezember 1986 bekommt Ruth Wurm eine Postkarte. "Liebe Ruth, herzliche Grüße von hier", schreibt Horst Wurm fröhlich aus Minsk, "gestern waren wir im Zirkus und haben eine Stadtrundfahrt gemacht". Dann folgt der Satz, den man heute am liebsten ausradieren möchte: "Der Flug war herrlich."

Ruth Wurm hat die letzten Grüße ihres Mannes aufgehoben. Die Postkarte steckt in einer Zellophanhülle in einem Aktenordner neben der Rede, die sie für ihn gehalten hat. Denn ihre Familie hatte sich einen weiteren, einen privaten Abschied ertrotzt - "kirchlich", wie ihr Betreuer missgestimmt vermerkt.

Ruth Wurms Rede ist ein zweiseitiges Manuskript, maschinengetippt, eineinhalbzeilig, als sollte Platz bleiben für das, was nicht gesagt werden durfte. "Ich hasse einen schlechten Kommunisten genau so, wie ich einen schlechten Christen hasse", liest sie vor, heute wie damals, mit lauter Stimme und sehr geradem Rücken. Eine Frau, die weiß, dass sie moralisch das letzte Wort behalten hat, in einem Machtkampf, der anders nicht zu gewinnen war: "Und ich liebe einen guten Christen genau so, wie ich einen guten Kommunisten liebe".