Gewalt

Zuflucht für 3000 geschundene Seelen

Er sagte, sie sei seine Traumfrau. Als sie ihn auf einem Berliner Straßenfest kennenlernte, machte er ihr ein Kompliment nach dem anderen. Sie tauschten Telefonnummern, verabredeten sich. Er brachte Rosen mit. Da ahnte sie noch nicht, dass sie Jahre später Anzeige gegen ihn erstatten würde.

Simone (Name geändert) ist heute 35. Sie hat zwei Jungen, fünf und sieben Jahre alt. Die Frau mit dem ebenmäßigen Gesicht und der feinen dunklen Haut sitzt im Büro des Vereins Zufluchtswohnungen für Frauen (Zuff e. V.) und versucht, sich zu erinnern. An die Zeit, bevor der Mann, den sie liebte, gewalttätig wurde. "Ich habe ihm vertraut", sagt sie. "Wir haben uns geliebt." Er kam sogar mit nach Afrika, stellte sich ihrer Familie vor. Als sie schwanger wurde, machte er ihr einen Heiratsantrag. Doch dann änderte sich alles.

Er schlug sie. Als sie im dritten Monat schwanger war, prügelte er auf ihren Bauch ein. Nach der Geburt schlug er sie weiter, trat sie. Doch Simone blieb bei ihm. "Wo hätte ich hin sollen? Ich kannte doch niemanden", sagt sie. Dann kam der Tag, an dem sie nicht anders konnte, als ihn zu verlassen.

Sie war gerade dabei, Essen zu kochen. Ihr Sohn, der Große, saß mit einer Nachbarstochter in der Küche. Das Mädchen wollte mit dem damals Dreijährigen spielen, ihm ein Buch vorlesen. Doch der starrte abwesend in die Luft, regte sich überhaupt nicht. Dann zeigte er ihr seinen aufgerissenen Mund, strich mit dem Finger über die Mundwinkel. "Hier, alles kaputt, guck mal. Da hat Papa seinen bösen Pippi reingesteckt."

Der Nachbar war es, der die geschockte Simone und ihre Kinder ins Auto lud und zu einer Beratungsstelle fuhr. Mit nichts als ihren Kleidern am Leib verließ sie die Wohnung und ihren Mann. Sie fand Schutz in einer der Zufluchtswohnungen von Zuff und lebt inzwischen mit den Kindern in einer hübschen neuen Wohnung.

Heute feiert der Verein sein 25-jähriges Bestehen. Etwa 3000 Frauen und Kindern hat Zuff in den Jahren Schutz geboten, zwei Drittel davon Migrantinnen. Allein 2007 brachten die Mitarbeiterinnen 89 Frauen und 85 Kinder unter. 31 Plätze stehen in geheimen Wohnungen in vier Berliner Bezirken zur Verfügung, um anonym unterzukommen. Die Vereinsmitarbeiterinnen geben außerdem Lebenshilfe, Auskunft zu rechtlichen Fragen, helfen bei der Suche nach Wohnung oder Job. Finanzielle Unterstützung erhält Zuff von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen.

Jedes Jahr suchen in Berlin mehr als 2000 Frauen und Kinder Schutz unter professionellem Dach. Es gibt etliche Hilfs- und Beratungseinrichtungen, die zumeist eng zusammenarbeiten. "Vor 25 Jahren war das Thema häusliche Gewalt ein sehr privates. Da hat sich einiges verändert", sagt Gitta Müller von Zuff. Mittlerweile sei die Kooperation mit Polizei und Behörden sehr gut. Die zentrale Hilfshotline ist unter Tel. 611 03 00 zu erreichen.

Der Bedarf an Hilfe ist ungebrochen. Allein 2007 zählte die Berliner Polizei in der Stadt 13 222 Fälle von häuslicher Gewalt - 700 mehr als im Vorjahr. Das ist zwar ein Anstieg um 5,6 Prozent. Allerdings lasse dieser nicht auf mehr Verbrechen schließen, sondern auf eine stärkere Sensibilisierung der Bevölkerung, die mittlerweile eher bereit sei, Anzeige zu erstatten, hieß es bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik im März. 6052 Fälle von vorsätzlicher leichter Körperverletzung, 1266 von gefährlicher und schwerer Körperverletzung, 675 der Nötigung, 525 Fälle, die unter das Gewaltschutzgesetz fielen, 205 Stalkingfälle (erst seit April 2007 strafbar, seit Juli 2007 einzeln erfasst), 103 Sexualdelikte. Die meisten Opfer (71,6 Prozent) Frauen, die meisten Tatverdächtigen (77,8 Prozent) Männer. Fünf Menschen starben an den Folgen häuslicher Gewalt. Tausende leiden noch immer. Hinter jeder dieser Zahlen steckt ein persönliches Schicksal. Wie das von Simone.

Informationen über Zuff gibt es unter: www.zufluchtswohnungen.de