Kommentar

Merkel demonstriert auch in der Krise Ruhe und Gelassenheit

Angela Merkel punktet während der Corona-Pandemie einmal mehr als umsichtige Krisenmanagerin. Ein Grund: Sie ist vorsichtiger geworden.

Merkel stimmt in Corona-Krise auf "schwierigen Herbst und Winter" ein

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Menschen in Deutschland wegen der Corona-Pandemie auf einen schwierigen Herbst und Winter eingestimmt. Es gehe darum, die Maßnahmen immer wieder an die aktuelle Lage anzupassen.

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Berlin. „Wir schaffen das.“ Kein Satz von Angela Merkel hat es stärker in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft. Er wurde ihr unzählige Male ausgelegt – positiv wie negativ. Sie habe dies damals in einer sehr speziellen Situation gesagt, erklärt Merkel heute mit Blick auf die Flüchtlingskrise vor fünf Jahren. „Dieser Satz steht für sich“, sagt sie. Ihre Worte hätten sich manchmal ein bisschen zu sehr verselbstständigt. Und nein, sie würde den Satz für die Corona-Pandemie nicht wiederholen. Jede Krise habe ihre eigene Sprache.

Was also ist der Satz der Viruskrise? Wahrscheinlich Merkels naturwissenschaftlich geprägter Blick auf die medizinische Katastrophe, erstmals formuliert in der Fernsehansprache Mitte März: „Es ist ernst. Nehmen Sie es ernst. Es ist nicht vorbei.“

Die Kanzlerin ist am Ende ihrer Regierungszeit vorsichtig geworden – in mehr als einem Sinne. Sie ist in der Corona-Krise die Mahnerin, die nüchterne Realistin. Sie spricht die Dinge aus, die sich mancher Ministerpräsident und Mandatsträger verständlicherweise nicht traut. Etwa, dass der Winter ohne Impfstoff und Medikament noch einmal eine große Herausforderung und auch das Weihnachtsfest in diesem Jahr ein anderes sein wird. Dass die Krise noch nicht vorbei ist, so sehr das auch alle herbeisehnen. Auch in ihrer Sprache ist Merkel vorsichtig geworden. Ein unbedachter Satz rutscht ihr nicht mehr heraus.

Merkel ruht in sich – und handelt ausgleichend

Beobachten konnte man das am Dienstag auf ihrer traditionellen Sommerpressekonferenz. Es ist der Auftritt einer Regierungschefin, die trotz ständigen Krisenmanagements in sich selbst ruht, gelassen, abgeklärt und souverän alle Fragen der Innen- und Außenpolitik abarbeitet. Es gibt keine feurige Zurechtweisung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der gerade mal wieder seine Muskeln spielen lässt. Kein Wort zu den Unverschämtheiten von US-Präsident Donald Trump, der jüngst durch Ex-Botschafter Richard Grenell erklären ließ, er habe Merkel „verzaubert“. Das Gegenteil ist der Fall.

Doch Merkel antwortet ruhig, solche Dinge kommentiere sie nicht. Sie arbeite mit jedem gewählten US-Präsidenten zusammen. Es gebe „hier und da“ Meinungsverschiedenheiten. Das Wort hätten Anfang November die US-Wähler. So ist ihr Politikstil schon immer gewesen: abwägend, Kompromisse suchend, ausgleichend. Einen Basta-Stil hat es mit ihr noch nie gegeben.

Dies bringt ihr in der herausforderndsten Epoche ihrer Amtszeit das Vertrauen der Bevölkerung ein – ihre Umfragen und die ihrer Partei zeugen davon. Wenn ihr die Bürger eine Rolle zuschreiben, dann am liebsten die der umsichtigen Krisenmanagerin. Nachfolger ohne dieses Talent werden es nicht leicht haben.

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Fragen nach der Zukunft lässt Merkel unbeantwortet

Im Herbst ihrer Regierungszeit gibt sich die 66-Jährige keine Blöße mehr. Fragen nach ihren Gedanken und ihrer Arbeitsweise während der Corona-Krise beantwortet sie ehrlich: Quarantäne ist schwierig, Videokonferenzen sind in Ordnung, spontane Begegnungen fehlen ihr.

Fragen nach der Zukunft – der ihrer Partei und ihrer eigenen – lässt sie jedoch gänzlich unbeantwortet. Warum eigentlich? Gerade weil sie an ihrem Abschied nicht den geringsten Zweifel lässt, könnte sie unabhängig gestalten, auch was die Zukunft der Union angeht. Man darf gespannt sein, ob Merkel hinter den Kulissen noch Strippen zieht, wenn es um die künftige Mannschaftsaufstellung geht. Sie sollte es tun.

Und ihre Zukunft? „Ich werde jetzt erst einmal weiterarbeiten – und dann wird sich schon etwas finden.“ Ob ihr der Abschied leichtfallen wird? Es darf getrost bezweifelt werden.

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