Die neue Großfamilie

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Alexandra Maschewski

Eine farbige Girlande baumelt ein wenig vereinsamt an der hohen Decke im Korridor.

Eine farbige Girlande baumelt ein wenig vereinsamt an der hohen Decke im Korridor. Auf einem kleinen Tisch steht ein Karton mit leeren Flaschen und benutzten Bechern. "Wir hatten am Wochenende ein Fest", sagt Elisabeth Richter entschuldigend und öffnet die Tür zu ihrer Wohnung. Ganz hell ist es dort. Deckenhohe, kunterbunt beladene Bücherregale bestimmen die Atmosphäre, und die ist warm, das merkt man gleich. Apropos - die Temperatur ist auch deutlich angenehmer als die im Hausflur. Aber so eine Schule aus dem Jahr 1899 ist nun einmal kein rundum wärmegedämmtes Apartmenthaus.

Um einen runden Tisch versammelt sitzen der zwölfjährige Felix, Barbara Döring, Werner Ziebig und Katharina Frentin. In der Mitte stehen Kekse und Schokolade, daneben eine Teekanne. Und wenn da nicht die unterschiedlichen Nachnamen wären, hätte man an ein Familientreffen denken können. Doch es handelt sich bloß um Nachbarn. Nachbarn allerdings, die sich mit 16 weiteren Mietparteien zu einer "Hausgruppe" zusammengeschlossen haben, und die ein gemeinsames Projekt eint. Generationswohnen heißt es.

Das ist an sich nicht neu, man hat schon davon gelesen. Und doch sind die hier Versammelten - jeder für sich - Pioniere. Die denkmalgeschützte ehemalige Gemeindeschule an der Gundelfinger Straße in Karlshorst, die nach dem Krieg zur russischen Lehranstalt wurde und von 1994 bis 2005 vollkommen leer stand, ist der Ort, den sich die Mietergenossenschaft "SelbstBau" für ihr Modellprojekt ausgesucht hat. Unterstützt wurde der Umbau vom Land Berlin.

Und dieser war unglaublich aufwendig, schließlich mussten nicht nur das Dach abgetragen und der Denkmalschutz beachtet werden, sondern 16 der 21 Wohnungen, die zwischen 55 und 140 Quadratmeter groß sind, sollten alten- und behindertenfreundlich ausgestattet werden. Damit Bewohner so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden bleiben können.

Werner Ziebig war einer der ersten, der sich für Karlshorst entschieden hat. Der 63-Jährige und seine Lebensgefährtin gehören zum harten Kern, einer Zehner-Gruppe, die sich schon anderthalb Jahre vor der Fertigstellung des Gebäudes zusammengetan und die anderen Mieter ausgesucht hat. Es gab bestimmte Voraussetzungen: alle Mieter mussten einen Wohnberechtigungsschein vorweisen und durften ein bestimmtes Einkommen nicht überschreiten. Ein Drittel der Wohnungen sollte überdies von älteren und/oder behinderten Menschen bezogen werden.

Keine Kommune

"Abgesehen davon musste der Gesamteindruck stimmen, aber wir haben zu keinem ,nein' gesagt", erzählt Ziebig, der am 18. Dezember seine Wohnung bezogen hat. "Über Weihnachten waren nur zwei oder drei Familien hier. Man hat quasi auf einer Baustelle gelebt." Aber das machte ihm nichts aus, denn schon bei einer ersten Besichtigung vor zwei Jahren war ihm klar, dass er genau dort wohnen wollte. Damals konnte man noch Reste vom Bio-Hörsaal erkennen und in einem Klassenzimmer hing noch das Periodensystem der chemischen Elemente an der Wand - in russischer Sprache.

Generationswohnen hat nichts mit Kommune zu tun, auch wenn man hier leichter zum "du" übergeht. Jeder hat seine eigene Wohnung. Ein Ex-Klassenzimmer von 55 Quadratmetern Größe und mit einer Deckenhöhe von 3,85 Metern ist die kleinste Wohneinheit. In so einer "Wohneinheit" lebt Barbara Döring. Die 56-Jährige hat auch einen Balkon, und sie kann ihn ohne Probleme benutzen. Woanders keine Selbstverständlichkeit, denn Barbara Döring sitzt im Rollstuhl.

In dieser Wohnung gibt es keine unscheinbare Schwelle, die zum unüberbrückbaren Hindernis wird. Und dank eines eingebauten Fahrstuhls im Treppenhaus kann sie sich auch im gesamten Gebäude frei bewegen. Neun Jahre lang hat sie in verschiedenen Pflegeheimen zugebracht. Und obwohl ihr täglich mehrere Stunden persönliche Assistenz zustehen, fühlte sie sich viel zu oft viel zu allein. Durch eine Mieterzeitschrift hatte sie von diesem Projekt erfahren. Am nächsten Morgen schon hat sie sich von Prenzlauer Berg aus auf den Weg gemacht.

