Studie

Eltern wehren sich gegen achtjähriges Gymnasium

Eine Studie belegt, dass die meisten Eltern sich eine längere Grundschulzeit und mehr Ganztagsschulen wünschen.

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Zwei Kultusminister hat die Union noch: Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann und den bayerischen Ressortchef Ludwig Spaenle (CSU). Vor Kurzem waren es immerhin noch drei, aber in Sachsen folgte nach dem Rücktritt des CDU-Mannes eine parteilose Ministerin. Konservative Schulpolitik wird in Deutschland in den als Schaltstellen alles entscheidenden Ländern nicht mehr betrieben.

Das macht auch nichts, wenn man Politik als Spiegel des Bürgerwillens versteht. Die Tatsache, dass SPD und Grüne heute in der Landesschulpolitik den Ton angeben, deckt sich offensichtlich mit den Bedürfnissen und Ansprüchen der Eltern schulpflichtiger Kinder. Das zumindest geht aus einer Studie hervor, die das Unternehmen Jako-O zum zweiten Mal beim Sozialforschungsinstitut TNS Emnid in Auftrag gegeben hat. 3000 Eltern wurden im Januar dieses Jahres dafür befragt. Von ihnen stimmt die Mehrheit heute Konzepten zu, die entweder einst aus dem linken Spektrum gekommen sind und heute von allen Parteien vertreten werden. Oder die bis heute vor allem linke Projekte geblieben sind.

Hinzu kommt eine tiefe Skepsis gegen das Leistungsprinzip. 74 Prozent beklagen, dass das Leistungsprinzip in der Bildungspolitik für zu wichtig erachtet wird. Schule darf möglichst nicht wehtun, niemanden zu sehr fordern – ein Motiv, das aus vielen Ergebnissen der Studie spricht.

Beispiel eins: ganztags oder halbtags. Ein Projekt, das noch vor zehn Jahren eines einer Minderheit war, ist die Ganztagsschule. 70 Prozent würden ihre Kinder laut der Studie heute dorthin schicken, wenn es sie denn flächendeckend gäbe. Damit ist der Wert im Vergleich zur ersten Jako-O-Bildungsstudie vor zwei Jahren sogar noch einmal gestiegen. Damals sprachen sich noch 59 Prozent für ein solches Angebot aus. Allerdings ist Ganztagsschule nicht gleich Ganztagsschule. Es gibt heute in Deutschland zwei Formen, die freie und die gebundene. Letztere ist die „echte“ Ganztagsschule, mit einem Nachmittagsunterricht, der nicht nur auf Sport, Hausaufgabenbetreuung, Musik oder weichen Wahlfächern setzt, sondern der den gesamten Stoff auf den Tag verteilt. Diese Form finden nur 32 Prozent der Eltern gut. Die Mehrheit (38 Prozent) plädiert für die softe Variante. Die konzentrierte Halbtagsschule mit nur einer großen Pause hat hingegen kaum noch eine Lobby. Nur noch ein Viertel der Eltern wünscht sich den Fortbestand dieser Schulform.

Beispiel zwei: längeres gemeinsames Lernen. Drei von vier Eltern lehnen heute die Praxis ab, Kinder nach der vierten Klasse aufzuteilen. 60 Prozent sprechen sich für die Trennung nach der sechsten Klasse aus. 15 Prozent wollen sogar erst nach der neunten Klasse eine Entscheidung über weiterbildende Schulformen fällen. Das längere gemeinsame Lernen, ein Lieblingsprojekt von SPD, Grünen und Linker, genießt eine hohe Reputation, ungeachtet der Tatsache, dass wissenschaftliche Erkenntnisse über seinen Ertrag in Deutschland kaum vorhanden sind. Verteidigen Bildungspolitiker oder -forscher dieses Konzept, so führen sie in der Regel an, dass Schwächere von Besseren profitieren können. Eltern scheinen sich ihr anzuschließen.

Nur die Hälfte der Eltern hält Begabtenförderung für wichtig

Gänzlich diskreditiert scheint hingegen jegliches Elitedenken. Nur 52 Prozent der befragten Eltern halten Begabtenförderung für wichtig. Dagegen bezeichnen es 84 Prozent als „sehr wichtig“, dass alle Kinder in Deutschland die gleichen Bildungschancen haben und dass Wert auf soziales Verhalten gelegt wird. Tatsächlich hat sich in Deutschland in dieser Hinsicht in den vergangenen zehn Jahren seit dem Pisa-Schock vieles gut entwickelt. Die Abhängigkeit von Herkunft und Bildungserfolg ist zwar nach wie vor hoch, aber sie geht zurück. Die öffentliche Meinung vollzieht diese Tendenz offensichtlich aber noch nicht nach. Die Tatsache, dass nur die Hälfte Begabte besonders fördern will, kann für eine Art schlechtes Gewissen denjenigen gegenüber stehen, die nur Durchschnitt sind. Dabei sind es die Begabten, die in der Bildungspolitik mehr oder minder vergessen wurden. „Bei allen Reformen, die aktuell im Schulwesen unternommen werden, hat niemand eine Idee, wie er mit den besonders Leistungsbereiten umgehen soll“, kritisiert der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger.

Beispiel drei: das achtjährige Gymnasium. Die im Volksmund G8 genannte Reform war ein Politikerprojekt. Keines von der linken oder rechten Seite, sondern eines, das vor zehn Jahren alle für notwendig erachteten. Damals ging die Angst um, dass man Generationen erzog, die zu alt für den internationalen Wettbewerb sein könnten. Die Schulzeitverkürzung war die scheinbar adäquate Antwort darauf. Alle Bundesländer haben sie mittlerweile mehr oder minder vollzogen. Die Betroffenen aber können sich nicht mit ihr anfreunden. 79 Prozent der Eltern würden das G9 vorziehen, und genauso viele sind der Meinung, man sollte zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren. Bleibt es bei der achtjährigen Variante, sollten die Lehrpläne angepasst – also ausgedünnt – werden. Mittlerweile haben einige Bundesländer wie Baden-Württemberg ihre G8-Reformen so modifiziert, dass Schulen auch neun Jahre anbieten können. Überall, wo dies geschehen ist, zeigte sich, dass die Anmeldezahlen an Schulen, die beide Varianten anbieten, im kürzeren Zweig weit hinter denen im längeren zurückfallen. Darin spiegelt sich der Elternwille deutlich. Das G8 gilt geradezu als Ausgeburt des Leistungsgedankens.