Einheit

Warum so viele Ostdeutsche in ihre alte Heimat zurückkehren

30 Jahre nach dem Mauerfall zieht es viele abgewanderte Ostdeutsche wieder in die alte Heimat. Manche erfüllen sich dort ihren Traum.

Designerin Andrea Steinert lebt wieder im sächsischen Marienberg. 2018 hat sie zusammen mit anderen Rückkehrern ein Netzwerk gegründet, um anderen Ostdeutschen den Neustart in der alten Heimat zu erleichtern. 

Designerin Andrea Steinert lebt wieder im sächsischen Marienberg. 2018 hat sie zusammen mit anderen Rückkehrern ein Netzwerk gegründet, um anderen Ostdeutschen den Neustart in der alten Heimat zu erleichtern. 

Foto: Andrea Steinert

Marienberg. In der Poststraße 2 im sächsischen Marienberg steht die Villa Stark. Fein gearbeitete Holzbalken tragen das Dach und den Eingangsbereich des rot-weißen Vierparteienhauses im Erzgebirge. Andrea Steinert hat sich mit dem Kauf der sanierungsbedürftigen Villa 2010 einen Traum erfüllt. „Im Vergleich zu Großstädten ist es hier auf dem Land wesentlich einfacher, eine tolle Immobilie zu erwerben“, sagt die Designerin.

Dass sie irgendwann wieder in Marienberg im Erzgebirge unweit der tschechischen Grenze leben würde, war für Steinert lange Zeit undenkbar. 18 Jahre hat sie im Westen Deutschlands und im Ausland verbracht: Zehn Jahre in Wien, drei Jahre in Frankfurt am Main und fünf Jahre in Kairo. Doch dann wuchs die Sehnsucht nach der Heimat . Sie wollte ihre drei Kinder im Grünen aufwachsen sehen.

„Ich wünschte mir, dass meine Kinder ihre Kindheit genauso erleben wie ich selbst“, sagt Steinert. „Ich erinnerte mich immer wieder an die schöne Natur zu Hause. Das war es dann – der Auslöser für meine Rückkehr.“ Für eine Grünfläche und einen Spielplatz muss die Designerin nun nicht mehr zwanzig Minuten durch die Stadt fahren. Einen Garten mit Lagerfeuerstelle haben Steinerts direkt hinter dem Haus.

Ein Netzwerk für andere Rückkehrer

Mit ihrem 2018 gegründeten Rückkehrernetzwerk „Geh voran – komm zurück“ will die Designerin nun auch anderen ehemaligen Ostdeutschen Mut machen, zurück zu ziehen. Zusammen mit anderen Rückkehrern und sächsischen Unternehmen können sich Interessierte dort auch über ihre Probleme austauschen, denn auch wenn man sich für eine Rückkehr entscheidet, entspricht nicht alles den Erwartungen.

„Der Ort, den man von früher kannte, hat sich verändert“, sagt Steinert. „Alte Freunde und Bekannte sind vielleicht dort geblieben, und man merkt, wie man sich von der Gemeinschaft entfernt hat. Das Netzwerk kann in solchen Fällen eine mentale Stütze sein.“

Bis heute gehören 204 Rückkehrer dem Netzwerk an. Auch in anderen ostdeutschen Bundesländern werben staatliche und ehrenamtliche Initiativen, wie das „Welcome Center“ in Sachsen-Anhalt oder das Rückkehrernetzwerk „Ankommen in Brandenburg“, um die Rückkehr von Fachkräften und Pendlern. Die ehrenamtlichen Strukturen seien in der direkten Betreuung laut Andreas Knuhr, Leiter der Agentur für Fachkräftegewinnung in Thüringen hilfreich. Damit haben die Menschen, die in ihrer alten Heimat ankommen, auch gleich einen Ansprechpartner.

„Sich mit dem Menschen regelmäßig zu treffen, kann kein Massengeschäft sein und deswegen übernehmen es meist Ehrenamtliche“, sagt Knuhr. Wie erfolgreich die Netzwerke sind und wie viele Menschen in den vergangenen Jahren tatsächlich in die neuen Bundesländer zurückgekehrt sind, soll eine neue Studie im Jahr 2020 zeigen.

2017 zogen erstmals mehr Menschen von West nach Ost

In der Statistik zu den Wanderungen zwischen den alten und neuen Bundesländern des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung zeigt sich jedoch schon jetzt eine leicht steigende Tendenz. Im Jahr 2017 zogen erstmals mehr Personen von West nach Ost als umgekehrt. 93.415 Menschen wanderten demnach von den alten in die neuen Bundesländer, 89.418 Personen zogen in die andere Richtung.

