So pingelig können doch nur Deutsche sein. In einem kurzen Fernseh-Spot, mit dem die Allianz in Taiwan wirbt, dreht ein Küchenjunge einen Backofen auf 200 Grad hoch. Sein Chef geht dazwischen und spricht mit donnernder Stimme: "Heute ist es heiß draußen, 198 Grad reichen." In Taiwan wussten sie jetzt alle: Dieser Maître muss ein Deutscher sein. Denn nur für einen aus Deutschland machen zwei Grad einen großen Unterschied aus.
Pingelig, aber eben genau. Und weil die Deutschen in dem Inselstaat als pingelig, pardon akribisch, gelten, haben ihnen die technikbegeisterten Taiwanesen ihr Prestigeprojekt anvertraut: den neue Superschnellzug Shinkansen.700.T, den modernsten der Welt. Deutsche Lokführer schulen Taiwans Schienen-Piloten der Zukunft und fahren die rasende Wagen. Einer von ihnen ist der Berliner Bahner Volker Loose - statt Trier-Köln steht nun Taipeh-Kaohsiung auf seinem Fahrplan.
Es war ein großer Tag für Taiwan, als sich Anfang des Jahres der Zug mit der stupsnasigen Schnauze langsam in den Bahnhof Panchiao nahe der Hauptstadt Taipeh schob. Die Inselchinesen sind auf der Schiene im Hochgeschwindigkeitszeitalter angekommen, nun hat Taiwan wie Deutschland, Frankreich oder Japan eine Superzugflotte, mit Triebwagen, die 300 Stundenkilometer und schneller dahindonnern.
Zum Beweis seiner unbändigen Kraft raste der Shinkansen.700.T am ersten Tag von Taipeh an der Nordspitze in die 345 Kilometer entfernte Stadt Kaohsiung im Süden in nur 90 Minuten. Und trifft pünktlich auf die Sekunde im Bahnhof ein. "Pünktlichkeit ist in Taiwan enorm wichtig. Aber ich war noch nie mehr als fünf Sekunden zu spät. Eher rolle ich 25 Sekunden vor der Zeit in den Bahnhof", sagt der Lokführer.
Mit 300 Stundenkilometern durch Taiwan
Volker Loose ist froh, wenn er in Kaohsiung aussteigen und in seinem Appartement im neunten Stock den Blick über den Hafen und den Love River genießen kann. Die Schichten bei der Taiwan High Speed Rail Corp. (THSRC) sind hart, aber trotzdem bleibt ihm noch genug Zeit, das fremde Taiwan zu entdecken. "Fernöstliche Exotik mit Tempeln sucht man zwar vergeblich. Die Insel ist ein amerikanisierter Industriestaat. Aber die Landschaft ist traumhaft, es gibt herrliche Berge und Strände."
Genießen kann er die nur selten, meist fliegt die Landschaft an ihm vorüber - 300 Stundenkilometer schnell rasen die Schnellzüge dahin. Und keine der in Deutschland gefürchteten, zahlreichen Langsamfahrstellen oder Bummelzüge behindern den 390 Meter langen Shinkansen.700.T. Zwei Minuten würde es dauern, den Superzug aus voller Fahrt abzubremsen, 3,6 Kilometer hätte er dann zurückgelegt. "Deshalb müssen die Lokführer vorausschauend fahren, Gefahren früh erkennen und bei Bedarf in Sekundenbruchteilen reagieren."
Für ihren Shinkansen suchten die Taiwanesen nach den besten Lokführern der Welt - und fanden sie in Europa. Neben 34 französischen Lokführern sind bald elf Deutsche für die (THSRC) im Einsatz. Die Auswahl an Highspeed-Lokführern ist weltweit klein. Wer sich wie Chinesen, Koreaner und Russen oder die spanische und italienische Staatsbahn ein Hochgeschwindigkeitsnetz zulegt, muss in Deutschland, Frankreich oder Japan anklopfen, um dort die Speziallokführer als Ausbilder zu bekommen. Japanische Schnellzugfahrer sind teuer, dort ist ein Hochschulstudium Pflicht. Das brauchen die Europäer nicht, dafür gelten sie, vor allem die deutschen Lokführer als gut ausgebildet und flexibel, als Generalisten und technisch auf dem neuesten Stand. "Wir kennen jede Schraube an unserem Zug", sagt Loose. Taiwanesische Schnellzugfahrer gibt es erst 32, schließlich hat das Zeitalter der Hochgeschwindigkeitszüge auf der Hightechinsel erst begonnen.
11,5 Milliarden Euro investiert
Noch knattert die Mehrheit der Inselchinesen mit Zweirädern übers Land. "Durch die Städte wälzt sich eine Flut von Rollern, Autos oder gar Fahrräder sieht man seltener", hat Loose beobachtet. Vier bis fünf Stunden dauerte bislang die Fahrt von den großen Zentren im Norden und Süden der Stadt - inakzetabel für eine Techniknation wie Taiwan.
Also hat die Regierung ein gewaltiges Schienenprojekt angeschoben. Umgerechnet 11,5 Mrd. Euro hat Taiwan in das neue Schienennetz und die Superzüge gepumpt und weltweit dafür eingekauft. Neue Megabahnhöfe an den Stadträndern entstanden, sie sollen die Kerne neuer Metropolen werden. Die Deutschen spielten in diesem Rieseninfrastrukturprogramm von Anfang eine große Rolle. Den technisch anspruchsvollsten Trassenabschnitt setzte der Baukonzern Bilfinger Berger in das Sumpfland und Erdbebengebiet, der sauerländische Bahntechnikhersteller Vossloh lieferte Spezialschienenteile.
Nur Siemens als Zuglieferant ging leer aus, nachdem die Japaner Druck gemacht und den Shinkansen-Hersteller Kawasaki Heavy als Hersteller durchsetzten. Immerhin kam die Deutsche Bahn bei den Lokführern noch zum Zug, das fahrende Personal ist ein Exportschlager der DB.
Klar locken die Zulagen deutsche Lokführer ins Ausland, vor allem aber ist es der Reiz, auf anderen Erdteilen andere Züge zu fahren. Loose war schon beim Transrapid in Shanghai mit dabei. "In Deutschland habe ich alle Baureihen bei Zügen gefahren, vom ICE bis zu Diesellok - da gab es keine Herausforderung mehr.

