Die Herren kamen zu zweit, und ihr Besuch verhieß nichts Gutes. Sie klingelten an einem Abend im März dieses Jahres an der Wohnungstür von Werner Sielinski und stellten sich als Beauftragte eines Bauunternehmers vor. Dem schulde der 37-jährige Charlottenburger ja bekanntlich noch eine beträchtliche Summe, beschied einer der Männer kurz und knapp. Sein Begleiter blieb derweil unauffällig im Hintergrund, soweit ein 1,90-Meter-Muskelberg mit demonstrativ grimmigem Gesichtsausdruck überhaupt unauffällig bleiben kann. Das war der Beginn von Werner Sielinskis Albtraum.

Dem vorangegangen war ein Traum, der Traum vom Eigenheim für die Familie. Damit hatte sich der 37-Jährige im vergangenen Jahr allerdings völlig übernommen. Was blieb, war ein gewaltiger Schuldenberg. Ein Gläubiger hegte dennoch den Verdacht, sein offiziell zahlungsunfähiger Schuldner verfüge durchaus noch über Geldmittel. Er wandte sich an eine Inkassofirma, die ihm versprach: "Wenn bei Ihrem Schuldner etwas zu holen ist, holen wir das". Sielinski selbst kann inzwischen wohl am besten bestätigen, dass die Firma sich tatsächlich alle Mühe gab, ihr Versprechen zu erfüllen. Durch Drohungen, Erpressung und Psychoterror. Und das monatelang.

Sie tauchten überall auf – sogar am Spielplatz

Arbeitslosigkeit, eine hohe Verschuldung in der Bevölkerung und die schlechte Zahlungsmoral bescheren den etwa 700 in Deutschland tätigen Inkassofirmen seit Jahren einen regelrechten Boom. Ihre Tätigkeit unterliegt strengen Regeln (siehe Link) und die allermeisten Unternehmen, insbesondere die knapp 500 im Bundesverband Deutscher Inkassounternehmen (BDIU) zusammengeschlossenen Firmen, arbeiten seriös. Dennoch tummeln sich in der Branche etliche schwarze Schafe. Ihre hinlänglich bekannte Devise: Der Zweck heiligt die Mittel.

Und die Mittel sind vielfältig, das musste Werner Sielinski erfahren. Seine Beteuerungen, er habe kein Geld mehr, ließen die Inkasso-Mitarbeiter völlig kalt. Irgendeine Möglichkeit gebe es immer, er solle sich das im eigenen und im Interesse seiner Familie gut überlegen, wurde ihm erklärt. Falls er sich nicht kooperativ zeige, müsse man eben ein "zielführendes Gespräch" mit der Ehefrau führen. Oder bei Nachbarn, Freunden und beim Arbeitgeber recherchieren, wie es tatsächlich um seine Vermögenslage stehe.

Die Besucher erschienen mal morgens um sieben, mal abends um 23 Uhr. Sie tauchten an Sielinskis Arbeitsplatz auf, fingen ihn im Hausflur ab, wo die Gespräche in einer Lautstärke geführt wurden, die auch die Nachbarn aufmerksam machte. Der 37-Jährige hatte seine Situation lange geheim halten können, jetzt wurde über ihn getuschelt.

Wenn seine Frau das Haus verließ, folgte ihr manchmal ein auffälliger schwarzer Geländewagen im Schritttempo. Auch an dem Spielplatz, auf dem sich seine Kinder ahnungslos vergnügten, tauchten Sielinskis Verfolger immer mal wieder auf. Als in seinem Umfeld schließlich durchsickerte, was es mit den merkwürdigen Gestalten auf sich hatte, achteten die Nachbarn darauf, ihren Nachwuchs von den Sielinski-Kindern fern zu halten. Erst sehr spät wandte sich der mittlerweile zum Nervenbündel gewandelte 37-Jährige an eine Schuldnerberatungsstelle. Dort riet man ihm dringend, den Geldeintreibern mit einer Strafanzeige zu drohen. Er folgte dem Rat, und plötzlich hatte der Spuk ein Ende.

Schuldner werden "weich gekocht"

"Glück gehabt", kommentiert Heinz Weber (Name geändert) den Fall. Weber, der unbedingt unerkannt bleiben möchte, hat jahrelang für Inkassofirmen gearbeitet, er kennt vor allem die schwarzen Schafe des Gewerbes. "Drohungen mit Anzeigen beeindrucken solche Firmen zumeist nur wenig", erläutert der Insider. Denn kriminelles Handeln sei ihnen in der Regel nur schwer nachzuweisen. "Die Schuldner bekommen dringende Empfehlungen, mehr nicht. Aber wenn sie die als Drohungen auffassen, na ja...", erklärt Weber vielsagend die Praktiken. Und er stellt klar: "Das sind keine Mafia-Organisationen, die Schlägertrupps losschicken. Es wird psychischer Druck aufgebaut. Bis zu einem gewissen Punkt ist das legal, darüber hinaus wird es kriminell. Aber wo die Grenze liegt, ist schwer festzulegen". Diese Grauzone nutzen viele Inkassofirmen. "Den Schuldner weich kochen" heißt das in der Branche.

Die Hilflosigkeit, mit der Verschuldete vor solchen Situationen stehen, ist ein Grund für ihre häufig sehr lange Untätigkeit. Dass Verschuldete erst sehr spät Hilfe suchen, ist für die Berliner Schuldnerberater in der Tat nichts Ungewöhnliches. Das habe mit Schamgefühl zu tun und der häufig naiven Annahme der Betroffenen, allein wieder aus der Misere heraus zu kommen, sagt Klaus Richter von der "Landesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatungen". Nach einer aktuellen Erhebung der Organisation ist jeder sechste Berliner überschuldet, betroffen sind 240.000 Haushalte, Tendenz steigend. Die Hauptstadt liegt damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt, schlimmer sieht es nur noch in Bremen aus.