Damit der Zuwanderungstrend anhält und fehlende Fachkräfte zurückkommen, müssen die Geschichten von erfolgreichen Rückkehrern lauter erzählt werden, glaubt die Designerin. Steinert selbst ist nach ihrer Ausbildung zunächst ins Ausland gegangen, um berufliche Erfahrungen zu sammeln.

Zurück in der sächsischen Heimat hat sich die früher Angestellte selbstständig gemacht – eine große Herausforderung für die damals alleinerziehende Mutter. Heute hilft sie mit ihrer Firma in Marienberg anderen Menschen bei dem Start in die Selbständigkeit.

Der Kontrast zur Großstadt ist groß

Auch Steffen Leistner hat es beruflich zunächst in die Ferne gezogen. Nach 22 Jahren, in denen der Strategieberater unter anderem in den USA, München, Berlin und Moskau gelebt hat, entschied er sich zurückzukehren, um den Familienbetrieb in Zwickau zu retten. „Der Hilferuf meines Bruders kam 2015, mitten in einer schwierigen Zeit für die Druckindustrie und die Firma. 2015 hatten wir die Chance eine andere Druckerei in der Region zu kaufen und die haben wir dann gemeinsam genutzt“, erzählt Leistner.

Die Umstellung war für den Strategieberater damals groß. In Moskau lebte Leistner direkt im Zentrum. „Zehn Minuten zu Fuß nur vom Roten Platz. Da war immer was los“, erinnert sich der Berater. „Wenn ich gewollt hätte, wäre ich in zwei Minuten beim Tschaikowski Konservatorium gewesen.“

Zwickau sei eine ganz andere Welt, die Geschwindigkeit ist geringer. „In Städten wie New York und Moskau verschleißt man schnell als Mensch. Das kann in Zwickau so nicht passieren. Wenn man älter wird, lernt man diese Ruhe mehr zu schätzen“, sagt Leistner. Nichtsdestotrotz fehle die Nähe zu seinem internationalen Freundeskreis und die kulturellen Angebote der Großstadt. Auch bei dem kleinen Familienbetrieb musste Leistner umdenken: Statt von mehreren Milliarden redete man hier über einstellige Millionenbeträge.

Ein wichtiger Punkt: die Nähe zur Familie

Der Berater glaubt, dass die Gehaltsunterschiede immer noch der Hauptgrund sind, der die Menschen von einer Rückkehr abhält. Gleichzeitig seien die Mieten und die Lebenshaltungskosten deutlich günstiger . „Da muss man schon eine ,Gesamtrechnung’ erstellen.“

Eine Rückkehr hängt für ihn am Ende jedoch auch immer mit einer sehr privaten Entscheidung zusammen. „Die persönlichen Gründe stehen immer an erster Stelle. Und für viele später dann auch der frühere Freundeskreis oder die Nähe zu pflegebedürftigen Eltern“, erzählt Leistner.

Die Bundesregierung möchte die Attraktivität der neuen Bundesländer im Rahmen der „Arbeit der Kommission gleichwertiger Lebensverhältnisse“ fördern. Zu den im Juli 2019 beschlossenen Maßnahmen gehört auch ein neues gesamtdeutsches Programm, das strukturschwache Regionen fördern soll. Unter anderem soll am Breitbandausbau gearbeitet, die Mobilität und Verkehrsinfrastruktur verbessert, der soziale Wohnungsbau vorangetrieben und eine faire Lösung für kommunale Altschulden gefunden werden.

Rückkehr braucht mehr als finanzielle Anreize

Geld allein hält Designerin Andrea Steinert nicht für ausreichend. Das Problem für den fehlenden Anreiz für eine Rückkehr sei vielschichtiger. Denn neben ungleichem Lohn und fehlendem Internet mangele es ihrer Meinung nach an mutiger ostdeutscher Identität. „Nach der Wende wurde mit billigen Mitteln alles umgemodelt und westlich hergerichtet. Das Ergebnis sind einheitliche Theken beim Bäcker“, sagt Steinert, „In Sachsen muss man lernen, sich weg vom einfachen Verkauf hin zum Wohlfühlambiente zu entwickeln.“

Die Designerin ist jedoch optimistisch, dass die Menschen noch ihren eigenen Stil und ihren eigenen Weg finden werden. Der Osten biete noch viel Raum – nicht nur zum Wohnen.