Die gastronomische Erfolgsstory Gendarmenmarkt geht weiter. Zwar nicht mit dem rasanten Tempo des Boom-Jahres 2000, als die Morgenpost erstmals zum kulinarischen Rundgang um den Gendarmenmarkt eingeladen hatte. Einige herbe Rückschläge gab es ebenfalls zu verzeichnen. Aber dennoch trotzt die Gourmetszene rund um den schönsten Platz Berlins der schlechten Stimmung der Branche. Die Restaurants rund um den Gendarmenmarkt setzen heute auf Service, Business-Lunch und die Touristen, nur so ist derzeit Geld zu verdienen. Höhenflüge in der Luxus-Klasse sind nicht zu erwarten. So musste das Sterne-Restaurant Portalis der Anfangs-Euphorie Zins zollen und schließen. Auch die Havanna Lounge sendet keine Rauchzeichen mehr, dafür gibt es den Capital Club im Hilton. Dennoch kommen weiterhin viele neue Restaurants hinzu, so das erst kürzlich eröffnete Gaffel Haus, das Trader Vic's oder das Flo. Aus dem Langhans wurde das Malatesta. Die Diskothek Chip zieht in den alten Shark-Club. Noch stehen zwei große Ladengeschäfte direkt am Platz leer, hier könnten weitere Restaurants eine Heimat finden. Kommen Sie mit, begleiten Sie uns auf unserem kulinarischen Spaziergang!

Trader Vic's

Beginnen wir unsere Runde mit dem Trader Vic's, das im Hilton vor ein paar Wochen eröffnet hat. Dafür wurde die Diskothek Chip aus dem Keller geschmissen, rein kamen Bambus und Palmen. Zur Eröffnungsparty erschien unter anderem Hollywood-Bodybuilder Ralf Möller. Der Laden mit dem Südsee-Touch ist beliebt, die Preise sind aber saftig, Hotelkategorie eben. Dafür wird Exotisches wie das mongolische Rinderfilet mit Cashew-Kernen und süß-scharfer Soße geboten. Kurztrip in die Südsee (Mohrenstraße 30, Tel.: 20 23-).

Malatesta

Das frühere Langhans stand längere Zeit leer und wurde dann zum Malatesta, einem Ableger des Sale e Tabacchi an der Kochstraße. Designer-Lokal mit passabler Küche und arroganten Italo-Kellnern (aber darauf stehen die Einheimischen hier in Berlin). In das Restaurant weicht aus, wer im Borchardt oder Lutter & Wegner keinen Platz mehr gefunden hat. Und wer Risotto-König Holger Zurbrüggen vermisst, findet ihn jetzt im Louis im Steigenberger (Malatesta, Charlottenstraße 59, Tel.: 20 94 50 71).

Newton Bar

Gehen wir an dem neuen Steakhaus Maredo vorbei, das gerade mittags proppenvoll ist und sich erstaunlicher Beliebtheit erfreut, landen wir direkt in der Newton Bar. Immer noch der magische Anziehungspunkt des Gendarmenmarkts an späten Sommerabenden. Der Tanz der Geschlechter rund um den Halb-drin-halb-draußen-Tresen ist wie ein gutes Theaterstück oder frivole Poesie, die Choreografie aus Musik und Cocktails stimmt. Die Bar ist erwachsen geworden (Charlottenstraße 57, Tel.: 20 29 54 21).

Refugium

Den Schlusspunkt setzt das Refugium. Die Qualität des Services und des Essens schwankt. Die Küche könnte mehr leisten, wenn man sich im Restaurant auf das Wesentliche konzentrieren würde. Wunderschöne Terrasse zwischen Konzerthaus und Französischem Dom (Tel.: 229 16 61).

Löwenbräu

Wer sich bei unserem Spaziergang überanstrengt hat und jetzt erschöpft auf eine Holzbank sinken möchte, der bekommt auf der Rückseite des Hilton im großen Löwenbräu ein herrliches bayerisches Bier mit Schmankerln. Prost! (Leipziger Straße 65, Tel.: 20 62 46 32).

