Spaß am Biken - aber sicher

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Thomas Delekat

Der Rettungshelikopter hat noch nicht richtig aufgesetzt, da rennt schon ein Arzt unter den kreisenden Rotorblättern hindurch. Er läuft auf den Verletzten zu, wirft sich neben ihm auf die Knie. Der Mann ist bei Bewusstsein. Das erste, was er der Arzt sagt, ist das, was alle Ärzte jedem Motorrad-Opfer zuerst sagen: «Bewegen Sie, bitte, mal Ihre Füße.»

Gequetschte, gebrochene Wirbelsäulen mit der Aussicht auf Querschnittslähmung - das können viele schon durchs Helikopterfenster diagnostizieren: Wenn der Mann auf dem Rücken liegt, Jeans anhat und irgendeine Stoffjacke dazu. Das deutsche Institut für Zweiradsicherheit in Essen hat kürzlich einen frappierenden Zusammenhang zwischen der Anzahl der Unfälle und der der Verletzten publik gemacht: Von 38 500 Motorradunfällen 2001 gingen nicht einmal tausend ohne Personenschäden ab. Das Institut hält fest: Wer beim Motorradfahren merkt, dass er gleich in einen Unfall verwickelt ist, weiß, dass es ihn jetzt richtig erwischt. So war das bis vor kurzem. Sehr spät, viel zu spät ist es inzwischen vor allem durch den Druck deutscher Motorradfahrer zu drastischen Forschungserfolgen bei der passiven Sicherheit gekommen.

Das plötzliche Sicherheitsbedürfnis vor allem in Deutschland ist schnell zu erklären: Das Gros der deutschen Motorradfahrer ist mittlerweile gut situiert und keineswegs mehr jugendlich. Die meisten gehören der Altersgruppe zwischen 35 und 60 Jahren an. Zumindest die jüngst entwickelten Materialien bieten jetzt erstmals eine kräftig gestiegene Chance, Haut und Knochen zu retten.

Führend ist dabei das neue, abriebresistente «Armacor»-Gewebe. Es stammt von dem US-Hersteller Goretex und übertrifft bei weitem alle bislang verarbeiteten Stoffe. Die ersten Jacken/Anzüge mit dem Supermaterial haben BMW, Kushitani und die finnische Firma rukka auf den Markt gebracht. Der neue Stoff übersteht Rutschpartien über Asphalt von 90 Stundenkilometern bis zum Stillstand - bei vollem Schutz der Haut darunter. Armacor besteht aus Kevlar, Cordura-Nylon und einer aufgeschmolzenen Membran, die das Ganze wasserdicht und atmungsaktiv macht. Armacor erreicht die Abriebwerte mittelprächtigen Leders. Unter anderem der ADAC hat den neuen Schutz praktisch und im Labor getestet, das Ergebnis: Der rukka-Anzug aus Armacor darf als das Sicherste gelten, was ein Motorradfahrer heute auf dem Markt vorfindet.

Nur erstklassige Lederkombis, wie Rennfahrer sie tragen, sind effektiver. Dabei allerdings ziehen Unfallforscher einen klaren Trennungsstrich zwischen Stürzen auf Rennpisten und auf öffentlichen Straßen. Gestürzte Rennfahrer haben oft freie Bahn beim Rutschen. Das glückt im Straßenverkehr aber nur selten. Zwei Drittel aller Straßen-Motorradunfälle sind Kollisionen, die meisten in Kombination mit einer Scheuertour des Fahrers über die Fahrbahn.

Erstaunlicherweise sind erst in den letzten fünf Jahren Dämpfungsprotekoren entwickelt worden, die die gefährlichen Hartschalenschützer ersetzen. Erfahrene Rennsport-Spezialisten wie etwa Büse, Dainese, Erbo, Spidi oder Spyke haben die Kunst des Passiv-Schutzes in den letzten Jahren für Straßenfahrer perfektioniert - unter anderem mit einem Höcker zwischen den Schulterblättern, der den Helm abstützt und so einen Genickbruch verhindern kann. Als vielfacher Testsieger hat sich der kleine, aber noble Hersteller Schwabenleder bei Stuttgart hervorgetan - unter anderem mit exzellent platzierten Protektoren und einem dreiteiligen, patentierten Wirbelsäulenschutz, der das Risiko von Querschnittslähmungen einschränkt. Nach einem Test der größten europäischen Fachzeitschrift «Motorrad» ist der, zweiteilige Anzug «Aero Sport Supertec» die sicherheitstechnisch vorzüglichste Empfehlung.

Beim Kopfschutz gelten auch billige Exemplare als gute Lebensretter. Es muss allerdings ein Integralhelm sein. Völlig unverständlich ist es beim Schutz von Füßen und Beinen, dass es bei einem Verletzungsrisiko von deutlich über 60 Prozent nur einen einzigen

Stiefel auf dem Markt gibt (von dem schwäbischen Hersteller Daytona, Typ Evo Basic), der mit Hartschalen-Gelenk-Innenschuh optimalen Schutz bietet und auch noch wasserdicht ist. Dieses Schuhwerk, dazu ein erstklassig gefertigter Anzug aus Armacor oder Leder, kommt auf etwa 1200 bis 1900 Euro. Mehr Sicherheit ist derzeit auch für höhere Beträge nicht zu haben.