Wie dem Berliner Olympia-Bärchen das Grinsen verging

Erst das Sommermärchen der Fußballer, jetzt der Wintertraum im Handball. Deutschland begeistert sich für Sport wie lange nicht - und zeigt der Welt, dass es bereit ist für die größten aller Spiele.

Erst das Sommermärchen der Fußballer, jetzt der Wintertraum im Handball. Deutschland begeistert sich für Sport wie lange nicht - und zeigt der Welt, dass es bereit ist für die größten aller Spiele. Olympia ist auch Berlins großer Traum. Doch dann muss man aus den Fehlern der verpatzen Bewerbung von 2000 lernen.

Neun Stimmen. Neun. Von 88. Im Sportsaal des Stadions Louis II in Monte Carlo gefriert das Lächeln auf den Gesichtern der 150 Abgesandten aus Berlin. Das grinsende Bärchen auf gelben Krawatten und Halstüchern wirkt auf einmal reichlich deplatziert. Am Abend des regnerischen 23. September 1993 hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) an der Côte d'Azur die Bewerbung Berlin um die Olympischen Spiele 2000 versenkt.

Dabei hatte ihnen Axel Nawrocki, Chef der Olympia GmbH, doch stets vorgerechnet, dass Berlin mindestens 40 Stimmen holen würde und man auch die letzten Zauderer im IOC in den letzten Stunden noch beeinflussen könne. Von mindestens 20 IOC-Mitgliedern will der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen "heilige Eide" vernommen haben, für Berlin votieren zu wollen. Aber nun das: Der Kandidat aus Allemagne abgeschlagen auf dem vorletzten Rang. Hinter Manchester, nur vor Istanbul. Die Überraschungssieger aus Sydney lassen die Korken knallen. Sie haben den Favoriten Peking in letzter Minute überholt.

Daheim vor der Großbildleinwand bei der "Komm Olympia-Party" am Brandenburger Tor stockt 20 000 Olympia-Fans der Atem. "Mist", sagt einer in die Schrecksekunde hinein. "Wenigstens nicht Peking", meint ein Herr gequält.

Wenige Meter entfernt löst IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch mit seinem Satz "The winner is: Sydney" Jubel aus. Im Tränenpalast an der Friedrichstraße feiern die Olympia-Gegner. In Kreuzberg zünden sie Feuerwerk. An der Oberbaumbrücke brennen Olympia-Fahnen.

Zu dieser Stunde sitzt Eberhard Diepgen schon umnebelt von Tabakrauch und Barmusik in einer diskreten Ecke des Loewe Hotels in Monaco und trauert. Der Regierende Bürgermeister hat für die Idee Olympia gekämpft. Jetzt spricht er sich Mut zu. "Berlin hat durch die Bewerbung im Grunde gewonnen, die Welt hat uns wahrgenommen." Dann hören ihn Reporter auch noch über das Versagen der deutschen IOC-Mitglieder klagen. Die hätten es nicht geschafft, bei den Kollegen Stimmung für Deutschland und Berlin zu machen.

Außerhalb des deutschen Lagers waren diese internen Dissonanzen nicht verborgen geblieben. Während der britische Ministerpräsident Tony Blair für Manchester trommelte und auch andere Bewerberstaaten ihre höchsten Vertreter nach Monte Carlo entsandten, ließen sich Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker durch den spröden Innenminister Manfred Kanther vertreten. Hinzu kam der Streit in der Bewerberstadt selbst: "Berlin ist an sich selbst gescheitert", resümiert das Schweizer IOC-Mitglied Max Hodler.

Reagan für Olympia in Ost und West

Der langjährige Präsident des deutschen Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, hatte schon Anfang der 60er-Jahre Überlegungen angestellt, durch ein Treffen der Jugend der Welt in der geteilten Stadt die Mauer zwischen den Blöcken zu überwinden. Aber erst US-Präsident Ronald Reagan bringt Schwung hinter die Idee. Am 12. Juni 1987 spricht Reagan mit dem vermauerten Brandenburger Tor im Rücken zu 30 000 Berlinern im Tiergarten seine berühmten Worte, "Mister Gorbatschow, tear down this wall". In seiner Rede, mit der er vom sowjetischen Staatschef Konsequenzen aus der Glasnost-Politik fordert, setzt er die Olympia-Idee auf die Agenda: "Wie könnte man besser die Offenheit dieser Stadt dokumentieren als durch das Angebot, in naher Zukunft die Olympischen Spiele hier in Berlin, im Osten und Westen, abzuhalten?"

