Auch in der DDR gab es Sex. Damals, als das Café Moskau an der Karl-Marx-Allee noch das beste Restaurant Ost-Berlins war. «Unten, im Keller, hieß es Bar», erzählt Christian Brandenstein, der mit dem Fahrrad vorbeigekommen ist. Leute mit Westgeld sollten dort Ost-Frauen kaufen, Stasi und Parteibonzen rauschende Feste feiern. Er sei niemals unten gewesen, als parteiloser DDR-Jurist, «aber 1975 hatten meine Frau und ich unser Hochzeitsessen im Restaurant», sagt Brandenstein. «Kommen sie mal um die Ecke, da ist der Rosengarten.» Er blickt durch ein rostiges Gitter. «Hier war es besonders schön», sagt er. Und dann wird er böse: «So was nennen die Neueröffnung. Eine Schande ist das.» Brandenstein erregt sich. Er soll nicht der Einzige sein.

Die Veranstalter haben besonders die Ostbezirke zugeklebt. Mit gelben Plakaten, auf denen eine dunkelhaarige Frau in weißer Unterwäsche auf einem Hocker sitzt und ihre Strumpfbänder löst. «Erotik Messe im neuen Messezentrum Moskau», steht darauf. Striptease und SM-Shows werden angekündigt und Porno-Darsteller. Rechts vom Eingang des so genannten Messezentrums stehen ein Porsche und ein Lamborghini, kuhäugig bestaunt von Mittzwanzigern, die darauf warten, 18 Euro Eintritt zu zahlen. Endfünfziger zücken ihre Kleinbildkameras, um Andi (Goldkette, Rolex-Imitat) und Moni (Nabelpiercing, Schlafzimmerblick) abzulichten, deren Lotterbett im Tigerlook von Scheinwerfern bestrahlt wird. «Ich bin Lebenskünstler», sagt Andi. Moni sagt, das sei ihr Künstlername, sie sei Tänzerin.

Rose weiß, wie es war. Die 80-Jährige erinnert sich noch genau an die große Zeit des 1962 erbauten Restaurants im Erdgeschoss, das Tanzcafé im ersten Stock und die Bar. Vielleicht, weil es auch ihre große Zeit war. So was vergisst man nicht. Seit 30 Jahren wohnt sie gegenüber. Und jeden Tag geht sie zum Einkaufen. Und jeden Tag regt sie sich auf. Sie war oft im Moskau. Zu oft, um jetzt ruhig zu bleiben. Sie stellt die Tüten ab.

«Ich war so was wie eine Ingenieurin. Auch mein Mann hat studiert und einen hohen Posten innegehabt», erzählt sie. Politisch seien sie nie gewesen. Ihr letzter Besuch ist 15 Jahre her: «Wir aßen Schildkrötensuppe. Die beste im ganzen Ostblock», sagt sie. Einmal war Rose doch noch da. Irgendwann nach der Wende hat sie in einem Billig-Markt, der kurze Zeit im Moskau war, ein Sauerstoffgerät für ihren Mann gekauft. Das sei Schrott gewesen.

Im Keller des Messezentrums (Piercing und Tattoos) nickt Michael Strehl anerkennend und deutet auf Wände und Boden des Toilettenvorraums: «Das ist kubanischer Marmor.» Er weiß Bescheid. In der Bar sei alles aus Wurzelholz, die Spiegel aus Kristallglas. Seine Freundin Moni streichelt das weiche, rote Leder der Sitzarmaturen. Heruntergekommen sei es hier.

Im Foyer verlost ein Mann künstliche Vaginas und Dildos. Im Restaurant ist eine Bühne aufgebaut, auf der sich «Sandra» an einem schwarzen Andreaskreuz räkelt. In ihrem Slip stecken Scheine. Das Oberteil fällt, das Höschen, Sandra ist nackt - Blitzlicht. In einem Nebenraum werden dreidimensionale Porno-Filme vorgeführt. Der «Pärchenclub Legere» bietet «entspannende Massagen» im Separee. Oben geht die Post ab, als ein Langhaariger sich von einer mit «Los junge Frau» animierten Dame Sahne von den Bauchmuskeln ablecken lässt. Später greift sie ihm in die Hose. - «Wir sind an Erotik interessiert», sagen Steffi und Verena, beide 25 Jahre alt. Dass eine Erotik-Messe mit allem, aber eben nicht mit Erotik zu tun hat, wissen sie nicht.

«Früher war hier Leben», sagt Rose. Sie wünscht sich nicht die alten Zeiten zurück, aber manchmal weiß sie nicht mehr, was passiert ist.

Christian Brandenstein zieht demnächst vom Strausberger Platz nach Wedding. Seine Frau, mit der er nach seiner Hochzeit im Moskau essen war, hat ihn schon lange verlassen. Er schwingt sich auf das Fahrrad. Er sieht sich noch einmal um. Dann fährt er los.