Kommentar

Symbolpolitik reicht im Kampf gegen Rassismus nicht aus

Der Bundestag möchte als Zeichen gegen Rassismus den Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz streichen. Mehr als ein Anfang ist das nicht.

Kolonialismus: Statue von belgischem König jetzt im Archiv

Eine Vorstadt von Brüssel hat eine Statue von König Leopold II. abgebaut, nachdem sie in den letzten Tagen mehrmals mit Farbbeuteln attackiert worden war. Der König errichtete Ende des 19. Jahrhunderts ein blutiges Kolonialregime im Kongo.

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Berlin. Seit dem Tod des US-Amerikaners George Floyd, der durch Polizeigewalt starb, ist die Welt in Aufruhr. Millionen Menschen gehen mit dem Ruf „Black Lives Matter“ weltweit auf die Straßen. „Schwarze Leben zählen“ – beschämend, dass man dies im Jahr 2020 hervorheben muss.

Alle Menschen sind gleich – überall auf der Welt. Es ist eigentlich so einfach, die Realität ist eine andere. Im Fall von George Floyd eine tödliche. Rassismus geht einher mit Vorurteilen, Diskriminierung, teils institutionell verankert. Es gab die Hoffnung, die Welt sei im Zeitalter der Globalisierung schon weiter – doch sie ist es nicht.

Was kann eine Gesellschaft dagegen tun? Zeichen setzen durch Solidarität, durch Aufmerksamkeit. Richtig. Doch ob fallende Denkmäler in den USA und Großbritannien die richtige Antwort sind? Es darf bezweifelt werden, ob durch den Sturz einer Kolumbus-Statue Alltagsdiskriminierung in nur einem Fall verhindert wird.

Ein Grundgesetz ohne den Begriff „Rasse“ ändert nichts am Alltagsrassismus

In Deutschland diskutieren die Fraktionen im Bundestag, ob der Begriff „Rasse“ im deutschen Grundgesetz noch zeitgemäß ist oder nicht. Nun mag man den Vorschlägen von Grünen und FDP folgen und „Rasse“ durch „Ethnie“ oder „ethnische Herkunft“ ersetzen. In Frankreich etwa hatte die französische Nationalversammlung bereits vor zwei Jahren beschlossen, das Wort „Rasse“ aus der Verfassung zu streichen.

• Hintergrund: „Rasse“ aus Grundgesetz streichen? Das schlägt die FPD vor

Im ersten Artikel hieß es vorher, Frankreich garantiere „allen Bürgern die Gleichheit vor dem Gesetz, unabhängig von ihrer Herkunft, Rasse oder Religion“. Nun heißt es: „unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft oder Religion“. Damit wurde auch der Unterscheidung nach Geschlechtern eine Absage erteilt. Der Begriff „Rasse“ stand seit 1946 in der Verfassung und war ursprünglich als Gegengewicht zu den „Rassen“-Theorien der Nazis gedacht – so wie in Deutschland auch. Hat sich seitdem für die Menschen in Frankreichs vernachlässigten Vorstädte, den Banlieues, irgendetwas zum Positiven gewendet? Nein.

Das bedeutet nicht, dass man die Diskussion um die Sprache nicht führen soll – aber sie birgt die Gefahr des Sich-zurücklehnens. Entschließt sich der Bundestag mit Zwei-Drittel-Mehrheit, den Begriff zu streichen oder zu ersetzen – der alltägliche Rassismus wäre nicht gebannt. Es reicht nicht. So wie auch das Verschwinden von Denkmälern reine Symbolik ist.

Antidiskriminierungsstelle des Bundes braucht mehr Einfluss

Wirkliches Umdenken geht anders und beginnt ganz einfach: beim Ernstnehmen der Menschen, die sich diskriminiert fühlen. Mütter, die ihren Kindern erklären, dass sie – obwohl hier geboren – sich darauf einstellen müssen, dass Menschen sie im Laufe des Erwachsenwerdens beleidigen, weil ihr Hautton eine Nuance dunkler ist.

Wichtiger wäre auch, die Herabsetzung von Menschen im alltäglichen Sprachgebrauch zu benennen und zu ändern. Ein Beispiel: Gibt man in die Internetsuchmaschine Google etwa den abfälligen Begriff „Fidschi“ in Zusammenhang mit Berlin und Markt ein, wird einem das Dong Xuan Center mit seinen vielen asiatischen Geschäften angezeigt. Das ist sprachlicher Alltagsrassismus.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bleibt weit hinter ihrer Bedeutung zurück. Sie muss stärker publik gemacht und mit prominenten Köpfen besetzt werden. Sie braucht mehr Einfluss, mehr Mitarbeiter. Nötig ist auch eine ehrliche Aufarbeitung des deutschen und europäischen Kolonialismus. In Schulen und in öffentlichen Diskussion.

Während des Herero-und-Nama-Kriegs im damaligen Deutsch-Südwestafrika beging die deutsche Kolonialmacht einen Massenmord, den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Ist das irgendwo mehr als ein Absatz im Geschichtsbuch? Wichtig wäre es!

Der Fall George Floyd – Mehr zum Thema Rassismus und Polizeigewalt:

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