Die Politiker im Westen Berlins folgen dem Rat des Kaliforniers. Ihr Kalkül: Der wegen seiner Vergangenheit im faschistischen Spanien kritisierte IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch könnte seinen Lebensweg mit einem Friedensnobelpreis krönen, wenn er mit seinen Spielen die Mauer zumindest zeitweise zu Fall brächte. Das würde den eitlen Katalanen für Berlin einnehmen.

Der McKinsey-Berater Nikolaus Fuchs schreibt eine erste Machbarkeitsstudie. Bald nach seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister versammelt der Sozialdemokrat Walter Momper Mitstreiter und Vordenker auf der Terrasse des Senatsgästehauses in Grunewald zur Ideensammlung. Der Senat zieht drei Dutzend Beamte, Berater und Sportexperten in einer Fabriketage in Siemensstadt zusammen, um das Projekt der "Spiele über die Mauer" voranzutreiben. Am 10. Juni 1989, die Mauer sollte noch fünf Monate stehen, macht Momper vor dem Sportausschuss des Deutschen Sportbundes die Pläne öffentlich. Wenig später übergibt Fuchs die erste konkrete Studie über die Sportstätten an Mompers Senatskanzleichef. "Streng vertraulich", prangt auf dem Einband. Auf der anderen Seite der Mauer fühlt sich im Ost-Berliner Staatsratsgebäude Erich Honecker unter Druck gesetzt. Um die Pläne des Westens zu kontern, lanciert die DDR Überlegungen, Leipzig in den olympischen Wettbewerb zu schicken. Das Rennen ist eröffnet.

Wir müssen Olympia kaufen

Bei seiner ersten Sitzung an seinem neuen, alten Sitz im Roten Rathaus in Mitte beschließt der Senat des vereinten Berlin am 9. Oktober 1990, sich für die Olympischen Spiele 2000 zu bewerben. Wie man das anstellt, will man schnell herausfinden. Also jetten Fuchs und ein paar Mitarbeiter zwei Monate rund um die Welt. In 15 Städten, die sich mit oder ohne Erfolg um die Spiele beworben haben, befragen sie 80 Personen, um herauszufinden, worauf es ankommt. Das Ergebnis ist für die Idealisten in Berlin ernüchternd. Es geht nicht in erster Linie um funktionale Sportstätten, begeisterte Gastgeber oder schöne Hotels. Zu 65 Prozent, so berichtet Fuchs, kommt es auf gute Beziehungen in den erlauchten Kreis der IOC-Mitglieder an. Die Herren der Ringe seien im Grunde korrupt, so die Erkenntnis. "Wir müssen Geld auf den Tisch legen", berichtet Fuchs dem neuen Regierenden Eberhard Diepgen im Frühsommer 1991 im Roten Rathaus. "Ach du liebes bisschen", entfährt es den ehrbaren Christdemokraten. "Was machen wir denn jetzt?" Eine Weile blickt der Chef der großen Senatskoalition aus dem Fenster seines Büros auf den Neptunbrunnen. Dabei reift die Erkenntnis: "Das können wir nicht mit öffentlichem Geld machen." Fuchs hat vorgedacht: Man brauche eine private Gesellschaft, deren Chefs mit den Entscheidern Golf spielen, gegebenenfalls französisch parlieren und über so viel Geld verfügen, um IOC-Mitgliedern auch mal eine Rolex schenken zu können. Und so gründet Berlin neben der öffentlichen Olympia GmbH noch eine privat organisierte Olympia Marketing GmbH. Die sammelt private Sponsorengeld ein, vermarktet das Bärchen-Logo und wird immer tätig, wenn die Fesseln der Landeshaushaltsordnung bestimmte Aktionen verbieten. Am Ende ist nicht mehr zu klären, ob Berlins Bewerbung nun die offiziell behaupteten 60 Millionen oder die von Kritikern hochgerechneten 250 Millionen Mark verschlungen hat. Als sich Jahre später ein Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses mit dem Verfahren befasst, sind wichtige Akten schon im Reißwolf gelandet.