Trenta Sei

Das Trenta Sei hat seine Stammkundschaft. Anwälte, Notare, Bauunternehmer geben den Ton in der sachlichen und professionellen Atmosphäre an. Hier werden Millionen-Geschäfte verhandelt. Das Essen ist immer besser geworden. Könnte so auch in Mailand serviert werden (Markgrafenstraße 36, Tel.: 20 45 26 30).

925 Lounge Bar

Die 925 Lounge Bar ist noch nicht so eingeführt wie die Newton Bar auf der anderen Seite. Was aber nicht am Tresen liegt, der mit einer 70 Kilogramm schweren 925er-Silberplatte verziert ist. Gute Drinks, gute Whiskys, gute Zigarren (Taubenstraße 19, Tel.: 20 18 71 77).

Gaffel Haus

Ganz neu ist das Gaffel Haus hinter der Brasserie. Der Kölsch-Brauereiausschank findet gerade zu seinem Stil, der noch nicht so festgelegt ist. Das beliebte "Himmel un Erd" beispielsweise kommt hier italienisch-modern daher - eckig gebratene und aufgetürmte Blutwurst mit frittiertem Rucola auf der Spitze. Pardon, was soll uns das sagen (Taubenstraße 26, Tel.: 20 61 37 60)?

Brasserie

Die Brasserie hat sich zu einem der beliebtesten Lokale am Platz entwickelt. Der elegante Laden mit dem tollen Preis-Leistungs-Verhältnis ist immer voll. Handys klingeln, vergnügte Gesichter (im Gegensatz zu den etwas intellektuell-griesgrämigen im Malatesta), gute Laune und schnelle Bedienung, ein beliebter Mittelpunkt. Intime Hofterrasse (Taubenstraße 30, Tel.: 20 45 35 01).

Lutter & Wegner

Gegenüber das Lutter & Wegner ist die Urzelle des Gastro-Imperiums von Jo Laggner am Gendarmenmarkt. Inzwischen besteht das Ensemble aus einem weiteren Bistro und einer Weinbar, in die ausgeladen wird, wenn das Lutter & Wegner mal wieder aus allen Nähten platzt. Keine Chance auf einen Sitzplatz, wenn man nicht mit einem Kellner per Du ist. Die Küche ist inzwischen besser als ihr Ruf, die Kellner halten sich bisweilen für den Herrgott persönlich (Charlottenstraße 56, Tel.: 20 29 54 10).

Café Möhring

Auch das Café Möhring ein paar Häuser weiter ist ein guter, alter Bekannter. Viele Touristen sitzen hier, der Gast findet Kaffee und Kuchen und eine einfache Berliner Karte. Preiswert und für den Flaneur, der seine Ruhe sucht. Schöne Sonnenseite (Charlottenstraße 55, Tel.: 203 09 22 40).

Guy

Schräg rüber in der Jägerstraße ist das Guy versteckt. Hartmut Guy ist zufrieden mit seinem Klassiker, hat inzwischen noch das Wein-Guy in der Luisenstraße eröffnet. Immer noch die romantischste Station für verliebte Pärchen. Unbedingt probieren: die Meeresfrüchte-Etagerie. Leider verlassen einige Geschäfte den Innenhof (Jägerstraße 59, Tel.: 20 94 26 00).

Aigner

Das Aigner am Dorint-Hotel ist eine der solidesten Adressen am Platze. Herbert Beltle zieht sein Prinzip von einfacher, aber guter Küche erfolgreich durch. Eiserne Spar- und Frische-Kontrolle! (Französische Straße 25, Tel.: 203 75 18 50).

