Plagiatsvorwurf

Schicksalstag - Uni entscheidet über Schavans Doktortitel

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Foto: Michael Kappeler / dpa

Falsch zitiert oder bewusst getäuscht? Darüber wird in Düsseldorf beraten. Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen im Fall Schavan.

In Gebäude 23.21 der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entscheidet sich an diesem Dienstag womöglich die weitere politische Karriere von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU).

Das Schicksal der promovierten Christdemokratin liegt in den Händen des Fakultätsrats, der um 14.30 Uhr zusammenkommt, um erneut über den Entzug ihres Doktortitels zu beraten. In Schavans Umfeld rechnet man mit einer Entscheidung nicht vor dem Abend.

Die Entwicklungen der vergangenen Wochen deuten darauf hin, dass ihr der Titel wegen des Vorwurfs, plagiiert zu haben, aberkannt wird und sie nicht mit einer Rüge davonkommt. Dass Schavans 1980 eingereichte Doktorarbeit „Person und Gewissen“ Mängel aufweist, ist unbestritten. Die Berliner Morgenpost beantwortet wichtige Fragen.

Warum geht die Universität Düsseldorf gegen Schavan vor?

Es fing wie so oft im Internet an: Erste Täuschungsvorwürfe gegen Schavans Doktorarbeit wurden im Mai 2012 auf der Internetplattform „Schavanplag“ erhoben. Daraufhin schaltete der Dekan der Philosophischen Fakultät Düsseldorf auf Schavans Wunsch hin den Promotionsausschuss ein. Für diesen verfasste der Judaistikprofessor Stefan Rohrbacher einen Sachstandsbericht.

Anhand von Textvergleichen warf er darin Schavan eine „leitende Täuschungsabsicht“ vor. Das Verfahren zur möglichen Aberkennung treibt seitdem der Fakultätsrat voran. Er muss sich vor allem mit der Frage befassen, ob die Doktorandin Schavan Verstöße gegen Zitierregeln in Kauf genommen hat oder ob sie bewusst bei Zitaten getäuscht hat.

In welchem wissenschaftlichen Umfeld promovierte Schavan?

Häufig wurde in den vergangenen Wochen von den Verteidigern Schavans eine besondere wissenschaftliche Kultur im Fach Erziehungswissenschaft ins Feld geführt. Dies hat den Eindruck erweckt, als hätten die Regeln für sorgfältiges Zitieren dort nicht in dem Maße gegolten wie in anderen Fächern. Schavans Doktorvater hat diese Deutung nie unterstützt. Er meldete sich zuletzt im Oktober zu Wort und verteidigte die Arbeit seiner Doktorandin.

Richtig ist allerdings, dass Gerhard Wehle und auch der Zweitkorrektor der Arbeit aus einer anderen Hochschultradition stammten. Sie unterrichteten über Jahre an der Pädagogischen Hochschule Neuss, die erst im Publikationsjahr von Schavans Dissertation – 1980 – in die Universität Düsseldorf aufgenommen wurde.

Dem Eindruck, dies habe möglicherweise zu einem anderen Umgang mit Texten und Quellen beigetragen, treten die Betroffenen und auch Professoren aus der Neusser Zeit aber entgegen. Schavan hat ihre Arbeit bereits in Düsseldorf begonnen, direkt nach dem Abitur, was damals noch möglich war. Verliert sie den Titel, hat sie deshalb keinen Hochschulabschluss mehr.

Der Entstehungskontext scheint den Promotionsausschuss nicht interessiert zu haben. Wehle wurde nicht einmal gehört. Mehrere Briefe etwa des Literaturwissenschaftlers Wilhelm Gössmann, ebenfalls Professor in Neuss und Düsseldorf, blieben unbeantwortet. Wie die indirekte Ankündigung eines zu erwartenden Titel-Verlusts wirkt indes der Umstand, dass der „Süddeutschen Zeitung“ vor einigen Tagen ein mehr als 30 Jahre altes Büchlein mit dem Titel „Hinweise zur Anfertigung von Seminararbeiten“ zugespielt wurde, das ausgerechnet der Düsseldorfer Pädagogikprofessor Wolfgang Kramp geschrieben und Schavans Doktorvater persönlich mitherausgegeben hat.