Wenig Rückenwind aus Bonn

Berlins Olympia-Bewerbungsmannschaft stolpert durch eine ganze Reihe von Pannen, obgleich die Planung für neue Sporthallen, Olympische Dörfer und den S-Bahn-Olympia-Express professionell voranschreitet und bunt präsentiert wird. Die Bundesregierung engagiert sich nur verhalten. Zu Aufsichtsratssitzungen der Olympia GmbH schickt Bonn keinen Minister, sondern nur einen Staatssekretär. In anderen Bundesländern schaut man mit Argwohn auf die Riesenstadt fern im Osten. "Nach der mühsam erkämpften Hauptstadtentscheidung konnte das Land offenbar nicht auch noch die Olympiade in Berlin ertragen", kommentiert Eberhard Diepgen im Rückblick bitter.

Aber auch die Nachbarn stehen nicht wirklich hinter Berlin. Als die Olympiaplaner die Idee entwickeln, die Dressurreiter im Schlosspark von Sanssouci ins Geviert zu schicken, handeln sie sich von Brandenburg eine rüde Absage ein. "Die hatten Angst, dass einer über den Rasen latscht", erinnert sich der langjährige Chef des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen. Viele hätten damals den Werbewert von Olympischen Spielen nicht erkannt.

Pech und Pannen

Berlin unterlaufen aber auch genügend eigene Fehler. Als erster Fehlgriff erweist sich der Chef der Olympia GmbH, Lutz Grüttke. Der Pressesprecher der Daimler Benz AG hat den früheren IBM-Manager nach Berlin vermittelt. Daimler ist wichtiger Motor und Sponsor der Berliner Bewerbung. Konzernchef Edzard Reuter, Sohn des legendären Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter, kämpft für die Spiele in seiner Vaterstadt. Aber die Empfehlung Grüttke erweist sich als Flop. Der Olympia-Chef präsentiert Sportler wie Steffi Graf, Boris Becker, Lothar Matthäus und Franz Beckenbauer als Olympia-Botschafter, von denen einige später behaupten, sie seien gar nicht gefragt worden. Nach einem halben Jahr im Amt stürzt Grüttke über einen Deal mit der Düsseldorfer Werbeagentur Schirner, mit der er persönlich verbandelt ist. Schirner bekommt als Leitagentur für die Kampagne ohne Ausschreibung für acht Monate 3,8 Millionen Mark. Weil Grüttke den Vertrag am Aufsichtsrat der Olympia GmbH vorbei fingerte, zwingt Diepgen ihn im September 1991 zum Rücktritt. Zwei weitere Manager verlassen bald darauf in der Folge des Skandals das Olympia-Projekt.

Im Dezember 1991 präsentiert Diepgen Axel Nawrocki als Nachfolger. Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hat den redegewandten Herrn mit dem silbergrauen Scheitel empfohlen. Nawrocki kommt von der Treuhand und diente früher Biedenkopfs CDU-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen als Geschäftsführer. Nicht wenige in Berlin halten Nawrocki für ungeeignet. Er kenne niemanden in der internationalen Sportwelt.

Trotz dieser Schwächen lassen die Berliner Insiderwissen aus der Welt des IOC ungenutzt. Berthold Beitz, ehemaliger Krupp-Chef und Ehrenmitglied des IOC, wird verprellt. Er möge sich das Amt des Aufsichtsrats-Vize der Olympia GmbH mit Berlins Sportsenator Jürgen Klemann teilen. Der Grandseigneur des IOC lehnt dankend ab. "Die Berliner sind sich selbst genug", kommentiert Beitz spitz.

Der Skandal um die Geheimdossiers

Unbemerkt von der Öffentlichkeit haben Marketing-Chef Fuchs und seine Leute begonnen, die IOC-Mitglieder für Berlin einzunehmen. Zunächst sammeln sie Informationen über die Vorlieben der Olympioniken. "Wer will Geld, wer will Weiber, wer will Jungs, wer will Drogen", fasst ein Insider zusammen. Die Berliner versuchen, sich Arbeit zu sparen und intime Daten der IOC-Mitglieder aus Atlanta zu kaufen. Schließlich hatten die abgezockten "Atlanta-Boys" die Spiele von 1996 mit dem Geld von Coca Cola in die amerikanische Provinz geholt, obwohl Symbolik und Historie für Athen sprachen, wo 100 Jahre zuvor die ersten Spiele der Neuzeit ausgetragen wurden. Die Amis hätten den Kollegen aus Berlin auch gern weitergeholfen. Aber andere waren schneller. Der IOC-Datensatz aus Atlanta war bereits in den Aktentaschen der Sydney-Werber unterwegs nach Australien.

