Pandemie

Coronavirus: Die wichtigsten Antworten zum Impfstoff

Das Rennen um einen Coronavirus-Impfstoff geht weiter. Ein Impfstoff aus Großbritannien hat in einer Studie mit Affen Wirkung gezeigt.

RKI: Corona-Maßnahmen bis Impfstoff beibehalten

Die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Krise sollten nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts so lange aufrecht erhalten bleiben, bis es einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt. RKI-Vizepräsident Lars Schaade verwies in Berlin auf das Risiko eines Rückfalls in der Pandemie bei einer Lockerung der Maßnahmen.

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Berlin. Anderthalb Jahrzehnte hat es bis vor nicht allzu langer Zeit gedauert, bis ein Impfstoff seine Zulassung bekam, manchmal länger. Und nun: Nur gut drei Monate nach Entschlüsselung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 konnte in Deutschland die erste klinische Studie für einen Impfstoffkandidaten gegen den Erreger starten.

Eine globale Allianz gegen das Coronavirus hat 7,4 Milliarden Euro für die Suche nach Impfstoffen und Medikamenten gesammelt und ihr selbstgestecktes Ziel damit erreicht. „Die Welt ist vereint gegen das Coronavirus und die Welt wird gewinnen“, sagte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen nach einer von der Brüsseler Behörde organisierten Geberkonferenz mit Dutzenden Ländern und Organisationen. Ziel der Konferenz war eine Summe von 7,5 Milliarden Euro beziehungsweise 8 Milliarden Dollar zu sammeln. Umgerechnet sind genau 8,07 Milliarden Dollar zusammengekommen.

Vielversprechend ist ein Wirkstoff aus Großbritannien, der in einer US-Studie an Affen Wirkung gezeigt hatte. Ein Versuch mit 6000 Probanden soll im Mai in Großbritannien starten. Ein Funken Hoffnung? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Impfstoff gegen Coronavirus: Wie läuft der Test?

Das Mainzer Unternehmen Biontech hat gemeinsam mit dem Pharmariesen Pfizer insgesamt vier Impfstoffkandidaten entwickelt, von denen nun der erste nach erfolgreichen Tierversuchen mit Freiwilligen getestet werden kann. Ab Ende April bekommen zunächst 200 gesunde Probanden zwischen 18 und 55 Jahren den Wirkstoff mit dem Namen BNT162b1 verabreicht.

Das Ziel dieser Studie ist einerseits, die richtige Dosis für kommende Studien zu finden. Andererseits werden Verträglichkeit, Sicherheit und die Reaktion des Immunsystems getestet. Auch das sogenannte Impfschema soll festgelegt werden – also ob jemand ein oder zwei Injektionen bekommen soll.

In einen zweiten Teil der Studie sollen auch Menschen eingeschlossen werden, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf mit der Lungenerkrankung Covid-19 haben. Die Erkrankung wird von dem neuartigen Coronavirus ausgelöst. Auch für die USA rechnen Bion­tech und Pfizer bald mit der Genehmigung einer klinischen Studie.

Coronavirus: Wie soll der Impfstoff wirken?

Bei dem Wirkstoff handelt es sich um einen sogenannten RNA-Impfstoff. Dabei werden dem Menschen genetische Informationen für den Bau eines ungefährlichen Virusbestandteils verabreicht. Die Körperzellen bauen dann mithilfe dieser Information den Erregerbestandteil.

Diese Virusteilchen soll das Immunsystem als fremd erkennen und eine schützende Immunantwort aufbauen. Infiziert sich ein Mensch dann künftig mit dem Erreger, kann die menschliche Abwehr diesen im besten Fall in Schach halten oder zumindest den Verlauf von Covid-19 abmildern.

Auch das US-Unternehmen Moderna, das seinen Impfstoffkandidaten bereits seit Mitte März an Freiwilligen testet, arbeitet an so einem genbasierten Wirkstoff. Der Vorteil dieses Impfstofftyps liegt auch in einer vergleichsweise einfachen Herstellung. Auf dem Markt gibt es jedoch bislang noch keinen solchen Impfstoff.

Corona-Impfung: Wann ist mit einer Zulassung zu rechnen?

Die Frage lässt sich laut dem PEI derzeit nicht beantworten. Erste Ergebnisse der nun genehmigten klinischen Studie könnten im Juni vorliegen, hieß es. Doch die Phase der Testung mit Freiwilligen braucht Zeit – denn auf den Test an einer kleinen Probandengruppe müssen Studien mit vielen Tausend Menschen folgen. Im Herbst könnte der Impfstoffkandidat laut PEI-Präsident Klaus Cichutek vielleicht in diese Phase eintreten.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach zwar von einem guten Signal, gleichzeitig bleibe aber der Hinweis wichtig, „dass es noch Monate dauern wird, bis ein Impfstoff zur Verfügung stehen kann“.

Warum geht die Impfstoffentwicklung gegen Sars-CoV-2 so schnell?

Das hat mehrere Gründe. Zum Beispiel konnten Forscher auf Wissen um Verwandte von Sars-CoV-2 zurückgreifen: Sars und Mers. Auch bei diesen Coronaviren liefen und laufen Impfstoffstudien, deren Erkenntnisse den Wissenschaftlern nutzen.

