Laub legt sich über die schmalen Straßen in Grunewald, bedeckt das Kopfsteinpflaster, bedeckt die Gehwege. Es ist die Zeit, da die Damen mit dem Gärtner zur Teestunde nachdenklich den Schnitt ihrer Buchsbäumchen besprechen. Sollen sie ein kegelförmiges, ein pyramidenförmiges, ein rundes Aussehen haben? Schwierige Fragen, die jetzt in Grunewald auf Antwort warten. Ältere Herrschaften beweisen nachdrücklich, dass auch im dritten Lebensabschnitt ein Porsche noch als angemessenes Beförderungsmittel gelten darf.

Es ist behaglich in dem kleinen Labyrinth der Grunewalder Pfade.

Zwischen den bunt gefärbten Bäumen liegt ein Zauber. Wie sich aber das Laub über die Wege und die Gärten breitet, hat sich hier auch das Vergessen Raum geschaffen, manchmal vorsätzlich, manchmal beiläufig und in aller Unschuld. Man kann sich wunderbar verirren in den Sträßchen - und mit etwas Glück entwickelt sich dabei ein Sog, und man wird hineingezogen in eine Welt, die verschüttet und verborgen ist. In eine Welt von damals. In eine Welt des Ruhmes und der Ausgelassenheit, des schönen Scheins und des Betrugs.

In eine Welt voll strahlender Lebenskunst und nackter Überlebensangst. Diese Welt ist da, vor unseren Augen. Man muss sie nur erkennen.

Die grüne Fahne vor dem nüchternen Gebäude an der Ecke Hagen-/ Richard-Strauss-Staße hängt matt am Mast herunter. Jalousien versperren den Blick, das Wachhäuschen ist unbesetzt. Niemand an Bord, ganz offensichtlich, in der Residenz des Botschafters des Königreichs Saudi Arabien. An dieser Stelle stand einst das Wohnhaus Heinrich Himmlers. Himmler, Reichsführer der SS, war verantwortlich für die "Endlösung der Judenfrage": der vielleicht gefürchtetste Mann des Dritten Reichs. Man mag sich kaum vorstellen, von welcher Aura des Bösen und der Furcht dieses stille Grundstück einst umschlossen war. Hat man den Weg dorthin gemieden? Schlug das Herz höher, wenn man sich der Kreuzung näherte? Tauchten Bilder auf von Verfolgung, Mord und Folter? Oder ließ man sich nicht beirren? Ging man weiter den Grunewalder Geschäften nach, verlor sich in der Ruhe der Straßen? Ein paar Hundert Meter weiter die Richard-Strauss-Straße herunter steht ein altes Haus, groß und mächtig. Hinter einigen Fenstern schimmert weißes Arbeitslicht, andere sind zum Lüften geöffnet. Büros sind hier untergebracht genauso wie private Wohnungen. Am 6. November 1941 nahm sich in dieser schönen Villa der Schauspieler Joachim Gottschalk das Leben, zusammen mit seiner Frau Meta und seinem Sohn Michael. Gottschalk hatte sich geweigert, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, daraufhin wurde ihm mit dem sofortigen Einsatz an der Front gedroht. Dennoch blieb der Künstler standhaft. In der Nacht bevor Frau und Kind zum Transport ins Konzentrationslager abgeholt werden sollten, löschte Gottschalk die Familie aus. Hier, in diesem Haus. Kamen die Nachbarn? Hat jemand geweint? Die Faust wenigstens in der Tasche geballt?

Himmler und Gottschalk, Täter und Opfer, nur wenige Gehminuten voneinander getrennt. Zwei Grunewalder, zwei Welten, doch beide eingebettet in jene abgezirkelte Beschaulichkeit. Es sind blitzlichtartige Einblicke in die Vergangenheit wie diese, die die Touren von Birgit Wetzig-Zalkind so spannend machen. In einem kleinen Bus führt sie ihre Gäste kreuz und quer durch Grunewald, von Domizil zu Domizil geht die Reise, immer dorthin, wo einmal die Prominenten gewohnt haben. Man sieht auf der Fahrt Häuser und Fassaden, großbürgerliche Refugien und stattliche Wohnreiche - und man ahnt, angeregt durch klug begleitende Kommentare, die Schicksale dahinter.