Bocca di Bacco

Machen wir noch einen Abstecher ins Bocca di Bacco. Das eleganteste Restaurant der Runde hat wie das Borchardt zu internationaler Leichtigkeit gefunden. Hier treffen sich Botschafter, Architekten und Filmstars. Alessandro Mannozzi hat den "Gourmetanspruch ohne steife Krawatten", den auch der Kanzler zu schätzen weiß. Hier tröstete sich Gerhard Schröder bei Pasta arrabiata über seine Italien-Absage hinweg (Friedrichstraße 167, Tel.: 20 67 28 28).

Borchardt

Nach acht bunten Seiten im Magazin "Stern" und der Heiligsprechung durch die Rolling Stones und Leonardo DiCaprio braucht man keine weiteren Worte zu verlieren. Besitzer Roland Mary verbessert die Küchenleistung beständig, beweist, dass Show und gutes Essen vereinbar sind. Wenn nicht mindestens ein Minister, Regisseur oder Schauspieler neben Ihnen speist, beschweren Sie sich und verlangen Sie Rabatt (Französische Straße 47, Tel.: 20 38 71 10).

Vau

Das Gourmet-Glanzlicht des Gendarmenmarktes. Das einzige übrig gebliebene Sterne-Lokal am Platze. Nachdem Kolja Kleeberg das Vau Anfang des Jahres in eigener Regie übernommen hat, kümmert er sich wieder mehr um sein Juwel. Perfekter Service, kompetenter Sommelier mit ausgezeichneter Österreich-Erfahrung! Ein Abend im Vau oder auf der Terrasse (tagsüber eine Oase der Ruhe!) ist immer ein gelungener Abend. Derzeit griechische Wochen mit erstaunlich guten Weinen (Jägerstraße 55, Tel.: 202 97 30).

Französischer Hof

Der Französische Hof kommt in der Gegenwart an. Dafür haben der Ost-Plattenbau und sein Team lange gebraucht. Freundlicher, höflicher und flexibler präsentiert man sich heute. Endlich gibt es auch eine Terrasse des Französischen Hofes auf dem Gendarmenmarkt neben dem Französischen Dom. Manche brauchen eben etwas länger. Gutbürgerliche Küche, manchmal etwas leer (Jägerstraße 56, Tel.: 229 39 69).

Edo

Etwas abseits liegt der Sushi-Laden Edo. Nachdem Sie bei Hugendubel geschmökert und sich im Autoforum satt gesehen haben (den Bugatti mit 1001 PS kann man jetzt kaufen, waren es 1,7 oder nur 1,3 Millionen Euro?) genießen Sie eine Portion Sushi oder Sashimi. Auch nebenan wird es spannend. Nachdem der Shark-Club längst dicht gemacht hat, jetzt die überraschende Wende: Die ehemals heißeste Disco in Mitte, das Chip, eröffnet in den Räumen des Clubs. Ab August soll es losgehen! (Rosmarinstraße 8, Tel.: 20 63 50 60).

Flo

Das neue alte Flo hat wieder geöffnet. Die kleine Brasserie ist ein sympathischer Treff für die Mittagspause. Das Flo präsentiert sich jugendlich, schlicht und preiswert und ist zwischen Gendarmenmarkt und Friedrichstraße gelegen. Auf die Teller kommen schnelle französische Spezialitäten, die direkt aus den dortigen Markthallen importiert werden (Behrenstraße 47, Tel.: 20 64 76 38).

Seasons

Im Hotel Four Seasons versteckt sich ein absolutes Juwel am Gendarmenmarkt. Der neue Koch Drew Deckman ist der bisher beste in der langen Reihe der Köche im Restaurant Seasons. Souveränität und Kreativität sind die passenden Stichworte, es lohnt sich immer, die Hemmschwelle des Essens im Hotel dafür hinter sich zu lassen. Ein echter Coup von Hoteldirektor Stefan Simkovics, der erst kürzlich wieder die Hand seines Landsmannes Arnold Schwarzenegger schütteln konnte (Charlottenstraße 49, Tel.: 20 33-8).