Derzeit beschert uns das Fernsehen die Erkenntnis, dass das Leben in der DDR herrlich gewesen sein muss. Glaubt man den vielen Ostalgie-Shows, die derzeit über die TV-Mattscheiben flimmern, dann war der Arbeiter- und Bauernstaat ein lustiger Mitmach-Klub mit lauter glücklichen Menschen. Wir West-Berliner sehen es retrospektiv - und staunen. So putzig und amüsant kannten wir die DDR ja gar nicht! Bange stellen wir uns jetzt natürlich die Frage, was die Nachwelt dereinst wohl über West-Berlin berichten wird. Höchste Zeit also, Material zu sammeln über das Lebensgefühl in einer vergessenen Stadt. Es war nicht alles schlecht, damals . . .
"Wenn einer geht, gibt man sich die Hände. Am Bahnhof lächelt man, so gut es geht . . ." Das schrieb 1933 die jüdische Autorin Mascha Kaléko, die eine Zeit lang mal in der Bleibtreustraße wohnte. Lächeln - so gut es geht. Das versuchten auch die Berliner im September 1994, als die Amerikaner, die Briten und die Franzosen offiziell als Schutzmächte verabschiedet wurden.
Natürlich waren wir auf dieses Ereignis vorbereitet, und doch war da das Gefühl des plötzlichen Losgelassenseins, einer gewissen Leere. Immerhin war man ja ein halbes Leben lang von den West-Alliierten behütet worden. Und es ist kein Geheimnis, dass wir den Abzug der Russen einige Wochen zuvor nicht ganz so wehmütig zur Kenntnis genommen haben, wenngleich auch sie letztlich doch in Freundschaft schieden.
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"Wie aus Fremden Freunde wurden" titelte die Morgenpost in einer Sonderausgabe aus Anlass des Abschieds, der ein halbes Jahr lang gefeiert wurde, von April bis September, nahezu an jedem Wochenende. "Nirgendwo in Deutschland", schrieb der Publizist Ernst Cramer, "war die Verbrüderung mit den Soldaten der ehemaligen Kriegsgegner Frankreich, Großbritannien und Vereinigte Staaten enger als in Berlin. Viele Angehörige der westlichen Streitkräfte fühlten sich als Bürger dieser Stadt, litten mit den Berlinern, feierten mit ihnen."
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Genauso war es! Auf den Volksfesten der Amerikaner und der Franzosen, beim Tag der offenen Tür auf dem Flughafen Tempelhof oder im Quartier Napoléon in Reinickendorf, beim "Tattoo"-Spektakel der Briten in der Deutschlandhalle und bei diversen Flugschauen in Gatow, bei den Deutsch-Britischen Freundschaftstagen - überall kam man sich näher. Zuweilen sogar ganz nah. Und das endete dann nicht selten auf dem Standesamt . . .
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Einer, den es aus West-Berlin gar nicht mehr wegzog, war der amerikanische Luftbrücken-Held Jack O. Bennett, den alle bis zu seinem Tod im Jahre 2001 respektvoll "Captain Jack" nannten. Wenn in West-Berlin was gefeiert wurde, waren er und seine Frau immer dabei. Er war ein kerniger Vorzeige-Ami, der selbst zu Hummer nicht auf Ketchup verzichten wollte.
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Ein anderer Diplom-Ami war und ist noch heute John Hendrik. In den 60ern und 70ern lud der RIAS-Mann zum Jazz-Forum "Club 18", später präsentierte er sein "Zweites Frühstück" vom "i-Punkt" im Europa-Center und aus dem Steglitzer Bierpinsel. Er war ein genialer Small-Talkmaster und Förderer "junger Talente" wie Ingo Insterburg und Reinhard Mey. "Big John", der den 100. Geburtstag ansteuert, ist auch Erst-Interpret des Weihnachtsliedes, das vom rotnasigen Rentier Rudolph berichtet. Reich wurde er mit dem Welt-Hit nicht. Der ausgebildete Tenor, der mit Richard Tauber auftrat, hatte sich in Amerika mit einer Tages-Studio-Gage von 50 Dollar abspeisen lassen . . .
Lesen Sie morgen: "Applaus! Applaus!" - West-Berlin-Stars für alle Zeiten.

