«Ich habe anfangs bezweifelt, wie eine Blinde dieses Pensum schaffen soll», sagt Songül Govenç. Ihre Mitschülerin Aviva Bahho grinst: «Und ich erst.» Die 26-Jährige ist seit ihrer Geburt blind. Am Charlotte-Wolff-Kolleg in Charlottenburg hat sie auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur gemacht. Nach der Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin, die sie auf einer Blindenschule abschloss, blieb die Jobsuche erfolglos. Also folgte der Weg zum Abi. Das Charlotte-Wolff-Kolleg setzt auf Integration von Sehbehinderten und Blinden. Aviva Bahho ist die zweite blinde Absolventin. Sie besuchte bisher sowohl Blindenschulen, als auch «normale» Schulen. «Schließlich lebe ich in einer Welt der Sehenden. Der Kontakt und Austausch ist wichtig - für beide Seiten.»
Die Mitschüler beschreiben ihr präzise die Tafelbilder und lernen selbst dabei. Die Lehrer achten darauf, dass auch Aviva mitschreiben kann. An ihrem Laptop hat sie die so genannte Braille-Zeile angeschlossen - ein Zusatzgerät, das ihr die Notizen in Blindenschrift lesbar macht. Außerdem bauen die Lehrer für die bessere Anschaulichkeit in den naturwissenschaftlichen Fächer mit allem, was ein Bastelkasten hergibt: Knete, Streichhölzer, Pfeifenputzer, Korken oder Lego. Und schon wird ein Atom-Modell berührbar. «Wir kopieren nicht einfach die Texte, sondern tippen sie ein. So können auch Blinde sie an ihrem Laptop lesen», erklärt Schulleiter Dieter Dorow. Außerdem bekam Aviva zusätzlich Einzelstunden. Am Ende steht das Abi mit der Note 2,1 - und der Wunsch, jetzt noch Sozialpädagogik zu studieren. «Ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde», zweifelt die gebürtige Russin, «aber wenn ich Hilfe brauche, frage ich eben jemanden.» abü

