Berlin ist die Hauptstadt der Architekten. In großen Büros oder in kleinen Teams arbeiten Planer, die das Gesicht unserer Stadt und anderer Metropolen prägen. Die Morgenpost-Serie präsentiert einige der herausragenden Architekten Berlins - heute Thomas Müller und Ivan Reimann.

Sie wollen Dauerhaftes schaffen. "Der Großteil der ganzen Eventarchitektur ist schon nach zwei Jahren vergessen", sagt Thomas Müller und blickt zu Ivan Reimann. Der nickt. "Wir haben den Anspruch, Bleibendes zu schaffen. Gebäude, die man auch in 60 Jahren noch gern nutzt, ohne dass sie heute spießig daherkommen." Was Reimann damit meint, zeigt er bei einem Rundgang durch drei Stadthäuser, die er mit seinem Partner am Leipziger Platz realisiert hat.

"So, wie man sich für verschiedene Anlässe jeweils unterschiedlich kleidet, ist es auch mit dem Bauen von Häusern. Dieses hier muss Noblesse haben, schließlich steht es an einer ganz besonderen Adresse", betont der Planer beim Entree in das "Torhaus" am Leipziger Platz 1. Wie ein "Herr im Nadelstreifanzug" strecke sich der Eckbau, der an den Potsdamer Platz grenzt, in die Höhe, sagt Reimann. Neben der edlen Fassade aus changierendem Muschelkalk-Gestein und modernen raumhohen Fenstern, besticht das "Torhaus" auch mit seinem Innenleben. Allen voran das farbenfrohe Foyer. In Zusammenarbeit mit den New Yorker Künstlern James Carpenter und Luke Lowings entschieden sich die Architekten für eine Wand aus mattierten Spiegelgläsern, die die orangefarbenen und weinroten Aluminiumplatten der gegenüber liegenden Wand reflektieren - und Bewegung in den Raum bringen. Bestrebt, jedem ihrer Bauten eine Individualität zu verleihen, hat das benachbarte "Stadtpalais" mit unterschiedlich tief eingesetzten Fenstern äußerlich eine andere Profilierung. Die Ladenschaufenster im Erdgeschoss sind in poliertem Edelstahl gefasst, und auch das Foyer hat seine eigene Note. "Wir haben uns für Kirschholzwände entschieden, die durch eine rote Glaswand ergänzt werden", erläutert der um jedes Detail bemühte Architekt. Sein absoluter Favorit, daran lässt Reimann keinen Zweifel, ist das schmale "Kontorhaus" am Leipziger Platz 3. Die Fassade aus schwarzem Glas, das in Bronze und Messing eingefasst ist, verleiht dem schmalen Gebäude eine großstädtische Eleganz.

"Solches Glas sehen Sie häufig in Prag, wo ich geboren bin", sagt Reimann, und schwärmt: "Wenn die Sonne scheint, spiegeln sich hier die Fassaden der anderen Häuser, das sieht einmalig aus."

In einer Familie von oppositionellen Geisteswissenschaftlern aufgewachsen, sei ihm in Prag nur die Ausbildung auf einer technischen Schule geblieben, erzählt der 49-jährige Planer, als wir uns nach dem Rundgang im Büro der Architekten am Kudamm treffen. "Architektur war damals meine einzige Chance", sagt Reimann heute ganz nüchtern. Er wollte nicht weg aus seiner Heimat, "aus dieser wunderschönen alten Stadt". Doch nach der Ausbürgerung seines Vaters, der als Oppositioneller 1976 das Land verlassen musste, wurde der Druck auf den Architekturstudenten "immer größer. Es war klar, dass die mich nicht in Ruhe lassen." Reimann packte seine Koffer und folgte seiner Familie 1980 nach Deutschland. Zunächst in Tübingen, landete er letztlich in Berlin, wo er an der TU Architektur studierte - und Thomas Müller begegnete. Der Sohn aus einer Winzerfamilie hatte schon als Sechsjähriger seinen Vater verloren. "Bei uns waren alle Landwirte, bis auf einen Onkel. Der galt als Architekt fast schon als aus der Art geschlagen und war mein Vorbild", erinnert sich Thomas Müller. "Einen guten Wein weiß ich natürlich immer zu schätzen", sagt der 49-jährige Winzersohn. Außerdem gehe es in der Architektur so wie beim Wein auch um das Sinnliche.

Dass Müller und Reimann ein gutes Team sind, "haben wir schon bei der Vorbereitung aufs Diplom gemerkt". Zwölf Stunden saßen die beiden Diplomanden fast ein Jahr lang Tag für Tag in einem der Arbeitsräume an der TU zusammen. "Ich habe mich anfangs gewundert, was das für ein sensibler Typ ist", erinnert sich Thomas Müller an das erste Treffen mit Ivan Reimann. Eine Begegnung mit Folgen: Die Studienfreunde blicken auf eine erfolgreiche Partnerschaft zurück, die 1988 durch die Gründung des eigenen Büros formal besiegelt wurde. Nach vielen "kleineren Aufträgen" und dem zweiten Preis im Wettbewerb für die Stiftung "Topographie des Terrors", machten die beiden Architekten 1999 mit ihrem Neubau für das Auswärtigen Amt am Werderschen Markt in Mitte von sich reden. "Man fängt meist nicht mit solchen Riesenprojekten an, sondern muss sich erst einmal mit kleinen Aufgaben durchsetzen", sagt Thomas Müller. Wichtigstes Bewertungskriterium ihrer Arbeit sei jedoch immer die selbe Frage: Ist das Gebäude schön? Ein Anspruch, an dem sich die Architekten messen lassen.

Die Serie im Internet: www.morgenpost.de/architekten