Dampfbad mit Leichenwasser - Ekel oder Kunst?

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Silvia Meixner

Es ist wie im Dampfbad, nur nicht so heiß. Es ist der warme Hauch des Todes. Er riecht nach nichts: nicht süß, nicht modernd. Mit dem Wasser, das in Berlin als weißer Dampf durch einen Raum im Haus der Kulturen der Welt wabert, wurden in Mexiko City Leichen gewaschen. Man hält die Luft an. Die eigene Seele fürchtet die Begegnung mit jenen der Toten.

Die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles will damit im Rahmen des Festivals «MEXartes Berlin», Europas größter Präsentation mexikanischer Kultur, berühmt werden. Sie sagt: «Ich will die Seelen der Toten weiterleben lassen» und nennt ihr Werk «Seelen einatmend.» Vermutlich hat niemand die Angehörigen der Toten gefragt, ob das in ihrem Sinne ist. Wenn dieser Installation, die so offenkundig so gerne einen Skandal provozieren möchte, tatsächlich einer innewohnt, dann nur dieser: Warum verwendet jemand Wasser, mit dem tote Menschen gewaschen wurden, die sich nicht mehr gegen Kunstaktionen wehren können? Alles andere lässt sich als billige PR verbuchen. 80 Liter Wasser hat die Künstlerin von Mexiko City nach Berlin gebracht. Jeden Tag wird ein Liter im Ausstellungsraum in der Auguststraße in Mitte versprüht.

Nicht jeder Besucher liest die kleine Tafel am Eingang: «Das Betreten der Installation erfolgt auf eigene Gefahr.» Die Flüssigkeit, so die Künstlerin, sei desinfiziert. Wer die kleine Tafel übersehen hat, fühlt sich überrumpelt. Auch die Tatsache, dass Menschen in Mexiko eine andere, unbeschwertere Einstellung als wir zum Tod haben, ist da keine große Hilfe. Kunst kann Menschen trösten, unterhalten, zum Nachdenken bringen. Es ist gut und wichtig, sich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen. Es ist boshaft, Menschen, die ein kleines Schild übersehen haben, in Dampf aus Leichenwaschwasser zu schicken.

«Iiihhh!», schreit ein junges Mädchen entsetzt, das aus dem Raum kommt. «Irgendwie komisch», sagt Sophia Jansen (15), nachdem sie erfährt, wo sie gerade war. Yannick Freddy findet Teresa Margolles' Installation «sehr cool». Er ist 17. Vielleicht findet er es im Grunde seiner Seele nur halb so cool, aber wer fürchtet im Kreise seiner Schulkollegen schon den Tod. Yannick hat seine Freunde im weißen Nebel mit der Videokamera aufgenommen.

Im Haus der Kunstwerke hat Teresa Margolles auch eine Wand mit menschlichem Fett beschmiert. Es ist altes, abgesaugtes Fett aus mexikanischen Schönheitsfarmen. Es soll den Kontrast zwischen Armen und Reichen in Mexiko darstellen. Lebende, die aus der Ausstellung mit der Dampf-Installation kommen, tragen vielleicht die Seelen Toter auf dem Leib. Sie sitzen im T-Shirt, im Haar, in der Handtasche. Mögen die Seelen in Berlin einen würdigen Platz finden.