Dabei verbieten die Regeln des IOC, die Mitglieder auf diese Art zu beeinflussen. Geschenke im Wert von mehr als 200 US-Dollar sind nicht erlaubt. Die Entscheider dürfen jede Bewerberstadt nur drei Tage besuchen, um sich ein Bild zu machen. Selbst das deutsche IOC-Mitglied Walther Tröger räumt jedoch später ein, Berlin habe sich um diese Regeln nicht immer "geschert".

Die Olympia GmbH überreicht Bücher für 2000 Mark oder Edelmetalle für 11 000 Mark. Der Untersuchungsausschuss addiert später allein aus den keineswegs vollständigen Belegen eine Gesamtsumme von 120 000 Mark für Geschenke an IOC-Vertreter. Gelegentlich werden auch Damen direkt in der Limousine am Flughafen gewünscht. Andere begnügen sich mit Essenseinladungen in der guten Berliner Gesellschaft, die sich in einem Verein zur Förderung der Bewerbung zusammengefunden hat.

Mitten in die diskreten Lobby-Aktivitäten platzt im Juni 1992 die Bombe. Das ARD-Magazin Monitor berichtet, die Olympia GmbH habe Geheimdossiers mit Informationen aus der Intimsphäre von IOC-Mitgliedern angelegt. Die Quelle dieser Indiskretion ist offenbar ein früherer Mitarbeiter, der im Streit gegangen war. Die Öffentlichkeit ist empört. Insider schwören, solche Sammlungen unter anderem über sexuelle Neigungen der mächtigen Entscheider zwar erwogen, sie aber letztlich nicht systematisch betrieben zu haben. Olympia-Marketing-Chef Nikolaus Fuchs, der Kopf der Bewerbung, muss gehen, arbeitet aber im Hintergrund weiter.

Das IOC sei auch nach diversen inzwischen aufgeflogenen Skandalen im Kern korrupt, sagt Nikolaus Fuchs heute. Er kalkuliert mit einer viertel Million Euro pro Stimme, zu hinterlegen bei Schweizer Notaren. Wer dieses Spiel nicht mitmachen wolle, habe keine Chance auf die Olympischen Spiele.

Die Wünsche der Herren der Ringe

Während sich in Deutschland die Öffentlichkeit erregt, widmet sich Berlin unverdrossen der Betreuung von IOC-Größen. Aber offenbar erfüllen sich dabei nicht alle Erwartungen der Umworbenen. Der einflussreiche Südkoreaner Un Yong Kim hat eine Tochter, die sehr gut Klavier spielt. Der stolze Vater bittet, seinen Sprössling mit den Berliner Philharmonikern musizieren zu lassen. Der Wunsch wird abgelehnt. Erst kurz vor der Entscheidung finden die Musiker doch noch Zeit - wohl zu spät.

Oder der Pakistani Anwar Chowry. Der lässt durchblicken, seine Kinder hätten Interesse an einem Medizin-Studium in Europa. Ob es denn in Berlin eine medizinische Fakultät gebe. "Ja, die gibt es", erfährt der einflussreiche Präsident des Weltverbandes der Amateurboxer. Die möglicherweise erhoffte Offerte eines Studienplatzes samt Stipendium bleibt jedoch aus.

In kleinen Dingen zeigen sich die Berliner aber großzügig. Gern beherbergt man die IOC-Mitglieder länger als die erlaubten drei Tage oder besucht sie entgegen den Regeln in ihren Heimatländern. Auffällig oft verlieren IOC-Mitglieder auf Reisen ihre Koffer und müssen dann auf Kosten der Bewerberstädte edel neu eingekleidet werden. Darum ist es hilfreich, die Konfektionsgrößen zu kennen.

