Berlin ist die Hauptstadt der Architekten. In großen Büros, aber auch in kleinen Teams arbeiten die Männer und Frauen, die das Gesicht unserer Stadt und vieler anderer Metropolen weltweit prägen. Sie schaffen innovative und traditionelle Bauten, sie mischen Stile und entwickeln ihren eigenen Stil, sie denken funktional und repräsentativ. Die neue Serie der Morgenpost präsentiert einige der herausragenden Architekten der Stadt - Menschen, deren Namen nicht immer vertraut sind, aber deren Werk Tag für Tag besichtigt, bewertet und bewundert werden kann. Heute stellen wir die Architektin Petra Kahlfeldt vor.
Sie sitzt im "Burger King" und redet über Baukunst. "Wir gestalten gerade die neuen Ausstellungsräume für das Puschkin-Museum von 1912 in Moskau", sagt Petra Kahlfeldt, nippt kurz an ihrem Kaffee aus dem Pappbecher und greift das dicke Buch, das vor ihr liegt - "Moderne Architektur von Petra und Paul Kahlfeldt".
Die Architektin blättert kurz und hat gefunden, was sie sucht: Fotos von einem edel sanierten Altbau. "Hier, schauen Sie, das Haus Taubenstraße 23 in Mitte war ein Projekt, bei dem wir bis auf die Fassade alles abgerissen und im alten Grundriss neu aufgebaut haben."
Die 46 Jahre alte Architektin legt das Buch wieder zurück. "Wir fühlen uns als Anwälte der Denkmale, wollen Geschichte weiterbauen und mit der eigenen Handschrift Teil einer guten Bau-Geschichte bleiben", bringt die Wahl-Berlinerin das Credo ihrer Arbeit auf den Punkt. Mit "wir" meint Petra Kahlfeldt die berufliche Partnerschaft mit ihrem Mann Paul im Büro "Kahlfeldt Architekten".
Auch der zum "Burger King" ausgebaute Berlin-Pavillon an der Straße des 17. Juni ist eines der vielen bislang von "Kahlfeldt Architekten" sanierten und "weitergebauten" Denkmale. "Mit Respekt vor dem Ort" - der Flachbau wurde 1957 als temporärer Informationspavillon für die damalige Internationale Bauausstellung im Hansaviertel errichtet - entwickelten "Kahlfeldt Architekten" ein Konzept, das den denkmalgeschützten Nachkriegsbau neu belebt. Beispielsweise mit einer roten Sitzbank, die die Mitte des Raumes bespielt, in dem sie sich mit 50er-Jahre-Schwung wie eine Schlange durch das lang gestreckte Schnellrestaurant zieht.
Hinter der raumhohen Fensterfront zur Straße hin, kann man auf Barhockern sitzen und vom Tresentisch aus das Treiben auf der Straße des 17. Juni beobachten. Eine in der Wand eingelassene Eckbank hingegen bietet das Gefühl eines geschützten Raumes. Hier sitzen wir mit Blick auf den S-Bahnhof Tiergarten und trinken Kaffee aus Pappbechern.
Wie sie dazu gekommen sei, ein gemeinhin eher als Unkultur betrachtetes Schnellrestaurant zu gestalten? Petra Kahlfeldt lächelt und macht sofort deutlich, dass sie die Arbeit für einen solchen "Alltagsort" als Chance im Schinkel'schen Sinne sieht. "Für Karl Friedrich Schinkel war der Architekt ein Verbesserer der menschlichen Verhältnisse. Warum soll ich nicht auch einen Fastfood-Laden so gestalten, dass er schön ist und eine besondere Qualität erreicht? Das ist der schönste Burger King, den ich kenne."
Die Planerin stellt den Pappbecher auf den Tisch und zeigt auf eine Kante der eingebauten Nische, in der die Tabletts auf einem Rollwagen abgestellt werden können. "Schauen Sie, das ist genau so detailliert und handwerklich aufwendig gearbeitet, wie unsere Ausstattung der Hermès-Läden am Kudamm und an der Friedrichstraße, nur eben mit anderen Materialien." Die mussten Kahlfeldts aus dem Katalog der Fastfood-Kette auswählen.
