Andreas versteht die Frage nicht ganz. Eben noch hat er in einer der ausliegenden Fachzeitschriften für den Fußballsport geblättert und sich überlegt, welches Feld auf dem Wettschein wohl anzukreuzen ist. Nun schaut er etwas verdutzt drein. Ein Moment der Irritation im eigentlich stetigen Auf und Ab des Spielerdaseins. Warum er denn spiele, wollen wir wissen. Doch schnell hat der Gelegenheitsbauarbeiter aus Pankow die Sprache wieder gefunden. "Na", sagt er, "um zu gewinnen."

Gewinnen oder verlieren. So einfach ist das. So dramatisch. Was für die Welt da draußen gilt, stimmt hier, in dem kleinen Kosmos des Wettbüros "Goldesel" an der Landsberger Allee, erst recht. Siegen oder nicht siegen. Oben bleiben oder untergehen.

Bei Andreas läuft es derzeit nicht so super. In den letzten Monaten hat er nur Miese gemacht. Nicht dramatisch, sagt er, aber auch nicht berauschend. Sie nennen ihn den "Ein-Tor-Verlierer", weil er beim Wetten meist ein Tor daneben liegt. Nur ein Tor, aber doch das entscheidende. Andreas kommt oft in den "Goldesel". Seine Einsätze liegen bei 10 bis 20 Euro. "Was bringts", fragt er, "wenn man um mehr wettet und dafür ist dann die Wohnung weg?" Eine eher rhetorische Frage. Kaum ein Wetter wird zugeben, abhängig vom Wetteifer zu sein. Andreas aber gesteht ein: "Ich bin kurz vor der Sucht."

Auch wenn es den Leuten schlecht geht, tragen sie dennoch ihr Geld in die Wettläden. "Der Arbeitslose gibt noch seine letzten fünf Euro hier ab", sagt Bernd Hobiger. Ihm gehört der "Goldesel". 1990 hat er vom Ostberliner Magistrat noch rasch eine Lizenz erhalten. Das war für ihn so etwas wie ein Sechser mit Zusatzzahl im Lotto. Das bringt ihm noch heute schöne Gewinne, wenn auch die Konkurrenz mächtig zugelegt hat, im Internet aber auch in Berlin, wo viele meist illegale Geschäfte aus dem Boden schießen - um meist genauso rasch wieder zu verschwinden. Hobiger sagt: "Gewettet wird immer, selbst wenn die wirtschaftliche Lage düster ist." Auch sein Mitarbeiter spricht aus Erfahrung: "Umso schlechter es vielen Menschen geht, umso eifriger wetten sie." Wer im Leben eher auf der Verliererseite stehe, so Jens Hurlbeck, der versuche halt beim Wetten, "sein Glück zu zwingen." Denn - und da wird sei Chef ein wenig pathetisch: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

21 Monitore stehen in dem kleinen Ladenlokal. Über manche flimmern Windhundrennen aus England, über andere Pferderennen oder einfach nur Zahlen. Im Angebot heute u.a.: Liga-Pokal, Fußball aus Finnland, Singapur, Brasilien, Baseball, Tennis, Tour de France. Richtig Stimmung aber kommt erst auf, wenn die Bundesliga wieder startet.

Seit 50 Jahren geht Werner wetten. Er habe dabei "schon viel Leid gesehen", sagt der Rentner. Für ihn selbst sei es aber nicht mehr als ein "Hobby". Irgendwann habe er erkannt, dass es "kein System" gebe. Seine Devise derzeit: "Man muss nur eine jute Hand haben." Damit aber haperte es bei ihm, über die Jahre gesehen, doch beträchtlich. Den Wert eines Eigenheims hat er bereits verloren, mindestens. Schon sein Vater hat gewettet, dann und wann. Der, sagt Werner, wäre erschrocken über die Einsätze seines Sohnes. Er könne aber, betont der 65-Jährige, "jederzeit aufhören". Er blickt auf seine Tabellen. Morgen wird er wiederkommen.