Schon die Anreise nach Berlin gestaltet sich für einige kostspielig. Paul Wallwork aus Western Samoa fliegt bei seinem Besuch aus Polynesien die Route Samoa - Los Angeles - Berlin - Madrid -Teneriffa - Madrid - London -Samoa. Kostenpunkt: 16 888 Schweizer Franken, die Berlin anstandslos bezahlt. Auch Wallworks Bruder jettet auf Kosten Berlins um die Welt, landet aber nicht in Deutschland, sondern nur in Kalifornien, Australien und Neuseeland. Das ungarische IOC-Mitglied macht für seinen Berlin-Besuch 18 000 Mark geltend. Und der Flug von IOC-Chef Samaranch aus dem nahen Stuttgart nach Berlin schlägt mit 6294 Mark zu Buche. Kurz vor der Entscheidung von Monte Carlo steuert Berlin noch einmal 750 000 Mark bei, um 51 IOC-Mitglieder während der Leichtathletik-WM in Stuttgart zu betreuen.

Wenig Olympia-Euphorie

Die Berliner haben zunächst reserviert auf die Olympia-Pläne ihrer Stadtväter reagiert. Erste Umfragen ergeben eine Zwei-Drittel-Mehrheit gegen die Spiele. Viele fürchten, die gerade vereinigte Stadt könnte sich überheben, Bürger aus ihren Kiezen verdrängt werden. Zwar stellt Diepgen im Oktober 1992 offiziell den Finanzplan vor, wonach die Spiele zwar 3,28 Milliarden Mark kosten, aber 3,46 Milliarden Mark einbringen, 1,4 Milliarden davon durch den Verkauf von Sondermünzen. Es nährt jedoch das Misstrauen, dass der Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses eine Garantieerklärung über neun Milliarden Mark abgeben muss.

Mit viel Werbeeinsatz und Überzeugungsarbeit gelingt es den Olympia-Planern und Politikern zwar bis zur Entscheidung, in Berlin eine 61-Prozent-Mehrheit für Olympia zu erzeugen. Aber gleichzeitig formieren sich die Olympia-Gegner. Ihre These: Olympia in Berlin fördere mit seinen Parallelen zu Hitlers Spielen von 1936 einen ungesunden Nationalismus, der sich gerade in den Übergriffen auf Ausländer wie in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen gezeigt hat. Der Argwohn erhält Nahrung, als die Olympia GmbH das IOC-Exekutivkomitee im September 1991 im Schatten des Pergamon-Altars auf der Museumsinsel bewirtet. Genau wie 1936.

Zu dieser IOC-Tagung ziehen jedoch nur gut 1000 Protestierer vom Stadion der Weltjugend an der Chausseestraße zum Grand Hotel, wo das IOC logiert. Am Bahnhof Friedrichstraße stoppt die Polizei den Zug. Es kommt zu Rangeleien und Verfolgungsjagden auf dem Alexanderplatz.

Das Schmäh-Video

Die Randale findet ein Riesenecho in den Medien. Viel mehr als alle Flugblätter und Pressekonferenzen zur schützenswerten Natur in der Murellenschlucht am Olympiastadion oder dem Problem Doping im Sport. Die Grünen, die 1989/90 kurzzeitig West-Berlin regiert haben, besinnen sich auf ihre Wurzeln und verbünden sich mit Altautonomen zum Projekt "NOlympia". "Wenn unsere sachlichen Argumente nicht ignoriert worden wären, hätte es diese Solidarisierung sicherlich nicht gegeben", erinnert sich der Ex-NOlympia-Aktivist Andreas Schulze, heute Sprecher der Birthler-Behörde. Die Olympia-Gegner treffen sich meist im Versammlungsraum der Grünen-Zentrale in einem Hinterhof an der Kreuzberger Oranienstraße. Spitzen-Grüne wie die spätere Bundesministerin Renate Künast oder die künftige EU-Kommissarin Michaele Schreyer halten die Allianz mit gewaltbereiten Kreisen zwar für problematisch. Aber sie halten ihre Hand über das Bündnis. Inzwischen avanciert die dunkelhaarige Grünen-Abgeordnete Judith Demba aus Lichtenberg zur Ikone der Bewegung. "Einer musste ja Olympia verhindern", sagt die Mitbegründerin der Ost-Grünen heute. Den nach der Anti-Olympia-Kampagne erfolgten Schwenk der Grünen hin zur staatstragenden Realpolitik hat sie nicht mit vollzogen und hat am linken Rand der Linkspartei angedockt. Das Bündnis mit gewaltbereiten Mitstreitern bewertet sie bis heute als vorbildlich.

