"Nee, lassen Se mal, das steht mir bis hier", sagt die Frau aus dem Vorderhaus und macht die Tür schnell wieder zu. Auch die Dame aus der Wohnung im zweiten Stock, links, verschwindet ganz schnell wieder hinter ihrer Tür.
Wir stehen im ziemlich heruntergekommenen Treppenhaus der Nummer 155 in der Schöneberger Hauptstraße. David Bowie lebte hier vor 30 Jahren. Der rote Teppichläufer könnte aus der Zeit sein, die Haustüren sind teilweise sehr schäbig. "Der lebt ja noch, der Kerl", hören wir die erste Frau hinter der Tür zu ihrem Mann sagen, "was meinst du, was hier erst los ist, wenn der mal tot ist".
Manchmal stehen Fans im Hausflur
Morgen wird "der Kerl" aber erst einmal 60 Jahre alt. Den Geburtstagsstress haben seit Tagen die Bewohner des Hauses in Schöneberg. Im Erdgeschoss gibt es ein Tattoostudio. Inhaber Bruno Deluca scheint als einziger im Haus "vollkommen relaxt" zu sein, auch wenn er seit den 80ern keinen Bowie Song mehr gehört hat. "Er ist doch kein Gott". Bushido sei heute angesagt. Aber erst kürzlich kam wieder jemand rein und wollte ein David-Bowie-Tattoo. Ab und zu fahren Touristen-Busse langsam vorbei, englische Teenager stehen schon mal im Treppenhaus und nerven die Bewohner.
Lange vorbei die Zeit, als hier einer der größten Popstars einige seiner besten Stücke schrieb. Zu finden auf dem Album "Heroes", geprägt vom Mauer-Berlin, von Drogen und der Transvestiten-Szene. Im damaligen West-Berlin bezog David Bowie 1976 in der Hauptstraße die Stuck-Altbauwohnung. Mit Iggy Pop, der ebenfalls mit Bowie nach Berlin kam und im selben Haus eine Nachbarwohnung bezog, nahm er einige Stücke auf. Beide kamen nach Berlin zum Drogenentzug. Die berühmte Schwulenkneipe "Zum anderen Ufer" im Nachbarshaus, in dem Bowie oft verkehrte, heißt nun "Neues Ufer".
Im Sommer 1976 ist Bowie mit dem Fahrrad durch Berlin gefahren, er fuhr nach Kreuzberg ins Restaurant "Exil" und zum Hansa-Studio an der Mauer. Dort entstanden mit den Musikern Brian Eno und Tony Visconti seine Berliner Alben.
Oder er fuhr ins Quartier Latin, heute das Wintergarten-Varieté, ging in den "Dschungel", damals Berlins berühmteste Diskothek an der Nürnberger Straße. Und natürlich zu Romy Haag, in ihren Nachtclub an der Fuggerstraße, dort war Bowie Stammgast. Transvestiten-Star Romy Haag soll ihn nach Berlin gelockt haben. Dass seine damalige Ehe wegen Romy Haag kaputt gegangen ist, hat er allerdings immer bestritten.
Er habe sich so ungeheuer frei gefühlt in Berlin, sagte Bowie später, er sei allmählich vom Kokain weggekommen und von den bösen Trips. "Tagsüber ging man in Museen, nachts in todschicke Clubs und am Wochenende fuhr man raus an den Wannsee", so erinnerte sich Bowie. Auch daran, wie er in Schöneberg monatelang mit Iggy Pop und dessen Freundin in der komplett schwarz angestrichenen Wohnung gehaust habe und hin und wieder mit der Gitarre am offenen Fenster gesessen habe. Und daß er in der kleinen Wohngemeinschaft fürs Tisch decken und Abräumen zuständig gewesen sei. Dafür fuhr er zum Einkaufen ins KaDeWe mit seinem schwarzen Mercedes 600.
Vielleicht sollten die Bewohner des Hauses 155 am Montag mal eine der alten Alben auflegen. Natürlich auf den Plattenteller.

