Partei am Scheideweg

Warum die Piraten einen Joschka Fischer brauchen

Lässt sich der Niedergang der Piraten bremsen? Hajo Schumacher empfiehlt die Grünen als Vorbild: Die entschieden sich einst für Mainstream.

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Kleine Umfrage unter jungen Menschen: Wer erinnert sich an Trampert und Ebermann? Die meisten schütteln den Kopf. Nie gehört. Nur einer nickt: Ja klar, das sind doch die beiden lustigen Ösis aus dem Radio. Fast richtig. Die fidelen Österreicher heißen Grissemann und Stermann und sind vorwiegend heiter.

Die Herren Rainer Trampert und Thomas Ebermann dagegen sind locker 20 Jahre älter, professionell verbittert wegen der Gesamtsituation und könnten die Opas von Johannes Ponader sein, dem politischen Geschäftsführer der Piraten.

Trampert/Ebermann begründeten die Grünen mit und prägten jene unklare Phase vor einem Vierteljahrhundert, als die Ökopartei noch nicht so richtig wusste, wie sie sein wollte und wie die Sache mit der Macht behandelt werden sollte.

Trampert/Ebermann hätten lieber eine kleine Gruppe radikaler Spinner angeführt, die Joschka Fischers dagegen wollten immer geschmeidiger Machtfaktor werden.

Die Grünen waren in den ersten Jahren ähnlich verwirrt wie die Piraten. Der große Graben verlief damals wie heute zwischen denen, die den Mainstream akzeptierten, und Ökosozialisten wie Trampert und Ebermann. Sie wollten keine Mehrheit, die ja automatisch für irregeleitetes Volk steht, für Trottmasse, für Blödiane. Zustimmen heißt Schwäche zeigen. Eine coole politische Haltung ist dagegen.

Dagegen sein reicht leider nicht zum Erfolgsprogramm. Der Bürger will Antworten oder zumindest ein glaubwürdiges Bemühen, das Ringen um Lösung, das Hintanstellen des Ichs zum Wohle des Wir.

Ein paar starke Egos dominieren das Wir

Die Piraten stecken gerade in ihrer Trampert/Ebermann-Phase. Ein paar starke Egos dominieren das Wir, endlos und ohne Ergebnis verlaufen die Debatten, die sich weit mehr um Stile und Befindlichkeiten als um Inhalte drehen. Beleidigungen, Indiskretionen und ein nervender Schwall übergagter Twittereien illustrieren eine zerstörerische Lust am Spielen.

Während einige Tausend idealistischer Parteimitglieder an Inhalten basteln, gefällt sich eine kleine Riege lauter Selbstdarsteller. Wird eines der spannendsten politischen Experimente der vergangenen Jahrzehnte zur Beute einiger Narzissten? Oder lässt sich der Niedergang der Piratenpartei bremsen?

Von den Grünen lässt sich lernen, dass der Aufstieg vom kommunistischen Topfblumen-Geschwader zur Ökopartei in jenem Moment begann, da die Dogmatiker verschwanden. Trampert lehnte 1987 eine weitere Kandidatur für den Grünen-Vorsitz ab, weil er sich nicht als Repräsentant der Partei sah.

Ebermann, ein Jahr lang Fraktionssprecher im Bundestag, verließ die Partei 1990 wegen „realpolitischer Tendenzen“. Jutta Ditfurth ging gleich mit. Feindbild war das Politiker-Modell Joschka, einer, der nach Tschernobyl Salatwarnungen aussprach anstatt die Systemfrage zu stellen. Genau dieser Typus aber war offenbar beim Wähler gefragt.

Die entscheidenden Fragen sind ungeklärt: Wer setzt sich durch? Wer wird Joschka? Und: Lassen die piratigen Zentralwerte Neid und Eitelkeit überhaupt eine charismatische Führungsfigur zu?

Piraten befriedigten Nachfrage

Die ersten phänomenalen Stimmengewinne der Piraten – der Beginn waren die Berlin-Wahlen – zeigten, dass die Neuen eine Nachfrage trafen, die die anderen Parteien offenbar vernachlässigt hatten. Zugleich bewies die deutsche Demokratie, dass hier Neues wachsen kann.