Im Winter 1992 suchen Demba & Co nach neuen Formen der Propaganda. Aus Amsterdam fällt dem Kreis ein Video in die Hände, mit dem dortige Olympia-Gegner eine Bewerbung ihrer Stadt verhindert hatten. Also beschließen sie auch ein Anti-Olympia-Video zu drehen.

Demba besorgt eine Kamera vom BUND. Die muss am Sonntag zurück, sonst droht die Entdeckung. Also filmen sie drauflos. Dembas Lebensgefährte Andreas Schulze, später Sprecher der Ministerin Künast, kommentiert mit gelber Bärchen-Mütze als "Olympia-Fritz". Er präsentiert dem IOC die marode Werner-Seelenbinder-Halle und das abrissreife Stadion der Weltjugend als Berlins Sportstätten. In der Wagenburg an der East Side Gallery, dem "Olympischen Dorf", rülpsen ein paar Jung-Punks in die Kamera und pinkeln in die Spree. Demba bettelt im U-Bahnhof um Spenden für Olympia und wird von Passanten angepöbelt. Szenen von früheren Demos mit umgekippten Polizei-Autos machen klar: In Berlin müssen sich "die IOC-Bonzen" auf etwas gefasst machen. In der Schlussszene wiegt ein Vermummter drohend einen Pflasterstein in der Hand. "We will wait for you", sagt der Punk.

Am 27. Januar 1993 übergibt Berlin am Sitz des IOC in Lausanne die offizielle Bewerbungsschrift. Auch ein Dutzend NOlympier reist in die Schweiz. Judith Demba schlüpft ins Business-Kostüm, um den großen Coup zu starten: Sie will das Schmäh-Video und eine Broschüre über "Pleiten, Pech und Pannen" der Berliner anstelle der offiziellen Bewerbung überreichen. Gemeinsam mit Harald Wolf, der später für die Linkspartei Wirtschaftssenator in Berlin werden soll, betritt Demba an jenem regnerischen Wintermorgen den Palast der Herren der Ringe über dem Genfer See. Die Pförtner schöpfen keinen Verdacht, schließlich erwarten sie Emissäre aus Berlin. Eine Tür trennt Demba und Wolf noch vom Innersten des IOC. Da stürmt eine der echten Abgesandten Berlins eine Treppe hinunter ins Foyer und ruft "Alarm". Die Wächter setzen die Eindringlinge vor die Tür. Das Video behält das IOC da.

Grüne gegen autonomen Specki-Wagen

Daheim heizen weitere mehr oder weniger militante Anti-Olympia-Aktionen die Stimmung an. Ein "Kommando Lutz Grüttke", benannt nach dem gefeuerten ersten Olympia-Werber, klaut am Olympiastadion die bronzene Gedenktafel für Carl Diehm, dem Organisator der Spiele von 1936. Die Diebe drohen, die Tafeln einzuschmelzen und Hakenkrallen daraus zu machen, wenn Diepgen die Bewerbung nicht zurückzieht. Später wird die Tafel vor Dembas Wohnungstür abgelegt. Sie stellt sie mit anderen Exponaten im Haus der Demokratie an der Friedrichstraße aus, wo inzwischen ein "Anti-Olympisches-Institut" errichtet worden ist. Die Polizei beschlagnahmt die Tafel und mehrere geklaute Olympia-Fahnen.

Als im April 1993 die Prüfkommission und die Spitze des IOC erneut im Grand Hotel tagen, blasen die NOlympier wieder zur Demo. Die Polizei genehmigt sogar die Route: Vom Roten Rathaus vorbei am Sitz der Olympia GmbH an der Breiten Straße und zweimal in Sichtweite am Tagungshotel entlang. Die Grünen-Vertreter bekommen es mit der Angst zu tun. Sie fürchten Gewalt. Denn auch die Autonomen mobilisieren. Und an der Friedrichstraße wird gebaut, jede Menge Pflastersteine liegen griffbereit.

