Harte Muskeln, weiches Herz

Manchmal verfällt Poldi Merc ins Lateinische, ganz beiläufig, und das ist dann besonders eindrucksvoll. Manchmal sagt er auch etwas auf Neugriechisch. Oder auf Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Englisch, Französisch. Wenn Poldi Merc mit der U-Bahn fährt, führt er immer eine kleine Sprachenfibel mit sich, damit er nicht aus der Übung kommt. Das meiste hat er sich ja selbst beigebracht. Ab und an lässt er etwas Goethe oder Schiller ins Gespräch einfließen. Poldi Merc hat auch eine dezidierte Meinung zur Gen-Technologie und zur pränatalen Implantationsdiagnostik.

Und zweimal die Woche legt Poldi Merc sich auf die Beinmaschine, an deren Gestänge 110 Kilogramm hängen. Die Spannung kann er immer noch gut halten, und er sieht unverschämt gut dabei aus. Poldi Merc ist Bodybuilder. Heute wird der Berliner 70 Jahre alt. Poldi Merc ist ein eigentümlicher Mensch. Viel zu höflich für einen Mann aus der Muckibude. Viel zu belesen und gebildet. Viel zu leise. Viel zu sympathisch.

1955 kam Merc nach Berlin. Er kam aus Wien, wo er als Jugendlicher bei den Sängerknaben war, wegen seines glockenreinen Soprans; später hat er bei den Amerikanern eine Stellung gefunden. Geboren wurde er in Graz, wo er die höhere Schule besuchen konnte. Noch heute wohnt in ihm der nachsichtige Schmäh des K.u.K.-Reiches. Aber er kann sagen - und er sagt es ungefragt - , dass er ein Berliner ist.

Sein Gesicht und sein Name haben sich den Berlinern eingeprägt. In den sechziger und siebziger Jahren hingen Werbeplakate für sein Fitness-Studio in den U-Bahnzügen, den Omnibussen und an Litfasssäulen. Poldi Merc, das war eine Institution im West-Berlin jener Zeit. Prominente kamen in seinen Betrieb an der Grolmanstraße, Schauspieler, viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde - und plötzlich, es war das Jahr 1966, kam sogar ein gewisser Herr Schwarzenegger, ebenfalls aus Österreich. Und alle suchten sie nicht den Weg zu irgend jemandem. Sie kamen zu Poldi Merc, dem ersten Mister Universum aus dem deutschsprachigen Raum.

Den Titel hatte er 1964 in London geholt. Aber nicht erst seit diesem Sieg war Merc ein Mann, der das Leben liebte, der etwas vom Geschäft verstand. Und der in Berlin blieb, als andere die Stadt verließen. Die schlechte Zeit, sagt er, «hat zusammengeschweißt».

Gern zitiert Poldi Merc auch den spanischen Philosophen Ortega y Gasset: «Man strengt sich an im Leben, um es leicht zu haben.» Für ihn ist die Arbeit am Körper eine Art Befreiung. Befreiung von Aggressionen und eine Öffnung hin zu Weitsicht und Gelassenheit, zu Loyalität und Toleranz. «Der Sport», sagt Merc, «macht die Herzen weicher.» Poldi Merc hat ein weiches Herz.

Er ist mit seinem Leben zufrieden, ganz und gar. Er raucht nicht und trinkt nicht, kein bisschen. Er trainiert noch immer, und wenn er nicht trainiert, dann gibt er Stammkunden Unterricht, übt in sieben Sprachen ein paar Vokabeln oder liest in medizinischen Fachzeitschriften, sein jüngstes Hobby. Er stemmt die Hanteln, und er durchdringt die Welt mit seinem Kopf. «Ich bin», sagt Poldi Merc, «ein glücklicher Mensch.»