Olesya G. ist als Zeugin im Callgirlring-Prozess für die Beobachter gleich von doppeltem Interesse: Die 21 Jahre alte Ukrainerin hatte den TV-Moderator Michel Friedman bei der Polizei auf einem Foto erkannt und als Kokain-Schnupfer angeprangert. Und sie ist ebenso eine der wichtigsten Belastungszeuginnen gegen den 33 Jahre alten Hauptangeklagten Borys B. Der Ukrainer und zwei Polen sind wegen schweren Menschenhandels und gewerbsmäßigen Einschleusens von Ausländerinnen angeklagt.
Borys B. legte gestern über seinen Verteidiger Klaus Gedat ein Teilgeständnis ab. Tenor: "Es ist richtig, dass ich eine Modelagentur betrieben und illegal eingereiste Frauen an Freier vermittelt habe. Es ist nicht richtig, dass dabei Nötigung, Zwang oder gar Vergewaltigung im Spiele waren."
Olesya G., die gleich im Anschluss als Zeugin erschien, schilderte es wesentlich anders. Ihren Erinnerungen nach begann ihr Martyrium Anfang 2002: Sie muss aus gesundheitlichen Gründen ein Studium an einer medizinischen Fachschule abbrechen. Ihre Eltern raten ihr, sich Arbeit zu suchen. Sie war schon einmal drei Monate in Polen als Erntehelferin und hofft, dort erneut einen Job zu finden. Am Busbahnhof der Stadt Lublin wird sie unvermittelt von einer Einheimischen namens Nicole angesprochen. Kurz darauf gibt es auch schon das Angebot, sie als Kindermädchen oder Haushaltshilfe unterzubringen. Die nette Nicole hat für sie auch sofort eine Zugfahrkarte in Richtung Zielona Gora. Dort warten zwei Polen in einem schwarzen BMW und bringen die junge Frau zu einem Ukrainer namens Borja - dem Angeklagten Borys B. Der verspricht ihr "gute Arbeit" und dass auf sie "eine große Zukunft" warte. Er fährt sie in ein Hotel. Zwei Stunden später kommt er zu ihr und verkündet, dass er von heute an ihr Chef sei und sie für ihn auf den Strich gehen solle. Es gebe "sehr gute Kunden und viel zu verdienen". Ihren Widerstand - "ich lege mich nicht unter fremde Männer, das wäre das Letzte" - wischt er grinsend beiseite. Anschließend legt er sich mit den Worten "ich will erst einmal prüfen, was du überhaupt kannst" neben sie ins Bett und vergewaltigt sie. Doch damit nicht genug: Tags darauf, schildert sie unter Tränen, sei sie zu einem anderen polnischen Ort geschafft, in ein vergittertes Zimmer gesperrt, geprügelt und von zwei anderen Männern immer wieder sexuell missbraucht worden.
Im März 2002 wurde Olesya G. mit einem polnischen Pass nach Deutschland geschleust. Dort arbeitete sie monatelang als Prostituierte. Der Prozess wird fortgesetzt.