Die Frage ist, welcher Lautsprecher die Stimmung auf der Demo dominieren wird: Der "Specki-Wagen" des Schwarzen Blocks oder die Anlage der Grünen. Der sparsame Landesvorstandssprecher Jochen Esser rückt sogar Geld heraus, um die Autonomen zu übertönen, den Zug in Bewegung zu halten und so Randale zu verhindern. Aber der Kreuzberger PA-Verleih weigert sich, den Grünen seine leistungsstärkste Anlage zu vermieten. Esser denkt sich ein Koppelgeschäft aus. Für 18 000 Mark ordert er eine komplette neue Lautsprecheranlage. Dafür bekommen die Grünen die Hammer-Boxen für einen Nachmittag. Die Grünen setzen sich durch, die Demonstration mit 15 000 Teilnehmern verläuft friedlich. Dennoch blicken die IOC-Mitglieder angstvoll aus den Fenstern des Grand Hotels auf die Gestalten in Leder-Montur und schwarzer Autonomen-Kluft. "Das wird ja zauberhaft", sagt einer. "Etwas Derartiges habe ich noch nirgendwo erlebt", findet ein anderer. Später erhalten einzelne IOC-Mitglieder sogar Morddrohungen, falls sie für Berlin stimmen.

Realisten wie der Olympia-Aufsichtsrat Manfred von Richthofen ahnen spätestens an diesem Tag, dass die Bewerbung keine Chance hat. Obwohl Axel Nawrocki weiterhin in fast jeder Aufsichtsratssitzung der Olympia GmbH neue Listen herumzeigt, auf wie viele Stimmen Berlin schon zählen könne. "Auf kritische Nachfragen gab es nie eine Antwort", berichtet von Richthofen.

Emotionen zum Finale

Zum Finale im September 1993 in Monte Carlo legt sich Berlin dann noch einmal ins Zeug. Auf der Treppe zum Auditorium in Monacos Kongresszentrum stellen sich Nawrockis Leute noch einmal den IOC-Mitgliedern in den Weg, mahnen sie ein letztes Mal, doch für Berlin zu stimmen. Vor der Tür dudelt ein Berliner Leierkasten, das gelbe Bärenmaskottchen tanzt dazu. Das Stimmungspendel schlägt jedoch nicht für Berlin aus. Die Schwimmerin Franziska van Almsick, die mit ihrem Vater mit dem Auto aus Berlin an die Côte d'Azur reist, um als Berlin-Botschafterin mitzuwirken, wird von französischen Polizisten in einer Straßenkontrolle gestoppt und festgehalten. Die 15-Jährige hat keinen Ausweis dabei, und es dauert einige Zeit, um zu belegen, dass sie nicht zu den berüchtigten Berliner Olympia-Gegnern zählt.

Auch in den letzten Tagen stehen sich die Berliner wieder selbst im Weg. In der letzten Pressekonferenz vor der Entscheidung langweilt Berlins Sportsenator Jürgen Klemann die Journalisten aus aller Welt mit Details über Berlins 77 400-Meter-Laufbahnen und seine Schwimmbäder. Mittendrin piepst des Senators Handy. Klemann zieht das Gerät hervor und telefoniert auf dem Podium. Die Berichterstatter flüchten fassungslos.

Mit einer glanzvollen Präsentation am Morgen vor der Entscheidung wollen die Berliner das Blatt noch einmal wenden. Mit Günter Jauch als Zeremonienmeister, gelingt es Edzard Reuter, Steffi Graf und Franziska van Almsick endlich, Emotionen für das Anliegen der wiedervereinigten Stadt zu wecken und so an die Ursprünge der Berliner Olympia-Idee anzuknüpfen. Der begleitende Film zeigt die Mauer und den Mauerfall am 9. November 1989. Die Szene wurde an 20 Metern nachgebauter Grenzbefestigung mit 500 Komparsen am früheren Grenzkontrollpunkt Dreilinden nachgespielt. Aber die Beschwörung der deutschen Teilungsgeschichte reicht nicht mehr, um das Blatt zu wenden: "Nur mit der Mauer hätte Berlin eine Chance gehabt", fasst Deutschlands greiser Olympionike Willi Daume nach der Niederlage zusammen. Für Eberhard Diepgen ist im Rückblick klar: "Eine Wiederholung der Olympiabewerbung Berlins kann nur in Betracht kommen, wenn Deutschland seine Hauptstadt wirklich akzeptiert hat."