Das Format stand schon länger unter keinem guten Stern mehr: 2010 fiel die „Berliner Rede“ von Bundespräsident Horst Köhler ersatzlos aus, nachdem dieser „mit sofortiger Wirkung“ seinen Rücktritt erklärt hatte. 2011 überließ Christian Wulff den Job kurzerhand seinem polnischen Amtskollegen Bronislaw Komorowski und begnügte sich mit einem Grußwort. Und 2012 gab es gar keinen, der die „Berliner Rede“ halten konnte, nachdem Christian Wulff am 17.Februar die Konsequenz aus der Kreditaffäre gezogen hatte.

Jetzt, da die Krise im höchsten Staatsamt zu Ende ist und Deutschland mit Joachim Gauck wieder einen Präsidenten hat, der nie um eine treffende Formulierung verlegen zu sein scheint, könnte es eigentlich weitergehen. Doch nach Informationen der Berliner Morgenpost bricht Gauck mit dem Gewohnten. Zwar lädt er am kommenden Freitag ebenfalls eine Schar von 200 Gästen zu einer Rede auf seinen Dienstsitz ein.

Aber Gaucks Sprecher Andreas Schulze legt Wert auf die Feststellung, dass es sich dabei nicht um eine „Berliner Rede“ handele, sondern schlicht um „eine“ Rede des Präsidenten. Gauck will dann über die Perspektiven der europäischen Idee sprechen. Auch für den Rest des Jahres sei auf gar keinen Fall eine „Berliner Rede“ des Präsidenten vorgesehen, betont Schulze – wer mag, kann das als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen.

Details will das Bundespräsidialamt zwar erst noch bekannt geben, doch Gauck scheint sich zu trauen, was Wulff dem Vernehmen nach damals nur erwogen hatte – nämlich ganz auf die „Berliner Rede“, wie man sie bislang kannte, zu verzichten. So wurde für die Premiere des neuen Formats in der nächsten Woche nach Morgenpost-Informationen sogar schon ein anderer Name kreiert: „Bellevue-Forum“.

Prinzip Hoffnung

Bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner, die die „Berliner Rede“ initiiert hat und stets an ständig wechselnden Schauplätzen in der Stadt stattfinden ließ, hofft man noch, dass es trotzdem weitergeht. Frei nach dem Motto: irgendwie, irgendwo, irgendwann. „Zur Zukunft des Formates ,Berliner Rede‘ sind wir mit dem Bundespräsidialamt im Gespräch und zuversichtlich, diese – in welcher Form und in welchem Jahresrhythmus auch immer – weiterzuführen“, sagte Geschäftsführerin Melanie Bähr.

Und das, obwohl die Veranstaltung bislang als ein „über Berlin hinausweisendes, festes gesellschaftliches Ereignis im Berliner Kalender“ angelegt war. Möglichst jeweils im April – als Andenken an jenen 27.April 1920, an dem die preußische Landesversammlung die Bildung einer neuer Stadtgemeinschaft Berlin beschlossen hatte. Das Datum wurde in den zurückliegenden Jahren jedoch genauso wenig eingehalten wie der selbst gesteckte Anspruch, mit jeder dieser Reden „Berlin als geistiges Zentrum Deutschlands“ neu zu positionieren.

Als Bürde erwies sich vor allem der große Erfolg der ersten „Berliner Rede“, die Roman Herzog 1997 im „Hotel Adlon“ gehalten hatte. Der eindringliche Auftritt Herzogs, der verlangte, dass durch Deutschland ein „Ruck“ gehen müsse, um den Teufelskreis aus Resignation, Reformblockade und Verlust an wirtschaftlicher Dynamik zu durchbrechen, war als „Ruck“-Rede in die Annalen der Republik eingegangen.

Die Messlatte lag so für die Wiederauflagen denkbar hoch; die Folgeveranstaltungen hatten längst nicht die Durchschlagskraft von Herzogs einmaligem Temperamentsausbruch. Seine Nachfolger und Berlin Partner hielten aber dennoch eisern an dem Format fest.

Nur: Wer erinnert sich noch an die Ausführungen Horst Köhlers zum „Streben der Menschheit nach Glück“ im Radialsystem 2007? Oder daran, wie er 2006 in der Neuköllner Kepler-Schule zum Thema „Bildung für alle“ referierte? Und was blieb von Johannes Raus Auftritten im Haus der Kulturen der Welt („Ohne Angst und ohne Träumereien – Gemeinsam in Deutschland leben“, 2000), in der Staatsbibliothek („Wird alles gut? Für einen Fortschritt nach Maß“, 2001) oder dem Museum für Kommunikation („Chance, nicht Schicksal – die Globalisierung politisch gestalten“, 2002)?

