"Wahnsinnstage liegen hinter mir", notiert Ursula von Kardorff Ende November 1943 in ihr Tagebuch. Die 32-Jährige wohnt in der Rankestraße und dort erlebt sie einen Tag nach Totensonntag, wie die Hölle losbricht über Charlottenburg. Am Abend des 22. November beginnt um 19.58 Uhr der bis dahin schwerste Luftangriff auf die Reichshauptstadt Berlin. Insgesamt 694 britische Flugzeuge werfen ihre tödliche Last ab, in einer fast geraden Linie vom Messegelände bis zum Alexanderplatz.
Als die Detonationen nach gut einer halben Stunde abnehmen, wagt sich die Journalistin von Kardorff aus dem Luftschutzkeller. Zuerst geht sie in ihre verwüstete Wohnung: Alle Scheiben sind zersplittert, alle Türen hat der Explosionsdruck von Luftminen aus den Angeln gehoben. Doch ihr Haus steht, und kleinere Brände kann sie schnell löschen. Dann hilft Kardorff mit Freunden den Nachbarn, bevor sie sich zu viert hinauswagen in die Rankestraße.
"Die Gedächtniskirche ist eine leuchtende Brandfackel", schreibt sie. Doch nicht nur das Gotteshaus brennt; auch das legendäre "Romanische Café" ist ein Raub der Flammen, und der Zoo ist ebenfalls schwer getroffen. "Es ist ein komisches Gefühl, hier könnte plötzlich ein Tiger auftauchen", geht Ursula von Kardorff noch durch den Kopf.
Auch der 16 Jahre alte Schüler Egon Seeling sieht die Gedächtniskirche brennen. Das Bild hat auch etwas Symbolisches - als würde ein Teil der deutschen Geschichte verbrennen.
Der britische Bomberstrom hat es an diesem Abend leicht: Über ganz Deutschland liegen dichte Wolken, aber just über Berlin reißt die Bewölkung auf und gibt dem Mondlicht eine Chance. Außerdem sind rechtzeitig zum Angriff vier neue Radarflugzeuge einsatzbereit geworden, die das Zielgebiet recht genau markieren können. Schließlich hat der britische Kommandeur Air Marshal Arthur Harris ein einfaches Ziel befohlen: Entlang dem Boulevard Unter den Linden sollen die Flugzeuge ihre 2501 Tonnen Bomben abwerfen, davon 1348 Tonnen Brandsätze. Damit soll das Nervenzentrum der Reichshauptstadt getroffen werden, das Regierungsviertel.
Die Bomberpiloten werden nervös
Die Maschinen vom Typ Halifax und Lancaster fliegen genau von Westen an. Die ersten öffnen tatsächlich über dem Stadtzentrum die Bombenschächte und zerstören unter anderem die ehemalige französische und russische Botschaft, aber auch den Stettiner Bahnhof. Doch dann kommt es zu einem Effekt, den Bomberbesatzungen "creeping back" nennen: Die Bombenschützen sehen vor sich die großen Detonationen und ersten Brände, werden nervös - und klinken ihre eigenen Ladungen Sekunden zu früh aus. So "kriecht" die Schneise der Zerstörung immer weiter in Anflugrichtung.
Genau das passiert auch am Abend des 22. November 1943. Während das Stadtzentrum schon brennt, treffen die ersten Bomben den Westen Berlins. Das Schloss Charlottenburg wird an diesem Abend schwer beschädigt, aber auch das Rathaus an der damaligen Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee) und die Technische Hochschule.
Zwei Luftminen detonieren
Besonders schlimm trifft es den Platz rund um die zweithöchste Kirche Berlins - die Gedächtniskirche. Mindestens zwei Luftminen detonieren hier, reißen Dächer ab und ermöglichen es so den nachfolgenden Stabbrandbomben, das Vernichtungswerk im Innern fortzusetzen.
Mitten im Angriff rast Hitlers Statthalter in Berlin, Joseph Goebbels, mit seinem Dienstwagen von einem Bunker in Steglitz zu seinem Befehlsstand unter dem Wilhelmplatz. Seine Eindrücke diktiert er wenig später einem Sekretär: "An allen Ecken und Enden brennt es lichterloh; die Straßen sind versperrt, dauernd fliegen Bomben und Minen umher, kurz und gut, man fühlt sich mitten in einem Kriegsgebiet." So schlimm ist die Lage, dass selbst dem fanatischen Propagandisten nichts mehr einfällt, die Situation zu verharmlosen. "Am stärksten ist die feindliche Lufttätigkeit über dem Zooviertel. Der Zoo ist schwer beschädigt, alle Tiere müssen erschossen werden. Auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche brennt lichterloh", heißt es in dem Stenogramm.
Am Morgen des 23. November 1943 ist der Bau, der bisher mit seinen fünf Türmen so sehr die Gegend dominiert hatte, nur mehr ein Schatten seiner selbst, rußgeschwärzt, schwelend, schwer versehrt. Die Luftminen und das anschließende Großfeuer haben das Dach des Kirchenschiffs zerstört, außerdem zwei der vier Nebentürme gefällt. Der Helm des Hauptturms aber hat das Bombardement überstanden; er ragt weiter 113 Meter hoch in den Himmel. Doch schon anderthalb Jahre später wird er ebenfalls zerstört. Auf einem im Frühjahr 1945 von US-Aufklärern aufgenommenen Foto ist er noch klar zu erkennen. Doch das ändert sich mit der letzten Schlacht um Berlin, dem Sturm der Roten Armee im April 1945. Wahrscheinlich weil der Turm sich für die sowjetischen Kanoniere so gut anpeilen lässt, schlägt Granate um Granate rund um den Auguste-Viktoria-Platz ein.
Mindestens zwei Volltreffer erhält der Turmhelm und bekommt dadurch seine heutige, charakteristische Form. Erst jetzt schließen die Berliner die Gedächtniskirche wirklich in ihr Herz. "Vor der Ruine verstummt jede Kritik. Es bleibt nur Liebe für diese traurige Ruine", schreibt der Schriftsteller Hans Erman treffend.