Karlshorst sagte ihr nichts, und sie habe dann auch nur einen Blick auf das Gelände werfen können. Aber das reichte. Seit Februar ist sie Teil der Hausgruppe, und sie klingt zuversichtlich, als sie sagt: "Natürlich hat man auch Ängste, aber ich denke, dass ich hier uralt werde."

Dazulernen? Jeden Tag

Elisabeth Richter lächelt ihr zu. Auch sie hat in Prenzlauer Berg gelebt, prägende 27 Jahre lang. Am 63. Geburtstag ihres Mannes fiel die Entscheidung, dass man sich verkleinern wolle. Allein, ganz ohne Anschluss wollten sie jedoch auch nicht sein. "Nun leben wir in der Schule, und man lernt jeden Tag dazu", sagt die 52-jährige Schauspielerin. "Es geht um Nachbarschaftshilfe, darum, dass man sich wahrnimmt." Auch die eigenen Kinder hätten positiv reagiert: "Sie meinten: Das ist euer Lottogewinn."

Zwei Familien haben ihre Großmütter mitgebracht. "Es gibt auch alleinerziehende Mütter, die hierher gezogen sind, weil das Kind ohne Großeltern oder Geschwister aufwächst", erzählt Ziebig. Insgesamt sind 29 Kinder und 33 Erwachsene hier zuhause, die älteste Bewohnerin ist Anfang 80.

Das hört sich alles viel zu rosarot an? Das ist es allerdings nicht immer. Schließlich kann man in keinem Mietvertrag der Welt festschreiben, dass sich benachbarte Menschen gut verstehen müssen. Von Anfang an gab es monatliche Treffen aller Beteiligten: "Das ist ein Rest Basisdemokratie, den man aushalten können muss, denn dort wird um alles gerungen", erzählt Architekt Ralf Weißheimer vom "Institut feiner Dinge", der die Mieter alle kennt.

Auch Peter Weber, "SelbstBau"-Vorstandsmitglied, sagt: "Solche Treffen, bei denen sich jeder einbringen muss, sind gerade für die Älteren neu." Man habe zwar viel Verantwortung an die Hausgruppe abgegeben, aber selbst ernsthafte Streitereien könnten das Projekt nicht gefährden. Laut Weber wären weitere Häuser dieser Art in Berlin wünschenswert.

"Um einen guten nachbarschaftlichen Zusammenhalt zu haben, braucht man kein Projekt", sagt die 36-jährige Katharina Frentin, deren jüngster Sohn Otto mit einem Jahr gleichzeitig der jüngste Bewohner ist. "Was uns zusammenschweißt, sind gemeinsame Aufgaben." Dazu zählt auch der Samstag, an dem zum Beispiel im Garten gearbeitet wird. "Es gibt keinen Zwang", sagt Werner Ziebig, der den Hausmeisterposten innehat. "Aber jeder hilft, wo er kann. Barbara bringt zum Beispiel leckeren Kartoffelsalat vorbei." "Essen auf Rädern", witzelt diese, und alle lachen herzlich.

Viel Geld für Anschaffungen gibt es nicht. Katharina Frentin versucht gerade, die Gemeinschaftskasse aufzubessern, indem sie alte Türen aus der Schule über Ebay verkauft.

Ideen gibt es noch viele

Dabei gäbe es doch so viele Ideen. Die baufällige Turnhalle im Garten könnte zum Beispiel in ein Bewegungsbad umgewandelt werden, aber dafür wären Millionenbeträge nötig. "Eine einfache Turnhalle wäre auch schon schön", sagt Felix, der im Kinderhaus wohnt, das ebenfalls im Generationshaus untergebracht ist und das neun Kinder beherbergt, die nicht bei ihren Eltern leben.

Anfangs fand Felix die neue Bleibe keinesfalls so toll. "Der Hof war so leer und traurig." Nun hilft er dabei, dass das vollkommen anders wird. Und er hätte auch schon eine Idee für die 130 Quadratmeter im Hauptgebäude, die dringend noch auf einen Gewerbemieter warten. "Ein Logopäde wäre schön, bei uns ist nämlich ein Kind, das stottert."

Ein anderes Projekt ist leichter zu verwirklichen. Als nächstes sollen neben allen Wohnungstüren kleine Tafeln angebracht werden. Damit man noch leichter kommunizieren kann.