Nachruf

Richard von Weizsäcker brachte die Hoffnung mit nach Berlin

Richard von Weizsäcker versetzte West-Berlin als Regierender Bürgermeister in Aufbruchstimmung. Als Präsident setzte er sich für den Anspruch Berlins ein, Hauptstadt Deutschlands zu werden.

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Richard von Weizsäcker und Berlin – das ist eine Beziehung mit Höhen und Tiefen. Sie begann voller Hoffnung, als er als Regierender Bürgermeister kam, wurde durch tiefe Enttäuschung getrübt, als er die Stadt verließ, um Bundespräsident zu werden, und fand zu alter Liebe zurück, als er als Staatsoberhaupt nach dem Fall der Mauer zum Vorkämpfer für Berlin als Hauptstadt wurde.

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, der Freiherr mit württembergischen Wurzeln, preußischer Erziehung und bundesrepublikanischer Liberalität sei als Retter in die Stadt gekommen. Helmut Kohl hatte ihn auserkoren, das nach mehr als dreißigjähriger SPD-Regentschaft wirtschaftlich, politisch und stimmungsmäßig daniederliegende West-Berlin wieder für die CDU zu erobern. Die Chancen waren gut. Als letztes Aufgebot war aus Bonn Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel nach Berlin beordert worden, um die im Parteienfilz versinkende SPD doch noch an der Macht zu halten. Vergeblich.

Mit dem Bauskandal um den Baulöwen Garski hatten die Berliner endgültig die Nase voll von der so lange allmächtig regierenden SPD. Nach einer vorgezogenen Neuwahl im Mai 1981 gewann die CDU 48 Prozent der Stimmen, am 11. Juni wurde Richard von Weizsäcker zum ersten Regierenden Bürgermeister aus den Reihen der CDU gewählt. Zunächst stand er an der Spitze eines von der FDP tolerierten Minderheitssenats, bis die Liberalen im März 1983 einer offiziellen Koalition zustimmten.

Von den „verlängerten Werkbänken“ zur modernen Wirtschaftsstruktur

Weizsäcker trat wohl vorbereitet mit einer jungen tatendurstigen Mannschaft an der Spree an. Mit dabei Norbert Blüm, Ulf Fink, Hanna-Renate Laurien, Elmar Pieroth und Rupert Scholz. Endlich wehte wieder ein frischer Wind durch Berlin, Aufbruchstimmung machte sich breit. Über allem schwebte der liberale, klug formulierende, weltoffene, Mut machende adelige Regierende. Seine Mannschaft setzte um, was der Chef vorgab. Gemeinsam schafften sie es, neue Technologie anzusiedeln und die Wirtschaftsstruktur der Stadt, bislang geprägt durch hoch subventionierte „verlängerte Werkbänke“ westdeutscher Unternehmen, zu modernisieren.

Der teilweise außer Kontrolle geratenen Autonomen-Szene, in der die Hausbesetzerbewegung als besonders bedrohlich für den inneren Frieden der westlichen Teilstadt galt, sagte er mit seinem Innensenator Heinrich Lummer den Kampf an. Ein konservativer Haudrauf, der für den intellektuellen Überflieger Weizsäcker die sogenannte „Drecksarbeit“ zu erledigen hatte. Alle zusammen ein Team, das die West-Berliner nach Jahren politischer, auch seelischer Depression wieder an die Zukunft glauben ließ.

Umso größer die Enttäuschung, als sich Weizsäcker entschied, sich seinen politischen Lebenstraum zu erfüllen und mit aller Macht dafür kämpfte, Nachfolger von Bundespräsidenten Karl Carstens zu werden. Viele Berliner sahen sich getäuscht, weil sie von Weizsäcker nicht nur für vier Jahre gewählt hatten, er ihnen auch signalisiert hatte, hier seine politische Heimat gefunden zu haben. Vergebens versuchte sein einstiger Förderer Kohl, ihn vom höchsten Staatsamt fernzuhalten. Er fürchtete, nachdem die CDU endlich den Regierenden Bürgermeister stellte, dieses damals sehr symbolträchtige Amt gleich wieder zu verlieren.

Legendär sind Bilder vom Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Türkei im Olympiastadion 1983. Auf der Ehrentribüne lieferten sich Kanzler Kohl und der Regierende von Weizsäcker ein nicht zu übersehendes, weil die Herren auch wild gestikulierten, Wortgefecht. Das endete abrupt mit dem Anpfiff des Spiels und ging bis Spielende in ein totales Schweigen über. Anlass des Streits war die Erwartung von Weizsäckers, Präsident zu werden. Das wurde er gegen Kohls Willen im Mai 1984, womit zugleich die politische Freundschaft zwischen beiden zerbrach. Und die Berliner, auch diese Zeitung, zürnten heftig mit ihrem flüchtigen Hoffnungsträger.

Politische Präsenz

Doch Versöhnung ließ nicht lange auf sich warten. So oft wie kein Vorgänger im höchsten Staatsamt besuchte er Berlin, ließ das ziemlich marode gewordene Schloss Bellevue sanieren und brachte von Bonn aus politischen Glanz in die Stadt. Das tat der geschundenen Seele der Berliner in ihrer eingemauerten Stadt gut. Zugleich wurde der Anspruch Berlins, irgendwann wieder Hauptstadt eines vereinten Deutschlands zu werden, durch Weizsäckers auffallend häufige politische Berlin-Präsenz untermauert.

Zum wichtigen Anwalt Berlins im höchsten Staatsamt wurde Weizsäcker 1989/90 nach dem Mauerfall. Als ersten Spitzenpolitiker auf Bonner Bühne warb er ohne Wenn und Aber für Berlin als Hauptstadt. Berlin sei der „Platz für die politisch verantwortliche Führung Deutschlands“ sagte er im Juni 1990, als ihm die Ehrenbürgerwürde von Gesamt-Berlin verliehen wurde. Und als ein Jahr später die Bonner Abgeordneten parteiübergreifend über die künftige Hauptstadt stritten, stellte er klar: Er sei nicht willens, reine Dekoration für eine Hauptstadt ohne Regierungs- und Parlamentssitz zu sein. Das brachte ihm den Vorwurf der einseitigen Einmischung in die Hauptstadt-Entscheidung ein, was nichts anderes als die Absicht des Präsidenten war. Und der ging mit gutem Beispiel voran. Um gegen den zögerlichen Umzug der Bonner ein Signal zu setzen, führte Weizsäcker schon ab 1994 den wesentlichen Teil seiner Amtsgeschäfte vom Berliner Schloss Bellevue aus.

Da waren Berlin und von Weizsäcker längst wieder eins. Dass er 1994 nach Ende seiner Amtszeit eine Villa in Dahlem bezog war so naheliegend, wie er zum strahlend eleganten Mittelpunkt auf dem Berliner Parkett wurde, wo immer er auftrat. Und das war nicht selten. Bis ein Sturz vor einigen Monaten ihn schwächte.