Migration

So viele Zuwanderer in Deutschland wie seit 1995 nicht

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Foto: Friso Gentsch / dpa

Alleine im letzten Jahr kamen eine Million neue Zuwanderer nach Deutschland. Vor allem aus dem krisengeschüttelten Südeuropa zieht es immer mehr Menschen her. Die Politik ist begeistert.

Die Wirtschaftskrise in Südeuropa und die EU-Osterweiterung haben Deutschland im vergangenen Jahr mehr als eine Million Zuwanderer gebracht – so viele wie seit 17 Jahren nicht mehr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kletterte die Zahl der Zuwanderer um 13 Prozent oder 123.000 auf 1,081 Millionen.

Zugleich zählten die Statistiker 712.000 Abwanderer, fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Damit ergab sich für 2012 ein Wanderungsüberschuss von 369.000 Zuwanderern. Das ist ebenfalls der höchste Wert seit 1995. „Es gibt eine Umlenkung in Europa weg von den traditionellen Zuwanderungsmagneten, die jetzt in der Wirtschaftskrise sind“, sagt Zuwanderungsexperte Herbert Brücker vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach von einem „Glücksfall“. „Es geht nicht nur um die Zahl, vor allem die neue Qualität der Zuwanderung ist ein Glücksfall“, sagte die Ministerin der Berliner Morgenpost. „Das hilft unserem Land, macht es jünger, kreativer und internationaler. Das gibt frische Impulse und mehr Wettbewerbsfähigkeit.“ Deutschland entwickele sich zum Magnet für gut qualifizierte, junge Zuwanderer aus der EU, sagte die Vorsitzende des Sachverständigenrates für Integration und Migration, Christine Langenfeld.

Meiste Zuwanderer aus Polen

Von den Zuwanderern waren 966.000 Ausländer und 115.000 Deutsche, die in ihre Heimat zurückkehrten. Zwei Drittel der Einwanderer kamen aus Ländern der Europäischen Union. In absoluten Zahlen stammen die meisten Zuwanderer mit knapp 180.000 nach wie vor aus Polen, gefolgt von Rumänien mit 116.000, Bulgarien mit 58.000 und Ungarn mit knapp 54.000. Sprunghafte Anstiege verzeichnen die Krisenländer Südeuropas: An der Spitze liegt Spanien mit einem Plus von 45 Prozent, gefolgt von Griechenland und Portugal mit jeweils 43 Prozent und Italien mit 40 Prozent. In Spanien und Griechenland ist jeder Vierte arbeitslos. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist in den Krisenländern extrem hoch.

Drei Viertel der Zuwanderung entfiel auf nur fünf Bundesländer: Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg mit mehr als 170.000 Zuwanderern sowie Hessen und Niedersachsen mit jeweils rund 90.000. Das Statistische Bundesamt betonte, sowohl bei den Zu- als auch bei den Abwanderern lasse sich nicht unterscheiden, ob ein vorübergehender oder dauerhafter Aufenthalt geplant sei.

Zuzug gut für Wachstum und Wohlstand

Von der Leyen sagte: „Jeder gewinnt, die jungen Leute, weil sie im Beruf durchstarten können, unsere Wirtschaft, weil Fachkräfte auf die vielen offenen Stellen nachströmen.“ Zudem sinke in den Herkunftsländern der Druck der Arbeitslosen. Die Bundesagentur für Arbeit wirbt in Krisenländern gezielt um Fachkräfte. „Wir werden nicht nur immer älter, sondern auch immer weniger“, sagte BA-Vorstand Raimund Becker. „Wir brauchen daher eine Doppelstrategie: das inländische Potenzial besser ausschöpfen und gleichzeitig die gesteuerte Zuwanderung.“

Die FDP wertete die Rekordeinwanderungszahlen als „erstklassige Nachrichten“. Deutschland brauche aber über den europäischen Arbeitsmarkt hinaus „eine echte Willkommenskultur, um Talente aus der ganzen Welt konkret einzuladen und aktiv anzuwerben“, sagte FDP-Politiker Johannes Vogel. Das Einwanderungsrecht müsse weiter modernisiert werden.

Die Arbeitgeber lobten, es sei gut für Wachstum und Wohlstand, wenn verstärkt Fachkräfte nach Deutschland kämen. Der FDP-Arbeitsmarktpolitiker Johannes Vogel sah durch die Rekordzahlen den Kurs der Bundesregierung bestätigt, Hürden für Zuwanderer abzubauen.

Arbeitsmarktexperten bewerten die neuen Zahlen positiv: Zuwanderung trägt neben steigender Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren dazu bei, die Auswirkungen des Bevölkerungsschwundes auf das Arbeitskräftepotenzial zu verringern.

Ob die Einwanderer erwerbstätig sind, ergibt sich aus der Statistik nicht. Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigen aber, dass auch die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus den zehn EU-Beitrittsstaaten der Jahre 2004 und 2007 wie auch aus den Euro-Krisenstaaten Griechenland, Italien, Portugal und Spanien (GIPS-Staaten) deutlich gestiegen ist. Für die vom Städtetag beklagte Armutszuwanderung vor allem aus Bulgarien und Rumänien sieht der Wissenschaftler Brücker bundesweit kaum Belege.

Die Sozialhilfequote für Bulgaren und Rumänen sei geringer als für die Ausländer in Deutschland insgesamt. Die Wirtschaftskrise in Europa ist nach Einschätzung des IAB-Wissenschaftlers Brücker in zweifacher Hinsicht Auslöser für die höchste Zuwanderung nach Deutschland seit 1995. Einstige Zuwanderungsmagneten wie Italien und Spanien verlören in der Krise etwa für Bulgaren und Rumänen an Attraktivität, sagte der Zuwanderungsexperte.

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