Stalins Tod erschütterte die DDR, doch die SED setzte seinen Kurs konsequent fort. Der aber führte geradewegs in den Volksaufstand am 17. Juni 1953. Die Berliner Morgenpost erinnert an die Ereignisse von damals.
Brennende Autos sind in Berlin heute nichts Ungewöhnliches. Nicht nur am 1. Mai werden alljährlich Wagen abgefackelt. 1953 waren brennende Autos dagegen etwas völlig Ungewohntes. Wenige Jahre nach Kriegsende hatten wenige Hauptstädter das Bedürfnis nach symbolischer Gewalt. Im Ostteil zumal, im Würgegriff von Volkspolizei und Staatssicherheit.
Kein Wunder also, dass Rudolf Gutsche, bei der Stasi Abteilungsleiter für Beobachtung und Ermittlung, am Vormittag des unruhigen 17. Juni 1953 ohne Zögern seinen weinroten BMW mit dem Kennzeichen GB 009-783 bestieg. Zusammen mit einem weiteren Stasi-Offizier fuhr der 34-jährige Funktionär am Alexanderplatz entlang.
Keine gute Idee, vor allem, weil das Kennzeichen den Wagen eindeutig als Regierungsfahrzeug auswies. Auf dem Alexanderplatz hatten sich zahlreiche Menschen versammelt, um gegen die SED-Diktatur zu protestieren. Wie aus dem späteren Urteil des Berliner Strafgerichts zu entnehmen ist, rammte an der Ecke Rathausstraße ein Laster den BMW. Sofort umringten Bauarbeiter das Fahrzeug, schlugen die Scheiben ein und zerrten beide Insassen heraus. Dabei hätte es die ersten Toten geben können. Denn die Stasi-Offiziere zogen ihre Dienstwaffen, einer schoss. Doch weder traf er, noch lynchten die Arbeiter beide Funktionäre. Sie wurden entwaffnet und verprügelt, ihr Auto angezündet. Die zwei Historiker Karl Wilhelm Fricke und Roger Engelmann haben den Fall Gutsche für ihr neues Buch "Der Tag X und die Staatssicherheit" (Edition Temmen, 400 S., 24,90 Euro) recherchiert, das morgen im Bundesfinanzministerium, dem damaligen Haus der Ministerien, vorgestellt wird.
Die Stasi hatte am 17. Juni alle verfügbaren Mitarbeiter auf die Straße geschickt, um "Provokateure" zu jagen. Darunter waren offensichtlich auch höhere Dienstränge. Neben Gutsche stießen die Historiker auf den Leiter der Abteilung II, Josef Kiefel, verantwortlich für Spionage im Westen. Kiefel wurde an der Stalinallee mit Steinen beworfen und am Kopf schwer verletzt. Noch übler erwischte es Heinz Kairies, Referatsleiter der Abteilung VI und für die Überwachung der Hochschulen zuständig. Ihm wurde sein sächsischer Dialekt zum Verhängnis. Nach dem Ausruf eines Demonstranten: "Wat, Sachsenkripo?", wurden Kairies und drei Stasi-Mitarbeiter bedrängt. Der Offizier floh in eine Seitenstraße, gab einen Schuss ab und hetzte zu einem Hauseingang, den er für einen Durchgang hielt. Als er seinen Irrtum bemerkte, rannte er die Treppen hoch und fand in einer Wohnung Unterschlupf. Die Verfolger brachen jedoch diese auf, jagten Kairies wieder die Treppe runter, wo er mit Bierflaschen, Eisenstangen und Holzlatten verprügelt wurde. Der Offizier überlebte wie durch ein Wunder. Diagnose: Schädelbruch, Wirbelsäulenprellung und Knochenbrüche.
Direkte Angriffe auf Stasi-Offiziere empfand die Geheimpolizei als Kriegserklärung. Verübt noch dazu von Arbeitern, für die doch die SED angeblich vor allem arbeitete. Im Falle von Gutsche mussten daher andere Schuldige her. So wurden zwei Ost-Berliner Hilfsarbeiter ermittelt, die häufiger in West-Berlin verkehrten. Von einem ist ein Vernehmungsprotokoll überliefert, das die vermeintlichen Anstifter beim Namen nennt: den West-Berliner "Bund Deutscher Jugend" (BDJ). Laut Protokoll soll ein BDJ-Vertreter Ende Mai die beiden jungen Arbeiter beauftragt haben, im Falle von "Unruhen oder Tumulten aktiv gegen fortschrittliche Menschen und fortschrittliche Einrichtungen" vorzugehen.
Zuverlässig sind derlei Aussagen aber nicht. In den Vernehmungen übte die Stasi erheblichen psychischen Druck und auch körperliche Gewalt aus. Selbst der Staatsanwalt merkte an, bei den beiden handele es sich nicht "um ausgekochte und rücksichtslose Gegner unserer Ordnung", sondern um "haltlose und abenteuerlustige Vagabunden, die aus ihrer unfreundlichen Umgebung zu flüchten suchten und für die Gegner ein willfähriges Werkzeug wurden". Hohe Haftstrafen gab es trotzdem. Rudolf Gutsche blieb beim Ministerium für Staatssicherheit. Er starb 1988, kurz vor der friedlichen Revolution. 1989 brannten keine Autos.