„Geistiger Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt“, mahnt Kramp im Absatz „Zitierpflicht“. Allerdings werden auch „Grenzen der Zitierpflicht“ benannt: „So sind wir beispielsweise im vorliegenden Abschnitt nicht verpflichtet, reihenweise fremde Bücher zu zitieren, nur weil sich dort ähnliche Gedanken finden, wie wir sie hier vertreten.“

Was sagen die Kollegen in der schwarz-gelben Koalition?

Die Ministerin hat die Rückendeckung des Kabinetts und der Regierungsfraktionen. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte: „Ich habe stets betont, dass ich Annette Schavan uneingeschränkt vertraue, daran hat sich nichts geändert.“ Auch die FDP solidarisierte sich. Deren bildungspolitischer Sprecher Patrick Meinhardt sagte, die letzten neun Monate seien von Mutmaßungen und mangelnder Fairness, von frühzeitigen Veröffentlichungen und einem Verfahren geprägt gewesen, „das mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben hat“. Vor allem müsse Frau Schavan endlich die Chance haben, in vollem Umfang zu allen Vorwürfen Stellung zu beziehen. Ihr CDU-Kreisverband in Ulm hat Schavan ebenfalls das Vertrauen ausgesprochen. Vor einer Woche wurde die Ministerin mit 96 Prozent wieder als Bundestagskandidatin nominiert. Andererseits heißt es in Unionskreisen aber auch, dass eine „sehr schwierige“ Situation eintritt, wenn die Universität Schavan tatsächlich den Titel aberkennt.

Wie reagiert die Opposition?

SPD und Grüne verfolgen in Lauerstellung das Verfahren, erhöhen mittlerweile aber den Druck: Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ernst Dieter Rossmann, sagte: „Das Ganze ist für Frau Schavan in jedem Fall hochpeinlich. Klar ist, dass bei einer Aberkennung Frau Schavan nicht Bundesministerin bleiben kann.“ Ähnlich äußerte sich Krista Sager von den Grünen.

Wie verhält sich die Ministerin?

Annette Schavan ist am Montag zu einer fünftägigen Reise nach Südafrika aufgebrochen. Sie wird dort neue Forschungskooperationen besprechen. Die Reise ist seit Langem geplant. Schavan hatte wiederholt angekündigt, sie werde kämpfen. Zwar könne sie für sich „nicht in Anspruch nehmen, keine Flüchtigkeitsfehler gemacht zu haben“. Aber sie bestehe darauf, nicht plagiiert oder gar getäuscht zu haben. Dem „Zeit“-Magazin sagte sie: „Vor 33 Jahren gab es noch keine technischen Möglichkeiten, einen Text noch einmal zu überprüfen. Man konnte nur selbst genau lesen und auf die Prüfer vertrauen.“ Der Verlust des Titels wäre mit der Entscheidung auch noch nicht rechtskräftig, weil Schavan sich verwaltungsgerichtlich dagegen wehren darf. Solche Verfahren können dauern. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bis zur Bundestagswahl kein Urteil fällt. Allerdings dürfte sie auch unter diesen Umständen kaum im Amt zu halten sein, heißt es.

Wie reagiert die Wissenschaft?

Die Universität Düsseldorf sieht sich auf Grund der langen Prüfdauer mit Kritik konfrontiert. Auch sprangen Schavan zuletzt große Wissenschaftsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Hochschulrektorenkonferenz bei. Bemängelt wird, dass in Düsseldorf kein Erziehungswissenschaftler mit der Prüfung der Arbeit betraut wurde, sondern mit Stefan Rohrbacher ein Judaist. Auch ein zweites, unabhängiges Gutachten wird immer wieder gefordert, weil Rohrbachers Integrität bezweifelt wird, nachdem sein vernichtendes Gutachten sogleich an den „Spiegel“ durchgestochen wurde.

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