Die auch damals schon maue öffentliche Resonanz stand im Widerspruch zum ehrgeizigen Anspruch der Reihe, die Bedeutung Berlins „als Hauptstadt in der Mitte Europas“ herauszustellen. Parallel dazu stiegen paradoxerweise die Erwartungen an das Format weiter, was in Bellevue manchem Redenschreiber schlaflose Nächte beschert haben dürfte. Christian Wulff wurde es wegen des Erwartungsdrucks an seinen ersten staatstragenden Auftritt vor Hunderten geladenen Gästen dann derart mulmig zumute, dass er 2011 im Audimax der Humboldt-Universität lieber Bronislaw Komorowski das Feld überließ.

Das konnte zwar auch als Geste der Bescheidenheit verstanden werden, und das Konzept der „Berliner Reden“ sah Gastreden herausragender Persönlichkeiten ja auch vor. Doch Wulff hatte sich damit dem Verdacht ausgesetzt, offenbar gar nichts Wichtiges zu sagen zu haben. Das markierte zugleich einen neuen Tiefpunkt in der Kooperation zwischen Berlin Partner und Bundespräsidialamt.

„Die Reihe hat sich nach dem grandiosen Start mit Roman Herzog weder als tragfähig noch als einflussreich und wirkungsvoll erwiesen“, sagte der Medienwissenschaftler Jo Groebel der Berliner Morgenpost. „Es ist deshalb sinnvoll, sie so nicht weiter fortzuführen. Je häufiger solch ritualisierte Reden gehalten werden, umso mehr verpuffen sie.“ Das unglückliche Format mit den immer neuen Orten habe die Wirkung der Auftritte eher entkräftet.

Aus Gaucks Sicht sei es klug, sich von diesem Ritus zu befreien. „Der Bundespräsident setzt so eine Marke, die er originär mit seinem Namen verbinden kann, statt eine vermeintliche Tradition fortzuführen, die in Wahrheit nie eine geworden war.“ Außerdem könnten Reden, deren Termin so lange feststehe, nur Grundsatzreden sein. Es sei für ein Staatsoberhaupt aber genauso wichtig, sich punktuell in aktuelle Debatten einzuschalten.

Tingelei durch die Stadt

Bei Berlin Partner, wo man auch noch das „Berliner Hoffest“, die „Berliner Meisterköche“ und die „Berliner Bühnenwochen“ im Veranstaltungsportefolio hat, sieht man das anders. „Die Sicht des Staatsoberhauptes auf zentrale Themen der Zeit hatte in diesem Format immer wieder eine öffentlichkeitswirksame Plattform“, sagt Geschäftsführerin Bähr. Sie hat auch den Eindruck gewonnen, dass von der „Berliner Rede“ oftmals „wichtige Impulse“ ausgegangen seien. „Das Besondere der ,Berliner Rede‘ ist, dass wir für sie mit dem Bundespräsidialamt Orte in der Hauptstadt ausgesucht haben, die für das Thema stehen.

Hierdurch konnte eine besondere Aufmerksamkeit auf Berlin als Hauptstadt und geistiges Zentrum erzeugt werden, was unserem Anliegen im Hauptstadt-Marketing entspricht“, so Bähr. „Wir sind sehr froh, dass wir gemeinsam mit dem Bundespräsidialamt in vielen Jahren die ,Berliner Rede‘ erfolgreich durchgeführt haben, und danken für die großartige Zusammenarbeit seit der ersten ,Berliner Rede‘ 1997.“

Gaucks Strategen scheinen hingegen der Ansicht zu sein, dass sich auf die Tingelei durch Schulen, Kirchen und Theater der Stadt getrost verzichten lässt, wo man doch auch im Schloss Bellevue Hof halten kann. Ein Bruch mit dem bisherigen Konzept ist außerdem die veränderte Gästeliste: Weil Berlin Partner aus der Rede immer ein „gesellschaftliches Ereignis“ machen wollte, flatterten nur den Spitzen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik Einladungen ins Haus. Jetzt sind erstmals auch Schüler eingeladen, um dem Bundespräsidenten zu lauschen.