Die Auseinandersetzungen im organisierten kriminellen Milieu haben offenbar eine neue Dimension erreicht: Erstmals sind Angehörige der Rockerclubs "Bandidos" und "Chicanos" mit Mitgliedern einer polizeibekannten arabischen Großfamilie aneinander geraten. Bei der mit Hieb- und Stichwaffen ausgetragenen Schlägerei wurden am Montagabend in Reinickendorf ein Rocker und zwei 26 und 30 Jahre alte Araber verletzt, einer davon schwer. Im Zuge der Ermittlungen kam auch das Spezialeinsatzkommando (SEK) zum Einsatz. Polizeibeamte kritisieren den zuständigen Bereitschaftsrichter - dieser hatte erst am gestrigen Tage einen Durchsuchungsbeschluss für die Räume des Rocker-Clubhauses erteilt. Dadurch seien Ermittlungen um 18 Stunden verzögert worden.

Kampf mit Messern und Macheten

Aus noch unbekannten Gründen gerieten Montagabend gegen 19 Uhr einige Rocker vor ihrem Clubhaus an der Residenzstraße in Reinickendorf in einen Streit mit Männern der Großfamilie. Aus der zunächst verbal geführten Auseinandersetzung entwickelte sich eine Schlägerei, die Kontrahenten gingen mit Messern, Macheten und Baseballschlägern aufeinander los. Da die Rocker zahlenmäßig überlegen waren, schlugen sie ihre Gegner in die Flucht, zwei von ihnen mussten im Krankenhaus versorgt werden. Während einer der Verletzten nach einer ambulanten Behandlung wegen eines Stiches in den Oberkörper entlassen werden konnte, wurde der andere bis in die gestrigen Morgenstunden operiert. Trotz schwerster Verletzungen schwebt er nicht mehr in Lebensgefahr.

Das SEK durchsuchte die Wohnung des weniger stark Verletzten in Neukölln, weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass sich der Mann bewaffnet hatte.

Als die Polizei am Einsatzort eintraf, war der Großteil der an der Schlägerei beteiligten Personen verschwunden, vier Rocker wurden festgenommen. Nach Recherchen dieser Zeitung sollen sich zu diesem Zeitpunkt mehrere "Bandidos" gesammelt und einen Überfall auf die Araber geplant haben. Dies wurde allerdings offenbar verworfen, weil befürchtet wurde, dass nun auch die Angehörigen der Großfamilie Verstärkung bekommen haben könnten.

Zur gleichen Zeit wuchs der Ärger bei den Ermittlern: Hatten sie zwar das Recht, kurz in den Clubräumen an der Residenzstraße nach Verletzten zu suchen, fehlte ihnen für eine Durchsuchung der nötige richterliche Beschluss. Obwohl sich nach Informationen dieser Zeitung sowohl Polizeiführer als auch die Staatsanwaltschaft für die Ermächtigung eingesetzt haben sollen, sei ihnen dies von dem Bereitschaftsrichter verwehrt worden. Die Fachdienststelle erschien wegen eines anderen Einsatzes erst gegen 22 Uhr am Ort und wollte sich auf die Suche nach Waffen in den Räumlichkeiten machen. "Doch der Richter teilte mit, dass er den Durchsuchungsbeschluss nicht erteilen werde", so ein Beamter. "Wir sollten das Gebäude absperren und Posten aufstellen und dann am nächsten Tage mit der Arbeit beginnen, sobald die Befugnis erteilt werde." Erst gestern nach 13 Uhr konnte mit den Maßnahmen begonnen werden. "Das hat die Ermittlungen unnötig verzögert. Zudem mussten sechs Bereitschaftspolizisten bis zur Durchsuchung vor dem Gebäude an der Residenzstraße stehen." Laut Angaben einer Justizsprecherin habe der Beschluss nicht erlassen werden können, weil der Besitzer der Räumlichkeiten nicht bekannt gewesen sei.

Für Experten stellt die Auseinandersetzung zwischen den Rockern und der Großfamilie eine neue Entwicklung dar. Bislang hatten sich die Parteien lediglich mit konkurrierenden Gegnern aus dem eigenen Milieu bekämpft. Ermittler gehen davon aus, dass die Motive entweder im Bereich Ehrverletzung liegen oder es Machtkämpfe im kriminellen Bereich gibt. "Jede dieser Parteien hat sich jetzt einen starken Gegner ausgesucht. Aber gerade die Mitglieder der Großfamilie lassen einen solchen Zwischenfall nicht auf sich sitzen. Die Rocker müssen also jederzeit mit Racheakten rechnen", sagt ein Beamter. Er und seine Kollegen gehen davon aus, dass es in den nächsten Wochen zu weiteren Zusammenstößen kommen könnte, die mit Schwerverletzten oder auch Toten enden könnten.

In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Revierkämpfe zwischen den "Bandidos" und den "Hells Angels" gegeben. "Letztere werden sich jetzt sicherlich freuen, dass ihre Konkurrenz nun neue Gegner hat", so der Beamte.