Das historische Zentrum des Fischfangs in Berlin liegt auf der Halbinsel Stralau. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts lebten dort elf Fischer, die in der Spree ihre Netze auslegten. Diesen Fischern hat Berlin auch sein erstes großes Volksfest zu verdanken, den Stralauer Fischzug. Der Fischzug geht auf einen Erlass des brandenburgischen Kurfürsten Johann Georg zurück, in dessen Herrschaftsbereich das heutige Berlin lag. Um die Spree und die anderen brandenburgischen Gewässer vor Überfischung zu schützen, verfügte der Markgraf im Frühjahr 1574, dass fortan zwischen Gründonnerstag und dem 24. August (Bartholomäustag), die Fische "durchaus sollen verschonet werden, damit die Fischerei nicht zu Schaden komme, weil der Laich und die jungen Fische zu Unzeiten gebraucht werden".
Der Fischzug wird zum Volksfest
Der 24. August bedeutete für die Fischer zunächst jedoch einmal harte Arbeit für wenig Lohn, denn vier von fünf an Land gezogener Netze voll Fisch hatten sie dem Pfarrer abzugeben. Als Entschädigung erhielten sie und ihre Knechte eine halbe Tonne Bier, die sie noch am selben Tag gemeinsam "vertranken", wie es in zeitgenössischen Quellen heißt. Bald darauf zog dieser erste "Fischzug", zum Auftakt der neuen Fangsaison, auch immer mehr Schaulustige an. Die kleine Fischergemeinde Stralau entwickelte sich im 18. Jahrhundert zum Ausflugsort der Berliner, und der "Stralauer Fischzug" erlangte einen wahren Volksfestcharakter. Die Wiese an der Rummelsburger Bucht wurde zum "Rummelplatz" mit unzähligen Glücks- und Schaubuden, Kasperle- und Puppentheatern, Karussells, Wurst- und Bierständen. Der "Rummelplatz" des Stralauer Fischzuges erlangte in den folgenden Jahren eine solche Berühmtheit, dass sein Name bald als allgemeine Bezeichnung für Volksfestplätze im deutschsprachigen Raum gebraucht wurde.
Im 19. Jahrhundert fielen wegen des Fischzuges sogar Theatervorstellungen im Berliner Schauspielhaus aus. Einen Rekordbesuch verzeichnete die Veranstaltung 1841: 50 000 Besucher weilten in diesem Jahr in Stralau.
Der Fischzug gerät in Verruf
20 Jahre später kam das bunte Treiben auf der Stralauer Halbinsel jedoch zu einem jähen Ende. Zeitgenössische Beobachter berichteten von "blutigen Schlägereien, weil wenig Essen und unmäßiges Trinken herrschten. Mehrere Wundärzte waren nötig, die in Raufhändel Verwickelten zu versorgen. Es wurden unzüchtige Lieder gesungen. Man erging sich in anstößigen Spielen und Neckereien". Aufgrund dieser Ausschweifungen wurde der Fischzug im Jahr 1873 erstmals verboten. Bis zum Zweiten Weltkrieg erlebte die Veranstaltung mehrere Neuauflagen. 1954 beschlossen die Verantwortlichen in der DDR dem traditionsreichen Fischzug erneut Leben einzuhauchen. 1956 besuchten über 200 000 Menschen den Rummelplatz, darunter auch fast 100 000 West-Berliner. Der Mauerbau 1961 bereitete dem Volksfest ein jähes Ende. Wegen seiner Lage am neu entstandenen Todesstreifen wurde der Fischzug 1962 erneut verboten. Eine Neuauflage Mitte der 1990er-Jahre scheiterte, da das Fest nicht an vergangene Zeiten anknüpfen konnte. Heute erinnert in Stralau nur noch die Straße "Am Fischzug" an das einstmals bunte Treiben auf dem Rummelplatz. Auch Fischer findet man dort heute vergebens. Dennoch lädt die Spree vor Stralau zum Angeln ein: 23 Fischarten, darunter auch Aal und Zander, tummeln sich dort im Wasser und warten nur darauf, gefangen zu werden.