Hinzu kommt, dass die Welt in dieser Pandemie mit dem Ziel, besser gestern als heute einen Impfstoff zu haben, zusammensteht. Pharmaunternehmen sehen sich auch als Partner, nicht nur als Konkurrenten. Das Wissen wird geteilt, weil alle ein Interesse daran haben, sich gegen das Virus zu wappnen.

Auch scheinbare Kleinigkeiten helfen. So wird in der aktuellen Krise zum Beispiel ein „rolling review“ angewendet. Dabei können Unternehmen den ersten Teil eines Studienantrags bereits beim PEI einreichen, während sie noch am Rest arbeiten – das spart wertvolle Zeit.

Im Fall von Biontech habe man „durch eine intensive wissenschaftliche Beratung im Vorfeld“ das Verfahren in vier Tagen abschließen können, so das PEI. Am 18. April hat das Mainzer Unternehmen den überarbeiteten Antrag von Anfang April eingereicht, am 21. April wurde er genehmigt.

Nicht zuletzt sind es auch technologische Entwicklungen, die helfen: So nutzt zum Beispiel das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung sogenannte Vakzine-Plattformen zur Impfstoffentwicklung, eine Art Baukastensystem, das Forscher nach dem Ebola-Ausbruch 2014 entwickelt haben, um einen Impfstoff auch in kürzester Zeit zur Verfügung stellen zu können.

Das Paul-Ehrlich-Institut betont, dass trotz des beschleunigten Verfahrens darauf geachtet werde, „dass die erforderliche Sorgfalt nicht beeinträchtigt wird“. Am Ende sei relevant, „dass der Nutzen relativ zum Risiko auf jeden Fall weit überwiegen sollte“, sagte Cichutek.

Welche Impfstoffprojekte gibt es derzeit noch weltweit?

Weltweit gibt es laut dem Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller mehr als 80 Impfstoffprojekte, für eine Handvoll Kandidaten sind bereits klinische Studien genehmigt. Die „New York Times“ berichtet, dass das Jenner Institute der Universität Oxford womöglich bereits im September 2020 einige Millionen Dosen eines neuen Impfstoffes bereitstellen könnte. Damit wären die Briten wahrscheinlich einige Monate früher auf dem Markt als alle anderen Forschungseinrichtungen.

Die Forscher der Universität Oxford hoffen laut dem Bericht auf Eil-Genehmigungen der Regulierungsbehörden. Sie müssen nachweisen, dass der Stoff wirksam und für den Menschen verträglich ist. Dazu sollen in den kommenden Wochen weitere Tests stattfinden.

Der Impfstoff wurde in einem Tierversuch sechs Affen verabreicht. Diese wurden anschließend von den Forschern dem Coronavirus ausgesetzt – vier Wochen später zeigten die Tiere weiterhin keine Symptome einer Erkrankung. Eine Immunität der Affen heißt jedoch noch nicht, dass das Mittel auch für Menschen wirksam ist.

Bringt der Impfstoff aus Großbritannien Hoffnung?

Forscher aus den USA führten mit dem Impfstoff aus Großbritannien einen weiteren Versuch durch. Wie die „New York Times“ berichtet, haben die Wissenschaftler eines Labors im US-Bundesstaat Montana im vergangenen Monat sechs Rhesusaffen den Impfstoff verabreicht. Anschließend wurden die Tiere dem Bericht zufolge großen Mengen des Virus ausgesetzt. 28 Tage später sind sie immer noch symptomfrei. Der Test an Rhesusaffen komme dem am Menschen am Nächsten, zitiert die Zeitung den Virologen Vincent Munster, der den Versuch leitet.

Die Basis des Stoffs ist eine abgeschwächte Variante eines Erkältungsvirus. Dem wurde genetisches Material hinzugefügt, aus dem das sogenannte Spike-Protein des Coronavirus besteht. Dieses befinde sich auf der Oberfläche des Virus und spiele eine zentrale Rolle bei der Infektion, erklären die britischen Forscher: Sars-CoV-2 nutze das Protein, um in menschliche Zellen einzudringen. Die Hoffnung sei, so die Wissenschaftler aus Oxford, dass mit dem Impfstoff injizierte Körper das Protein erkennen und eine funktionierende Immunreaktion aufbauen.

Hamburger Virologe warnt vor verfrühtem Enthusiasmus

In Großbritannien wird der Impfstoff bereits an Menschen getestet. Noch im Mai soll eine Studie mit 6000 Probanden beginnen. Sollte sich der Impfstoff dann als sicher und wirksam zeigen, könnten – mit einer Ausnahmegenehmigung der einschlägigen Behörden – schon im September dieses Jahres die ersten Millionen Dosen zur Verfügung stehen, berichtet die „New York Times“.

Der Hamburger Virologe Jonathan Schmidt-Chanasit warnt im Gespräch mit unserer Redaktion allerdings vor verfrühtem Enthusiasmus. „Der Zeitrahmen klingt sehr ambitioniert“, sagt der Wissenschaftler vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Noch sei nicht klar, ob der Impfstoff wirke und sicher sei. „Es gibt immer wieder Impfstoffe, die sehr vielversprechend aussehen, zum Teil bis in Phase drei der klinischen Tests, und die sich dann trotzdem als Rohrkrepierer erweisen.“ Es sei gut, dass derzeit an vielen verschiedenen Impfstoffen mit unterschiedlichen Ansätzen gearbeitet werde, so Schmidt-Chanasit.

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