Grunewald ist voll davon. Mitunter Tür an Tür lebten hier Menschen mit großer Geschichte. Mitreißende Biographien und intime Episoden pflastern die Wege. Man braucht nur das Ohr an die Häuserwände, die Pforten, die Zäune, die Stiegen zu legen, und man wird hören, hören von Siegen und Niederlagen, von Triumph und Elend. Zum Beispiel an der Regerstraße 8.

Hört man nicht die SA in ihren Stiefeln die Stufen hochspringen, das Getrampel, das Gejohle? Wie ein fanatisches Kommando die Wohnung von Martha und Lion Feuchtwanger verwüstete. Wie "deutscher Geist" waltete. Heute ist es lauschig hier, Fensterstores gehorchen in akkurat geordneten Bahnen der Schwerkraft. Man erschrickt schier vor Behaglichkeit. Als die Horden damals kamen, weilten die Feuchtwangers in den USA. "Sie kehrten", steht auf einer ins Trottoir eingelassenen Tafel, "nicht mehr zurück."

Zum Beispiel die Erdener Straße 8. Welch glühende Feierlichkeit, welch behagliches Gemurmel wogender Massen, hin- und herbewegt von den Wellen des Erfolgs, dringen durch die dicken Wolken vergangener Zeitläufte in unsere Gedanken! Was für Auftritte, was für funkelnde Galas der besten Köpfe jener Zeit, hier, am Sitz der Familie des Verlegers Samuel Fischer. Thomas Mann pflegte zu erscheinen, Albert Einstein musizierte. Ein Tempel der Kultur. Heute hat u. a. ein Finanzdienstleister das Anwesen gemietet. Zum Beispiel Winklerstraße 22. "Diese Stadt", schrieb Romy Schneider, "wird mir immer Glück bringen." Sie meinte Berlin, und sie meinte auch den Grunewald und dieses etwas verbaute Haus, in dem sie Mitte der sechziger Jahre gemeinsam mit ihrem Mann Harry Meyen Unterkunft fand und wo ihr Sohn David Christopher geboren wurde. Ein Haus des Glücks für den Weltstar, der später noch durch tiefe Seelenqualen gehen sollte.

Es gab solche Touren in die Vergangenheit, wie sie Birgit Wetzig-Zalkind nun durch verschiedene Stadtviertel anbietet, bisher nicht in der Hauptstadt. Ein Jahr lang hat sie recherchiert, Biografien gelesen, Adressen- und Telefonbücher durchstöbert. Was sie gefunden hat, sind Orte, Geschichten und nochmals Geschichten.

Die meisten Zelebritäten, die sich Birgit Wetzig-Zalkind für ihre Ausflüge ausgesucht hat, hatten in Grunewald Quartier bezogen. Zarah Leander und Hildegard Knef, Grete Weiser und Emil Jannings, Familie Wertheim, Familie Ullstein, Familie Mendelssohn, Alfred Kerr und Walther Rathenau, Willy Fritsch und Max Reinhardt, Friedrich Wilhelm Murnau und Curd Jürgens, Vicki Baum und Johannes Heesters. Und, und, und. Ein fast schon repräsentativer Querschnitt durch das geistige Berlin des vorigen Jahrhunderts.

Wir haben, von ganz fern, von ganz nah, das Geschrei vernommen, in das die zur Hysterie neigenden Fans der Schauspielerin La Jana ("Der Tiger von Eschnapur"), die mit ihrem elegant-verruchten Aussehen das Publikum schier um den Verstand zu bringen drohte, ausbrachen. Wir haben die braven Nachbarn tuscheln hören, die empört die Tänzerin Isadora Duncan der freien Liebe ziehen und endlich aus Grunewald verjagten. Und wir haben die Ohren gespitzt, als wir vor der Villa Harteneck standen. Hier hat einst der Industrielle Hugo Stinnes residiert, aber auch General Canaris hat hier privat Posten bezogen. Grunewaldbürger Himmler ließ Grunewaldbürger Canaris erst abhören, dann hat er ihn entmachtet. Nur wenige Quadratkilometer, auf denen viele Lebenslinien, die unterschiedlicher kaum sein konnten, unheilvoll einander kreuzten. Grunewaldgeschichten. Grunewaldvermächtnis. Grunewalderinnerungsverlust. Die Blätter fallen. Der Wind weht kühl. Uns fröstelt.

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