Aus Pflichtgefühl das Richtige getan

Ein Polizist hat in der Pogromnacht die Zerstörung der Synagoge in der Oranienburger Straße verhindert. 50 Jahre nach seinem Tod gedenken Kollegen seiner.

Am Tag danach herrscht Ruhe in der Wohnung in der Zelterstraße 6, vorne, 2. Stock, rechts. Unheilvolle Ruhe. Aber auch während der nächsten Tage, Wochen, Monate wird nichts Schlimmes mehr passieren. Dabei hat sich in dieser Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 doch Dramatisches ereignet. Es sind jene Stunden des Pogroms, die als "Kristallnacht" Geschichte machen werden, jene Stunden, als die Synagogen brennen und jüdische Geschäfte geplündert werden. Es ist die Nacht, als helle Flammen aus jüdischen Gotteshäusern schlagen und es finster wird in Deutschland. Aber es ist auch der Augenblick für Tapferkeit und Entschlossenheit. Es ist die Stunde des Revier-Oberleutnants Wilhelm Krützfeld.

Der Vorsteher des Polizei-Abschnitts 16, am 9. Dezember 1880 in Horndorf, einem Marktflecken in Schleswig-Holstein geboren, ist ein Vorbild an preußischem Pflichtbewusstsein. Er hat sich hochgedient vom einfachen Schutzmann bis zum Chef eines der geschäftigsten Innenstadtreviere Berlins, das sich zwischen Spree und Augustraße, Artillerie- und Rochstraße erstreckt. Zum 25-jährigen Dienstjubiläum lobt der Polizeipräsident ihn dafür, "die Pflichten Ihres äußerst verantwortungsvollen Berufes jederzeit treu und gewissenhaft erfüllt zu haben". Ein Beamter, wie er ihm Buche stand. Ein Vorbild. Bis zu jenem 9. November.

An diesem Abend funktioniert der Vorsteher nicht so, wie er funktionieren soll, wie es vom ihm erwartet wird. Da wird er plötzlich zu einem Steinchen in einem Getriebe, das er nicht überblickt, von dem er aber ahnt, dass es nichts Gutes anrichtet. Da stellt er sich gegen jenen Staat, dem er ein Leben lang ohne zu fragen hingebungsvoll ergeben war. Da spürt er, dass dieser Staat nicht mehr sein Staat ist, sondern sich zu einer Mordmaschinerie entwickelt hat. Da hält er es für seine Pflicht, sich der um sich greifenden Pflichtvergessenheit entgegenzustellen. Da ist er plötzlich ziemlich allein. Wilhelm Krützfeld bietet dem Staat, den Hitler sich gegriffen hat, die Stirn.

Mit einem Polizeitrupp seines Reviers marschiert er zur Synagoge an der Oranienburger Straße. In der Hand hält er die stärkste Waffe, die er kennt: eine staatliche Verordnung. In dieser Verordnung steht geschrieben, dass die Synagoge unter Denkmalschutz stehe. Tatsächlich gelingt es ihm so, die SA an weiterer Brandschatzung zu hindern und der Feuerwehr Zugang zum Gebäude zu verschaffen. Die Synagoge ist gerettet.

Der Coup bleibt nicht unbemerkt. Der Polizeipräsident persönlich fühlt sich berufen, über seinen Reviervorsteher zu richten. Er brüllt, er droht, er verlangt eine Antwort darauf, warum sich der Polizist über das "gesunde Volksempfinden" hinweggesetzt habe. Aber er kann letztlich nichts ausrichten gegen seinen Untergebenen. Er lässt ihn ziehen. Der Mann hat schließlich nach dem Gesetz gehandelt. Am 1. November 1943 ersucht Wilhelm Krützfeld um seine Versetzung in den Ruhestand. Er geht zurück in seine alte Heimat, nach dem Krieg zieht es ihn aber wieder nach Berlin. Hier stirbt er am 31. Oktober 1953, unerkannt, ungeehrt, vergessen.

Der kürzlich verstorbene Berliner Stadtgeschichtenschreiber Heinz Knobloch hat die kaum glaublichen Ereignisse um diesen stillen Helden aufgeschrieben ("Der beherzte Reviervorsteher", Jaron Verlag, 15,90 Euro) und der Vergessenheit entrissen. Dass Wilhelm Krützfeld ein sorgfältiges Angedenken zusteht, demonstrierte gestern auch die Berliner Polizei. Der 50. Todestag Krützfelds bot einen guten Anlass, sich an dessen Ehrengrab auf dem Weißenseer Friedhof der Parochialgemeinde des Kollegen zu erinnern.

Von Zivilcourage ist an diesem Vormittag viel die Rede. Im Beisein von Polizeipräsident Dieter Glietsch und des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Alexander Brenner, spricht Hauptkommissar Reinhard Männe von der "Verpflichtung, Gesicht zu zeigen". Auch andere Polizisten zeigen sich beeindruckt. Wenn auch die Zeiten der Diktatur nicht zu vergleichen seien mit dem Polizeialltag unserer Tage, so könne man dennoch Lehren ziehen aus dem Verhalten des Beamten Wilhelm Krützfeld.

"Manchmal", sagt Polizeirat Christian Matzdorf, "ist der Platz zwischen den Fronten der beste Platz." Wenn auch ein gefährlicher. Die Paragraphen sind das eine, das innere Empfinden gelegentlich ein anderes. "Der Grat, auf dem man sich da bewegt, ist schmal", sagt Dirk Würger, Polizeirat im Abschnitt 75. "Aber", fügt er hinzu, "ich will mir jeden Morgen im Spiegel noch ins Gesicht sehen können."

Wilhelm Krützfeld konnte sich am Morgen des 10. November 1938 ins Gesicht sehen. Für Polizisten wie Christian Matzdorf und Dirk Würger ist er ein Vorbild.