Auswertung

Jeder dritte Pfleger muss an seine körperliche Grenze gehen

Kaum Pausen, Zeitdruck, Anstrengung: Die Regierung hat ausgewertet, wie hart es in der Pflege zugeht. Das Ergebnis ist beängstigend.

 Ein Pfleger eines Pflegeheims schiebt eine Bewohnerin mit einem Rollstuhl.

Ein Pfleger eines Pflegeheims schiebt eine Bewohnerin mit einem Rollstuhl.

Foto: Tom Weller / dpa

Berlin. Sie kommen nicht dazu, ihre vorgeschriebenen Pausen einzuhalten, müssen ihre Arbeiten sehr schnell und oft parallel verrichten und dabei körperlich belastende Aufgaben bewältigen: Eine Auswertung der Bundesregierung, die unserer Redaktion vorliegt, macht deutlich, wie strapaziös die Pflege für Arbeitnehmer ist.

Wie die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion mitteilte, arbeitet jeder dritte Pfleger an der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit. Bei Beschäftigten der Gesundheits- und Krankenpflege liegt der Wert mit 37,7 Prozent noch etwas über dem der Altenpfleger (31,9 Prozent). In allen anderen Berufen sind es mit 15,3 Prozent nicht einmal halb so viele Arbeitnehmer, die einen derartigen Druck verspüren.

Pflege: Gesundheits- und Krankenpfleger stehen unter Zeitdruck

Gesundheits- und Krankenpfleger stehen den Berechnungen zufolge vor allem unter zeitlicher Belastung. Die Arbeitspausen fallen mit 54,8 Prozent bei mehr als jedem zweiten Gesundheits- und Krankenpfleger aus, jeder Dritte steht laut der Antwort der Bundesregierung zudem häufig unter starkem Termin- und Leistungsdruck.

74,1 Prozent der Gesundheits- und Krankenpfleger müssen zudem verschiedene Arbeiten gleichzeitig verrichten.

Altenpfleger müssen oft körperlich hart arbeiten

Die Altenpfleger sind dagegen besonders von schwerer körperlicher Arbeit betroffen. Drei von vier Altenpflegern müssen häufig schwere Lasten heben und tragen, im Querschnitt der übrigen Berufe trifft das nur auf jeden fünften Arbeitnehmer zu.

Auch arbeitet jeder zweite Altenpfleger häufig unter Zwangshaltungen. In der Gesundheits- und Krankenpflege trifft das auf rund jeden dritten und bei anderen Berufen auf knapp jeden siebten Arbeitnehmer zu.

Für die Berechnung hat das Bundesarbeitsministerium die Daten von rund 20.000 Erwerbstätigen aus Befragungen der Jahre 2012 und 2018 ausgewertet und analysiert.

Pflege: Linke kritisiert Strategie der Bundesregierung

Die Linken-Bundestagsabgeordnete und Fragestellerin Sabine Zimmermann kritisierte gegenüber unserer Redaktion, dass die Bundesregierung beim Fachkräftemangel in der Pflege den falschen Weg einschlage. Anstatt an der Entlohnung und den Arbeitsbedingungen etwas zu ändern, „will die Bundesregierung Fachkräfte aus dem Ausland abwerben, die sich mit den miesen Bedingungen abfinden sollen und gleichzeitig in ihren Heimatländern fehlen“, sagte Zimmermann.

Die Linken-Politikerin forderte „eine solide Finanzierung“ in Form höherer Pflegemindestlöhne, einer Pflegevollversicherung und in einem verbindlichen Personalschlüssel. Zudem solle das Fallpauschalensystem in Krankenhäusern abgeschafft und Tariflöhne refinanziert werden, sagte Zimmermann.

Pflegerat-Präsident spricht vom „Mantel des Schweigens“

Die Arbeitsbelastung in der Pflege war auch Thema beim diesjährigen Pflege Kongress in Berlin. Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats, kritisierte, dass ein „Mantel des Schweigens“ über Missstände gelegt werde. Die Probleme in der Pflege hätten frühere Bundesregierungen über Jahre verschlagen. „Die Menschen werden oft nicht so gut versorgt, wie sie versorgt werden müssten“, sagte Wagner.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) kündigte an, die Lücken in der Pflege Schritt für Schritt verkleinern zu wollen. Schnell werde das aber nicht gehen, räumte die SPD-Politikerin ein. Auf 100 gemeldete freie Stellen in der Altenpflege kämen nur 27 Bewerber, so Giffey.

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Die Bundesregierung möchte dem Fachkräftemangel in der Pflege mit Zuwanderung begegnen. Jens Spahn (CDU) will aber nur solche Fachkräfte, die „unsere Werte“ leben, sagte der Gesundheitsminister. Die Kosten für Heimbewohner in der Pflegeversicherung steigen derweil. Der Bundesrat hat daher im vergangenen November einem Gesetz zugestimmt, das zumindest Angehörige entlasten soll. Das Problem der hohen Arbeitsbelastung in der Pflege belastet auch schon die Auszubildenden.

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