"Zahl deine Schulden, oder du bist dran"

Zu den Überschuldeten gehört auch Yvonne B. (28). Die allein erziehende Mutter zweier Kinder ist ein klassisches Beispiel dafür, wie man in die Schuldenfalle tappt. Dank eines festen Einkommens führte die Tempelhoferin ein passables Dasein, gestützt durch einen großzügigen Kredit ihrer Bank und freimütige Ratenzahlungsangebote von Versandhäusern.

Irgendwann im vergangenen Jahr vor zwei Jahren verlor Yvonne B. den Überblick über ihre Zahlungsverpflichtungen. Sie konnte einzelne Raten nicht mehr bezahlen, die ersten Mahnungen kamen, es drohten Pfändungen. Sie stockte ihren Kredit auf, geriet erneut in Verzug, pumpte Freunde an und nahm zuletzt mithilfe einer Bürgschaft ihrer Eltern einen weiteren Kredit auf. Schließlich überstieg die Summe ihrer monatlichen Kosten einschließlich der zu zahlenden Raten die Höhe ihres Einkommens, so brach das fragile Gebilde ihres Lebens auf Pump völlig zusammen. Der Gerichtsvollzieher, lange Zeit quasi Dauergast, kommt längst nicht mehr. Stattdessen kamen Drohanrufe anonym per Telefon ("Zahl deine Schulden, oder du bist dran") oder "Vorschläge zur Güte" ("Für eine knackige Braut wie dich, gibt es Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Überleg dir das, oder du siehst bald nicht mehr so knackig aus").

Und dann kam ein Inkasso-Mitarbeiter im Auftrag eines Internet-Versandhandels, dem Yvonne B. 1500 Euro schuldete. Er habe ja Verständnis für ihre Lage, wolle ihr persönlich auch nichts Böses, bekundete der Mann leutselig. Aber wenn er keinen Erfolg vorweise, würde sein Auftraggeber möglicherweise zu anderen Mitteln greifen. "Wollen Sie etwa, dass ihren Kindern etwas passiert, hat er mich gefragt", berichtet die 28-Jährige. Der wie beiläufig geäußerte Hinweis, man lese ja so viel über Unfälle und Verbrechen an Kindern, ließ die Angst der 28-Jährigen ins Unermessliche wachsen. Völlig panisch vor Sorge um ihre Kinder kratzte sie mühsam Geld zusammen. 50 Euro von einem Kollegen, 100 Euro von einer Freundin. Den Großteil, mehr als 1000 Euro, beglichen nochmals ihre Eltern, die dafür selbst einen Kredit aufnehmen mussten.

Das Baugewerbe ist Hauptbetätigungsfeld der Firmen

"Diese in einer Grauzone arbeitenden Firmen haben gar nicht die Absicht, ihren Drohungen Taten folgen zu lassen. Aber das ist auch nicht nötig. Allein ihr Auftreten sorgt für ein Klima der Angst. Wer noch irgendeine Möglichkeit hat, wenigstens einen Teil der Forderung zu begleichen, der tut das und wenn er dafür neue Löcher aufreißt", erläutert Weber.

Er ist heute weit davon entfernt, solche Praktiken zu rechtfertigen. Dennoch, betont der 46-Jährige, gebe es eine Kehrseite der Medaille. Das gelte vor allem für gewerbliche Schuldner, die ihre Firma in die Insolvenz treiben, die Gläubiger auf ihren Forderungen sitzen lassen und mit einer neuen, von einem Strohmann geführten Firma, munter weitermachen. Fälle dieser Art gibt es Weber zufolge in großer Zahl, insbesondere im für schlechte Zahlungsmoral berüchtigten Baugewerbe, seit langem einem Hauptbetätigungsfeld vieler Inkassounternehmen.

"Ein Schuldner der nicht zahlt, obwohl er könnte, kann einen Gläubiger, dem selbst wegen offener Forderungen die Pleite droht, schon mal auf Ideen bringen", so Weber.

Stellengesuche und -angebote stehen im Internet

Der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Ahrens bestätigt, er habe schon mehrmals Klienten nur mühsam von "Dummheiten" abhalten können. "Kommt es zu kriminellen Handlungen, macht sich auch der Auftrageber strafbar", stellt Ahrens klar.

Um dieser Gefahr zu entgehen, wollen viele Gläubiger gar nicht wissen, wie die von ihnen beauftragen Firmen arbeiten. Hauptsache, sie bekommen ihr Geld. Eine ideale Plattform für derartige Aufträge ist dabei das Internet. Es bietet zudem noch weitgehend den Schutz der Anonymität, der für den wichtig ist, der sich in trübe Gefilde begibt. So offeriert derzeit in einem Berliner Internet-Portal in der Rubrik "Geschäftliches" ein nach eigenen Angaben betrogener Geschäftsmann 30 Prozent Provision für den, dem es gelingt, ihm die 200.000 Euro zu beschaffen, die ihm sein Geschäftspartner angeblich schuldet. Und ein anderer Inserent fragt: "Wer hilft beim Eintreiben von Mietschulden? Angemessene Provision garantiert."

Bei einem Blick in die Rubrik "Stellengesuche" hätten beide Inserenten den passenden Helfer womöglich schon gefunden. Denn dort war vor Kurzem ein "passendes" Stellengesuch zu lesen: "Tätigkeit als Geldeintreiber gesucht. Meine Qualifikation: Kampfsporterfahrung, Härte, geringe Hemmschwelle".