Dem Gesamteindruck eines in sich stimmigen Diners tat dies keinen Abbruch. Auch wenn die von den Architekten vorgeschlagenen Schirmchenlampen für die Tische vom Burger-King-Betreiber abgelehnt wurden - aus Sorge vor Diebstahl.
"Ein Architekt ist nie ganz frei", weiß Petra Kahlfeldt, die seit ihrem Studienabschluss an der Technischen Universität Berlin 1985 nun schon seit mehr als 20 Jahren in ihrem Beruf arbeitet und länger noch mit ihrem Mann zusammen ist. "Wir haben uns im ersten Semester an der Technischen Universität kennen gelernt und direkt nach dem Diplom geheiratet", blickt sie zurück. Seit 1987 sind Petra und Paul Kahlfeldt gemeinsam selbstständig tätig. Die Arbeit und Privatleben verbindende Gemeinschaft mit ihrem Mann Paul sieht sie "als Teil meiner Prägung. Bei uns Zuhause war das genauso." Zudem sei das Ausdruck ihrer Philosophie eines ganzheitlichen Lebens.
Auch Petra Kahlfeldts Affinität zur Architektur kommt nicht von ungefähr. Die Eltern hatten in Kaiserslautern ein mittelständisches Bauträger-Unternehmen. "Mein Vater hat Grundstücke gekauft und weiterentwickelt, meine Mutter hat sie vermarktet." In den Ferien zog es die Internatsschülerin immer öfter in das Planungsbüro des Familienunternehmens, in dem sie dem Architekten mit Interesse über die Schulter blickte. "Schon als Zwölfjährige habe ich mit Begeisterung in der Pauserei mitgearbeitet."
Dem "schlechten Abitur sei Dank" - die erfolgreiche Architektin und Professorin für Entwurf und Denkmalschutz lächelt -, "schickte die Zentralvergabestelle für Studienplätze mich dann nach Berlin. Da saß ich mit 18 Jahren, hatte mir noch nie selbst etwas gekocht oder das Bett gemacht", gesteht sie offenherzig. Dass zentral beheizte Unterkünfte im Berlin Ende der 70er-Jahre keine Selbstverständlichkeit waren und es durchaus Wohnungen mit Außenklo und Ofenheizung gab, öffnete der jungen Studentin die Augen. "Mir wurde klar, dass man keine Architektur machen kann, ohne das Leben zu kennen, was für mich auch hieß, mal ins Ausland zu gehen."
Gesagt, getan und nach dem Vordiplom ab nach Italien. In Florenz lernt die angehende Architektin nicht nur die italienische Sprache. Fernab der soziologisch orientierten Architekturlehre in Berlin, entdeckt sie in Italien ihr nachhaltiges Interesse an der Geschichte der Baukunst. "Wir fühlen uns wohl in einer kontinuierlich weitererzählten Geschichte", betont sie den Kahlfeldt'schen Anspruch, beim Bauen im Bestand auf einen langlebigen Dialog zu setzen.
Sie sei schon "sehr belastbar", antwortet Petra Kahlfeldt auf die Frage, wie sie ihren Alltag als Architektin in Berlin oder derzeit auch in Moskau, als Professorin in Hamburg sowie als Mutter zweier Jugendlicher und Partnerin ihres Mannes offenbar so gut geregelt bekommt.
"Ich glaube, dass ich eine gute Architektin bin", sagt sie ganz nüchtern. Als Künstlerin sieht sie sich nicht. "Der Künstler übersetzt eine sinnliche Situation in eine andere Situation. Der Architekt muss stofflich arbeiten und ist dabei einer Reihe knallharter Bedingungen ausgesetzt." Ob da noch Raum für eigene Kreativität bleibe? "Na klar", kommt die Antwort, wie aus der Pistole geschossen. "Man flicht in eine Baugeschichte fremder Erzählfäden seinen eigenen Faden hinein", kehrt sie zurück zu ihrem Bild vom Weiterbauen der Geschichte.
Lesen Sie in der nächsten Folge:
Wie Meinhard von Gerkan auf Umwegen zur Architektur kam
Die Serie im Internet:
www.morgenpost.de/architekten

