Urteil

Darf Annette Schavan ihren Doktortitel behalten?

Heute entscheidet das Verwaltungsgericht Düsseldorf über die Doktorarbeit der ehemaligen Bildungsministerin. Der Präsident der Humboldt-Universität Olbertz kritisiert die Aberkennung der Doktorwürde.

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Unter dem Aktenzeichen 15 K 2271/13 verhandelt an diesem Donnerstag das Verwaltungsgericht Düsseldorf den Fall Annette Schavan (CDU). Es geht um ihre Doktorarbeit „Person und Gewissen“ aus dem Jahr 1980. Die 58-Jährige war am 9. Februar 2013 als Bundesbildungsministerin zurückgetreten, nachdem ihr die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ihren Doktortitel aberkannt hatte. Mit einer Entscheidung des Gerichts wird bereits an diesem Donnerstag gerechnet. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen.

Warum ist Annette Schavan zurückgetreten?

Sie galt als kompetent, seriös, sachorientiert. Doch am 5. Februar 2013 wurde Annette Schavans bis dato untadeliger Ruf durch das Urteil des Fakultätsrats der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf schwer beschädigt: Die CDU-Politikerin habe in ihrer Doktorarbeit „Person und Gewissen“ von 1980 „systematisch und vorsätzlich getäuscht“. Zwölf von 15 Jurymitgliedern stimmten dafür, es gab nur zwei Gegenstimmen und eine Enthaltung. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagte: „Eine Wissenschaftsministerin, die wegen systematischer und vorsätzlicher Täuschung des Plagiats überführt wird und der daraufhin ihre Promotion aberkannt wird, ist nicht mehr tragbar.“

In einem anderen Amt, etwa als Entwicklungshilfeministerin, wären die Zitierfehler womöglich verkraftbar gewesen. Doch eine Wissenschaftsministerin, deren Universität ihr die Doktorwürde entzieht? Schavan war nicht mehr zu halten. Das wusste sie selbst. Vier Tage nach der Entscheidung der Universität Düsseldorf trat sie zurück. Schavan galt als enge Vertraute von Angela Merkel (CDU). Die Bundeskanzlerin sagte, sie haben den Rücktritt nur „schweren Herzens“ akzeptiert. „Freundschaft“, sagte Schavan, „dauert über den Tag hinaus.“ Nach ihrem Rücktritt reiste Schavan zu ihrer Mutter Thea, 84, nach Neuss.

Trägt Schavan aktuell noch ihren Doktortitel?

Auf der Homepage der FU Berlin steht nach wie vor: „Prof. Dr. Annette Schavan“, sie ist Honorarprofessorin am Seminar für katholische Theologie. Auch die Homepage des Deutschen Bundestages nennt sie „Dr. Annette Schavan“. So stand es auch im September 2013 auf den Wahlzetteln in Ulm, so steht es an ihrem Büro im Bundestag und auf ihren Visitenkarten. Eine Mitarbeiterin von Schavan sagt in den Tagen vor dem Urteil am Telefon: „Sie hat so viele Ehrendoktortitel, sie wird sich immer Dr. nennen können.“ Andererseits stünde Schavan, wenn das Gericht zugunsten der Universität Düsseldorf entscheidet, ohne akademischen Abschluss da: 1980 schloss Schavan, was damals noch möglich war, ihr Studium mit der Promotion ab – und nicht mit einem Staatsexamen oder einem Magister.

Wie stehen ihre Chancen vor dem Verwaltungsgericht?

Wahrscheinlich wird Annette Schavan ihren Doktortitel nicht behalten können. Etwa 90 Prozent der Klagen vor einem Verwaltungsgericht werden abgewiesen, so der Bonner Wissenschaftsrechtsexperte Wolfgang Löwer. Der Entzug des Doktortitels ist zudem Ermessenssache, der Spielraum der Hochschule ist groß. Schavan hätte nur eine Chance, wenn der Universität ein Verfahrensfehler nachgewiesen werden kann. Genau auf diesen Punkt zielen ihre Anwälte. Sie selber sagte im Dezember, sie empfinde das, was ihr geschehen ist, als Unrecht. „Deshalb klage ich dagegen.“

Was hat Schavan nach ihrem Rücktritt gemacht?

Schavan wurde in ihrem Wahlkreis 291 Ulm direkt in den Bundestag gewählt. Sie bekam mit 52,1 Prozent der Stimmen sogar mehr als 2009 (42,8 Prozent). Das hängt allerdings auch mit dem schlechten Ergebnis des FDP-Kandidaten zusammen. Schavan soll neue Vatikan-Botschafterin werden. Doch das Auswärtige Amt wehrt sich dagegen. Ihr würden Voraussetzungen fehlen. Außerdem dürfe man nicht zur „Versorgungsanstalt“ für Politiker werden, heißt es. In die große Politik wird sie wohl nicht zurückkehren. Sie sagt: „Ich kann wirklich ohne Amt.“

Was sagen Experten?

Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität ist im Fall Schavan der Ansicht, „dass auf der damaligen Verfahrensgrundlage die Aberkennung des Doktortitels nicht gerechtfertigt war“. Zudem kritisiert Olbertz die Vorgehensweise der Universität Düsseldorf. „Es mangelt an der nötigen Tiefe, wenn isolierte Textmodule verglichen werden, ohne sie in den Gesamttext und die übergreifende Gedankenführung der Arbeit einzuordnen“, sagte Olbertz der Berliner Morgenpost.

Geisteswissenschaftliche Texte seien immer mehr als die Summe ihrer einzelnen Textbausteine. „Außerdem fehlt eine kritische Selbstthematisierung der Fakultät.“ Schließlich hätte diese seinerzeit Schavans Arbeit angenommen und für gut befunden. Andere Experten stellen sich hinter die Entscheidung der Universität Düsseldorf.

So sagt Bernhard Kempen, Rechtsprofessor an der Universität Köln und Präsident des Deutschen Hochschulverbandes: „Die Universität Düsseldorf hat das Verfahren gewissenhaft durchgeführt.“ Sie spricht von 60 Passagen in Schavans Doktorarbeit, in denen die spätere Wissenschaftsministerin unsauber gearbeitet hat. Schavans unbekannter Plagiatsjäger, der unter dem Pseudonym „Robert Schmidt“ agiert, führt 91 Passagen auf.