Kaum ein Jahr später schlägt eine andere unumstößliche Wahrheit ein: Der Wähler ist ein schrecklich gnadenloses Untier. Er wittert, wenn Politik zur Pose verkommt. Gnadenlos entlarvt ein zunächst durchaus wohlwollender Bürger, dass diese jungen Selbstherrlichen, die angetreten waren, die besseren Menschen zu sein, nicht nur wie die anderen sind, sondern oft noch schlimmer mit ihrem schlechten Benehmen und ihrem Unwillen zur Macht.

Wer ernsthaft Politik macht, muss Hunger zeigen, für seine Ideen eines Tages ins Kanzleramt einziehen zu wollen. Er muss das Gefühl vermitteln, mit der Macht halbwegs verantwortungsvoll umzugehen. Und er darf Arroganz nicht mit politischer Schläue verwechseln.

Die Preisfrage lautet: Von welchem Piraten würde man sich eines Tages regieren lassen wollen? Ponader? Schlömer? Lauer? Klarer Sieg für Philipp Rösler.

Nun also soll eine Online-Befragung unter den 35.000 Mitgliedern für Klarheit sorgen. Was nach Basisdemokratie aussieht, hat allerdings vor allem ein Ziel: Piraten mit geregelter Erwerbsbiografie, Mainstream also, wollen den polarisierenden Freak Johannes Ponader loswerden. Der Parteigeschäftsführer, den Deutschland vor allem mit Sandalen assoziiert, ist ebenso bekannt wie verhasst.

Denn während der IT-Flügel vorm Rechner sitzt und Steuervorauszahlungen erwirtschaftet, hockt Ponader im Zeltlager von Occupy, kuschelt mit dem eher linksorientierten Teil der Basis und stellt engagiert Systemfragen. Der Mann, dessen polygames Liebesleben ebenso öffentlich ist wie sein Dasein auf Hartz IV, verkörpert die Sehnsucht vieler Piraten, eigentlich gar nicht so viel zu tun haben zu wollen mit jener Realpolitik, die schon Trampert und Ebermann verachteten.

Ponader ist Repräsentant einer Zwei-Prozent-Partei, ganz unterhaltsam zwar, aber keiner, den man sich in einem Amt mit Entscheidungsbefugnis wünschte. Wie einst Ebermann/Trampert, die in jungen Jahren mit Trabrennpferden zu Geld kommen wollten, steht auch Ponader für latenten Unernst und Abenteuerlust. Scheitert dieses Projekt, zieht er halt zum nächsten.

Die böse Realpolitik

Wie einst bei den Grünen stehen die Piraten vor der Frage, ob sie mit Ponaders Straßentheater weiter in die Bedeutungslosigkeit steuern, wo sich manche ja ganz wohlfühlen, oder ob sich eine Mehrheit zur bösen, anstrengenden und kompromissbehafteten Realpolitik durchringt.

Wie diese Zukunft genau aussieht? „Keine Ahnung“, kann man da nur auf gut Piratisch antworten. Das aktuelle Angebot, Ponader hin oder her, ist ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl jedenfalls zu dünn, um den Piraten fünf Prozent oder mehr zu wünschen. Und das ist gut so.

Den Grünen tat die außerparlamentarische Besinnungsphase von 1990 bis 1994 ausgesprochen gut. Wer vier Jahre Versenkung durchhält, der hat kapiert, dass Politik den Kampf um Macht bedeutet, um Stimmen und mithin um den Mainstream.

Und hier liegt bislang womöglich der größte Denkfehler. Viele Piraten hegen tiefes Misstrauen gegen Macht. Denn Macht braucht Mehrheit. Und Mehrheit braucht Populismus. Und Charisma. Piraten aber verabscheuen Macht, Mehrheit, Charisma – alles böser Mainstream. Unverdächtig ist dagegen, wer töffelig oder esoterisch daherkommt, einer, der bei „The Big Bang Theory“ mitspielen könnte. Wer aber sein Leben am liebsten als Geheimtipp verbringen möchte, ist in der Politik falsch aufgehoben.